Es ist der 24. Januar 2026, als sich im Staatstheater Mainz der Vorhang für ein Stück hebt, das eigentlich schon fast ein Jahrhundert früher hätte gespielt werden sollen.
Auf der Bühne entfaltet sich in der Oper „Der Chronoplan“ eine spektakuläre Zeitreise, in der Albert Einstein zur Party lädt. Ein visionäres und ziemlich modernes Stück. Irgendwo zwischen Satire, Gegenwartskommentar und Science-Fiction.
Doch neben der skurrilen Handlung der Oper existiert eine weitere Ebene, die das Stück interessant macht: Die Lebensgeschichte von Komponistin Julia Kerr, die ihr Werk durch die Wirren des Exils rettete, während ihre eigene Karriere darin unterging.
Als Komponistin ist sie heute fast unbekannt. Dabei kennt ein Millionenpublikum ihre Familiengeschichte. Ihre Tochter Judith hat sie in dem Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ festgehalten. Darin erzählt sie die Flucht der Familie vor den Nationalsozialisten.
Das „Mozartle“ im Berlin der Weimarer Republik
Julia Kerr, 1898 als Julia Anna Weissman in Wiesbaden geboren, galt als hochbegabte Musikerin. 1919 lernte sie den 31 Jahre älteren, bereits verwitweten Alfred Kerr kennen – den wohl einflussreichsten Theaterkritiker seiner Zeit. Ein Jahr später heirateten sie, und wurden als Paar Teil der lebendigen Kulturmetropole Berlin.
Alfred nannte seine Frau wohl zärtlich „Mozartle“; von ihm gefördert, begann Julia zu komponieren. Zwischen 1930 und 1932 entstand ihre zweite Oper „Der Chronoplan“. Das Libretto schrieb Gatte Alfred Kerr höchstpersönlich – ein Zeitzeugnis des Berlins der 1920er-Jahre.
Die Handlung: Albert Einstein hat eine Zeitmaschine erfunden und bittet prominente Gäste wie Richard Strauss, Max Liebermann und George Bernard Shaw zur Jungfernfahrt durch die Epochen. Mit allerlei Komplikationen. Doch die geplante Uraufführung 1933 in Hamburg wurde durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten gestoppt.
Die Flucht und die drei braunen Mappen
Als Juden und prominente Regimekritiker mussten die Kerrs bereits im Februar 1933 flüchten. Während der Großteil ihres Besitzes verloren ging und Tochter Judith Kerr ihr rosa Stoffkaninchen in Berlin zurücklassen musste – eine Erinnerung, die sie später im Weltbestseller verewigte – rettete Julia Kerr die vielleicht wichtigsten Gegenstände für ihr künstlerisches Nachleben.
In drei großen braunen Mappen trug sie die Partitur der drei Akte ihrer Oper durch halb Europa: von Prag über Zürich und Paris bis nach London. In England angekommen, musste die einstige Komponistin jedoch zur Versorgerin der Familie werden. Während Alfred kein Englisch sprach, sicherte Julia als Sekretärin und Übersetzerin die Existenz. Das Aus für ihre Karriere als Komponistin.
Aufwendige Rekonstruktion: So kam „Der Chronoplan“ nach Mainz
Nach dem Krieg und dem Tod ihres Mannes 1948 kehrte Julia Kerr in den 1950er-Jahren nach Berlin zurück. Sie arbeitete als Dolmetscherin auf höchstem Niveau, etwa für US-Präsident John F. Kennedy bei dessen Berlin-Besuch 1963.
Ihr Enkel Matthew Kneale erinnert sich an sie und beschreibt ihre Präsenz „als sehr warm, aber auch laut. Sie hatte etwas Unvorhersehbares und auch eine gewisse Fragilität. Ich denke, sie war eine starke Person, aber auch sehr fragil.“
Julia Kerrs zweite Oper blieb lange ein Fragment. Ein Drittel des ersten Aktes ging bei einer Radioaufnahme in den 1950er-Jahren verloren, der dritte Akt war nie vollendet orchestriert worden.
Sonja Westerbeck, Dramaturgin am Staatstheater Mainz, entdeckte das Stück schließlich für das Mainzer Staatstheater bei einer Recherche. Zweieinhalb Jahre dauerte es dann noch, bis das Werk nun auf der Mainzer Bühne als szenische Uraufführung präsentiert werden konnte.
Dass „Der Chronoplan“ in Mainz als vollständige Fassung gezeigt werden konnte, ist einer aufwendigen Rekonstruktion durch den Musikologen Norbert Biermann zu verdanken. Er vervollständigte Lücken und orchestrierte das Werk neu.
Zeitlose Botschaft auf der Bühne
„Julia Kerr als Komponistin war offenbar auf der Suche nach einer ganz neuen Form für Oper oder Musiktheater“, sagt Dramaturgin Westerbeck. Musikalisch wirke das Werk wie eine stilistische Collage aus Spätromantik, Revue-Elementen und Anleihen bei Richard Strauss oder Kurt Weill.
Arrangeur Norbert Biermann sagt über das Werk: „Man bekommt in dieser Oper alles geboten – von Komik bis tiefster Tragik“.
Die Inszenierung von Regisseur Lorenzo Fioroni in Mainz macht die politische Dimension des Werkes spürbar. Inmitten der grotesken Zeitreise finden sich Pappkarton-Nazis und Judensterne an den Mänteln der Figuren. Aus heutiger Sicht und mit dem Blick auf Julia Kerrs eigenes Schicksal wirken Teile der Oper geradezu erschreckend aktuell.
Bei der Mainzer Premiere war auch Julia Kerrs Enkel Matthew Kneale anwesend. Er zeigte sich besorgt, angesichts des politischen Rechtsrucks in der Welt: „Wir leben in einer sehr beunruhigenden und aufwühlenden Zeit. Ich bin von der Menschheit generell ziemlich enttäuscht. Ich dachte, sie sei ein bisschen klüger, nach allem, was passiert ist.“
„Der Chronoplan“ ist ein Blick zurück mit dem Wissen um die folgende Katastrophe. „Wir müssen jetzt was tun. Jetzt. Sonst ist es zu spät“, heißt es im Stück.