Landtagswahl in RLP - Brennpunkt Schule: Was tun gegen Gewalt und Lernrückstände?
Zwei Sendungen - ein Thema: SWR Aktuell und Zur Sache Rheinland-Pfalz befassen sich mit der Lage im Bildungswesen im Land. Im Blog ordnen wir ein, geben Hintergrundinfos und checken Fakten, soweit möglich.
Wir schließen diesen Blog für heute. Nächste Woche widmen wir uns mit Zur Sache Rheinland-Pfalz dem Thema Wirtschaft. In der Sendung werden diskutieren: Daniela Schmitt (FDP), Wirtschaftsministerin, und AfD-Fraktionsvorsitzender Jan Bollinger.
Einen schönen Abend noch, wir verabschieden uns. Beim nächsten Mal werden unsere Kollegin Jeanette Schindler und Kollege Martin Heuser diesen Blog betreuen.
Der dritte Themenabend zur Landtagswahl im Video
Das war der dritte Themenabend zur Landtagswahl 2026 in Rheinland-Pfalz. Diesmal mit dem Schwerpunkt Bildung - ein Thema, das die Menschen im Land als besonders drängend empfinden. Das ist eines der Umfrageergebnisse des Rheinland-Pfalz-Trends. In Zur Sache Rheinland-Pfalz hat RLP-Bildungsminister Sven Teuber (SPD) mit der bildungspolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion, Jenny Groß, diskutiert - über Gewalt an Schulen und Gegenmaßnahmen, mehr Sprachförderung schon im Kita-Alter und wie das personell und infrastrukturell bewerkstelligt werden könnte. Die gesamte Diskussion findet ihr direkt hier:
Fazit zur Debatte: Einigkeit über frühkindliche Bildung - Streit über das "Wie"
Wir beschließen den heutigen Liveblog zur Sendung mit einem Fazit der SWR-Reporterin Petra Wagner aus der Redaktion Landespolitik: Die Diskussion war geprägt von gegenseitigem Respekt. Sowohl Bildungsminister Sven Teuber (SPD) als auch die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Jenny Groß, waren sich einig, dass frühkindlicher Bildung ein großer Stellenwert zukomme. Allein bei dem Weg dorthin unterscheiden sich die beiden Politiker.
Groß forderte, dass umgehend kleinere Klassen eingerichtet werden. Teuber sagte, schrittweise geschehe das schon - aber mehr Klassen brauchen auch mehr Klassenräume. Die zu schaffen sei aber Aufgabe der Kommunen. Groß sprach sich für ein verpflichtendes letztes Kitajahr aus. Teuber sagte, 98 Prozent der Kinder würden bereits eine Kita besuchen. Eine Kita-Pflicht bedeute in letzter Konsequenz auch Zwangsmaßnahmen - bis zu dem Punkt, an dem Kinder mit der Polizei in die Kita gebracht werden müssten, wenn ihre Eltern sich verweigern.
Doch wie kann das sein bei immer mehr Lehrerinnen und Lehrern? Mehr Personal bedeutet nicht automatisch eine stabile, flächendeckende Versorgung mit Unterricht. Auch temporäre Ausfälle durch Krankheit oder Schwangerschaft und Elternzeit spielen eine Rolle. Zudem sind die Lehrkräfte regional ungleich verteilt im Land.
Hinzu kommt, dass sich diese Entwicklung mit immer mehr Lehrkräften wahrscheinlich in dieser Form nicht fortsetzen wird: Die Zahl der Studierenden, die eine Laufbahn zur Lehrkraft einschlägt, sinkt.
Check: Geht es an den Schulen tatsächlich immer brutaler zu?
Gewalt und Vandalismus an der Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen haben landesweit für Aufsehen gesorgt. Aber auch an anderen Schulen gibt es ähnliche Vorfälle. Oft entsteht dadurch der Eindruck, dass Gewalttaten an Schulen immer häufiger und brutaler werden.
Doch das stimmt nicht, sagt Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe und Gewaltforscher an der Freien Universität Berlin. Im Gegenteil: Die Zahl der Gewalttaten insgesamt gehe zurück. Das belegen Statistiken der Polizei und - unter anderem - der Versicherungen. Dort werden zum Beispiel Verletzungen durch Raufereien erfasst - und auch diese sind rückläufig.
Der Eindruck, dass es immer mehr Gewalt werde, entstehe laut Scheithauer dadurch, dass sie oft konzentriert und punktuell auftrete, wie zum Beispiel an der Karolina-Burger-Realschule. Hinzu kämen eine erhöhte Sensibilität, eine höhere Meldebereitschaft und mehr mediale Aufmerksamkeit für Einzelfälle.
Wenn konkret Gewaltfälle vorliegen, kann es daher aber durchaus sinnvoll sein, zum Beispiel Polizei an den Schulen zu stationieren, sagt Scheithauer. Das beschränke sich aber auf den Einzelfall, zumal es die zugrunde liegenden Probleme nicht löse. Nachhaltige Gewaltprävention entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung, Verlässlichkeit und professionelle Unterstützung, sagt der Experte.
Fehlende Deutschkenntnisse, mangelhafte Motorik - die Probleme beginnen früh
Probleme und Auffälligkeiten bei Kindern zeigen sich oft nicht erst in den weiterführenden Schulen. Bereits beim Übergang von der Kita in die Grundschule zeigen viele Kinder Defizite: bei Sprache, Motorik und Sozialverhalten.
Das Problem ist unübersichtlich, weil uneinheitlich: In Deutschland gibt es kein einheitliches System für verpflichtende Sprachstandserhebungen. Rheinland-Pfalz hat daher die Schuleingangsuntersuchungen zeitlich vorgezogen: Ab dem Schuljahr 2026/27 sollen schrittweise die Sprachstände aller viereinhalbjährigen Kinder erfasst werden. Bisher mussten Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen an Sprachförderung teilnehmen und mindestens 15 Stunden pro Woche die KiTa besuchen.
Politisch ist das Thema ein Streitpunkt: Die CDU fordert verbindlichere Sprachtests beziehungsweise ein verpflichtendes Kita-Jahr. Die Landesregierung hingegen setzt auf den Ausbau der bestehendenden Förderinstrumente und Sprachförderprogramme.
Mehrere Bildungsstudien zeigen, dass die Leistungen bei Schülerinnen und Schülern sinken. Laut IQB-Bildungstrend erfüllt etwa jedes dritte Kind in Mathematik nicht die Mindeststandards. Rund jedes zehnte Kind erreicht nicht das Niveau für einen Hauptschulabschluss.
Rheinland-Pfalz liegt in mehreren Kompetenzbereichen unter dem Bundesdurchschnitt. Bei der Lesekompetenz etwa erreichen bundesweit 15,2 Prozent der Schulkinder nicht den erforderlichen Standard für den ersten Schulabschluss, meist Hauptschulabschluss genannt. In RLP sind es 18,8 Prozent.
Teuber: Kleinere Klassenverbände brauchen auch Räume
Thema kleinere Klassen: Während CDU-Bildungspolitikerin Jenny Groß schnelles Handeln fordert, bremst Bildungsminister Sven Teuber (SPD): Vielerorts fehlten zum Beispiel Räume, deren Neubau Sache der Kommunen als Schulträger sei. Deshalb sei es gut, dass der rheinland-pfälzische Landtag heute die Umsetzung des Sondervermögens des Bundes auf den Weg gebracht habe, das auch dafür genutzt werden könne. Für CDU-Frau Groß kommt das zu spät. Die SPD habe 35 Jahre Zeit gehabt, die Klassen an den Schulen im Land zu verkleinern.
Was RLP sich die Bildung kosten lässt
Die Bildungsausgaben für Schulen und Kitas in Rheinland-Pfalz liegen im Jahr 2026 bei 6,5 Milliarden Euro, das ist knapp ein Viertel des Gesamthaushalts des Landes und damit der größte Einzeletat des Landes. Mit den Ausgaben für Hochschulen und Erwachsenenbildung zusammen liegt er bei über einem Viertel des Landeshaushalts.
In der folgenden Grafik sind die Mittel für Schulen, Kitas, Erwachsenenbildung und Hochschulen ebenfalls zusammen erfasst. Von 2010 rund 4,8 Milliarden Euro sind 2020 gut 6,2 Mrd. Euro und 2025 8,9 Mrd. Euro (Zahl vor Abschluss aller Fristen vorausberechnet) in unser Bildungssystem investiert worden.
Die Bildungsausgaben in Rheinland-Pfalz liegen bei fast 9 Milliarden Euro in 2025. Der Posten ist der größte im Landeshaushalt.
Die Verlaufslinie von 2020 auf 2025 ist gestrichelt, weil die exakte Berechnung der Ausgaben noch nicht abgeschlossen ist.
SWR
Die SWR Aktuell-Sendung aus Ludwigshafen - direkt vor der Karolina-Burger-Realschule Plus
Moderator Sascha Becker ist zur heutigen SWR Aktuell-Sendung direkt zur sogenannten Brennpunktschule in Ludwigshafen, der Karolina-Burger-Realschule Plus, gereist. Von dort wurde ein Blick auf die Missstände rund um Gewalt an Schulen geworfen. Hier könnt ihr die gesamte Sendung nachsehen:
Schulen in RLP: Orte voller Gewalt, Vandalismus und Respektlosigkeit?
Mehrere Vorfälle an Schulen in Rheinland-Pfalz haben die Debatte über Sicherheit, Gewalt und Überforderung neu entfacht. Ein Amokalarm am Schulzentrum Ludwigshafen machte öffentlich, was viele Schulen seit Längerem berichten: Gewalt, Vandalismus und massive Störungen des Schulalltags nehmen zu. Lehrkräfte aus einer berufsbildenden Schule im Hunsrück und einer Realschule Plus im Raum Mainz schildern, dass sie sich im Umgang mit eskalierenden Situationen häufig allein gelassen fühlen.
Eine Umfrage unter den Schulleitungen von Realschulen Plus zeigt, dass viele die Lage als gravierend einschätzen. Sie berichten von immer höheren Belastungen durch aggressive Verhaltensweisen, fehlende soziale Kompetenzen und schwierige Gruppendynamiken. Ihnen fehlt zudem im Krisenfall akute Unterstützung, etwa von übergeordneten Behörden. Ähnliches berichten auch Lehrkräfte zum Beispiel von besagtem Schulzentrum in Ludwigshafen.
RLP-Trend: Thema Bildung bewegt die Menschen am meisten
Welches Problem ist das drängendste in Rheinland-Pfalz? Das ist ganz klar: Bildung. Das ist das Ergebnis des Rheinland-Pfalz-Trends, der repräsentativen Umfrage im Auftrag des SWR. Demnach führen Bildung, Schule und Ausbildung nun die Liste mit 29 Prozent (+6) an. Für 22 Prozent (-1) gehört die Zuwanderung zu den wichtigsten Punkten, gefolgt von Mobilität und Verkehr (18 Prozent; +2) und Wirtschaft (13 Prozent; -1). In der letzten Umfrage waren Bildung und Zuwanderung noch mit jeweils 23 Prozent beide auf dem ersten Platz.
Eine gute Schul- und Bildungspolitik trauen die Befragten vor allem der CDU und der SPD zu:
Kitas haben nicht genügend Personal
"Nur 6 Prozent der Kitas in Rheinland-Pfalz schaffen es, das Personal zusammenzubringen, sodass eine gute Arbeit in den Kitas geleistet werden kann", sagt Lars Lamowski vom Verband Bildung und Erziehung gerade in SWR Aktuell vor Ort. Die Studie, die er anspricht, kam gestern von der Bertelsmann-Stiftung. Zur Wahrheit gehört: Die Unterversorgung ist ein bundesweites Problem. Demnach sind bundesweit nur 14 Prozent der Kitas personell optimal ausgestattet. In Berlin zum Beispiel sind es nur zwei Prozent. Das Land verweist regelmäßig darauf, dass die Ausstattung von Kitas Sache der Kommunen sei. Diese klagen oft darüber, dass sie zwar Stellen ausschreiben, sie aber nicht besetzt bekommen.
Lehrerinnen und Lehrer streiken für höhere Löhne
Erst heute Vormittag haben Lehrerinnen und Lehrer, sowie Erzieherinnen und Erzieher und pädagogische Fachkräfte im öffentlichen Dienst beim "Streiktag Bildung" der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Arbeit niedergelegt. Sie fordern sieben Prozent mehr Gehalt im Monat, mindestens jedoch 300 Euro. Weiter verhandelt wird im Februar in Potsdam.
Die Lehrergehälter unterscheiden sich je nach Schulform und Berufserfahrung. In Rheinland-Pfalz liegen die Lehrer- und Lehrerinnen-Gehälter unter dem Bundesdurchschnitt (4.947,16 Euro). Das Einstiegsgehalt in RLP liegt momentan brutto bei 4.956,24 Euro monatlich (Besoldungsklasse A13), beziehungsweise 4.462,46 Euro (A12). Damit liegt das Land auf Rang 10. Am besten verdienen Lehrer und Lehrerinnen in Bayern und Baden-Württemberg (Quelle: GEW).
Was ist eigentlich die Realschule plus?
Seit 2009 wurden alle Haupt- und Realschulen in Rheinland-Pfalz zusammengeführt. An den entstandenen Realschulen Plus können die Schülerinnen und Schüler entweder nach neun Jahren mit der Berufsreife - dem früheren Hauptschulabschluss - die Schule verlassen oder nach zehn Jahren mit dem mittleren Schulabschluss, der sogenannten Mittleren Reife.
5x25: Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten zum Thema Bildung
Wofür stehen CDU und SPD, AfD und Grüne sowie die Linke eigentlich in Sachen Bildung? In welche Bahnen möchten sie die Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz lenken?
Eltern-Beirat: In Prävention investieren, nicht auf Polizei setzen
Bildungs- statt Innenpolitik - auch an Brennpunktschulen wie der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen. Das fordert Carsten Stobbe, Mitglied im Landes-Elternbeirat, in SWR Aktuell aus Ludwigshafen: "In der momentanen Situation ist die Polizeipräsenz sicherlich sinnvoll. Wir als Elternschaft lehnen aber eine flächendeckende Polizeipräsenz auf den Schulhöfen ab, weil wir müssen in Maßnahmen, in Prävention investieren. Aber nicht in einen uniformierten Polizist, der auf den Schulhöfen für Sicherheit sorgt." Anti-Aggressions-Training sei ein Ansatz, reiner Druck durch die Polizei nicht. An der Karolina-Burger-Schule hat es in den vergangenen Tagen immer wieder Polizei- und Feuerwehreinsätze sowie teils verletzte Schüler gegeben.
Deutsch und Stift-Halten lernen statt Englischunterricht
In der ersten und zweiten Klasse müssen Kinder immer mehr sogenannte Vorläuferfähigkeiten üben. Dazu gehört zum Beispiel, wie man einen Stift hält, mit einer Schere ausschneidet und natürlich wie man sich auf Deutsch verständigt. Um dem in der Grundschule mehr Raum zu geben, hat das Land die Englisch-Stunden in den Klassen 1 und 2 abgeschafft. Einblicke aus Kirchen im Westerwald:
Im Fokus der Öffentlichkeit: Die Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen
Dreht sich das Gespräch um soziale Probleme, Kriminalität und Gewalt an Schulen, fällt in Rheinland-Pfalz zuletzt immer wieder ein Schulname: Die Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen.
Die Schule war zuletzt wiederholt in die Schlagzeilen geraten. Erst im Oktober kam es dort - wie schon 2018 einmal - zu einem Großeinsatz der Polizei, das Gebäude wurde geräumt und durchsucht. Zeugen hatten eine bewaffnete Person gemeldet, gefunden wurde nichts.
Herzlich willkommen zum Liveblog!
Hallo und herzlich willkommen zum dritten Liveblog zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. In der Nachrichtensendung SWR Aktuell Rheinland-Pfalz und im Anschluss im Politikmagazin Zur Sache Rheinland-Pfalz geht es ab 19:30 Uhr im SWR um das Thema "Brennpunkt Schule: Was tun gegen Aggressionen und schwache Leistungen?"
Was läuft falsch an den Schulen? Hat die Bildungspolitik versagt und warum werden Kinder in diesem Schulsystem abgehängt? SWR Aktuell fragt nach. Aktuell-Moderator Sascha Becker ist live vor Ort an der Karolina-Burger-Realschule Plus (Ludwigshafen).
Um Gewalt an Schulen, Sprachförderung und Integration sowie generell den Stand der Schulbildung in RLP geht es dann ab 20:15 Uhr bei Zur Sache Rheinland-Pfalz mit Moderatorin Britta Krane. Sie diskutiert mit Bildungsminister Sven Teuber (SPD) und Jenny Groß, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion in RLP.
Parallel dazu werden wir - das sind Emanuel Eßling und Tim Stobbe - die Sendung mit diesem Liveblog begleiten. Unterstützt werden wir von Petra Wagner, Christian Buttkereit und Frederik Merx aus der Redaktion Landespolitik. Unser Ziel: Infos und Hintergründe liefern und später die Aussagen der Politikerin und des Politikers einordnen, analysieren und - wenn möglich - einem Faktencheck unterziehen.