Cäsar und Cleopatra treffen den „Tod auf dem Nil“
Das Kino ist der Erbe der Oper: Eine verführerische These, die manches für sich hat, aber auch einiges gegen sich. Ein vehementer Befürworter ist der Regisseur Davide Livermore. Aus Opern macht er gerne opulente Bühnenfilme im Breitwandformat.
So ist in seiner Inszenierung der Händel-Oper „Giulio Cesare“ am Opernhaus Zürich die ägyptische Sache um die machtpolitische, erotisch aufgeladene Affäre von Cäsar und Cleopatra als Folge des römischen Bürgerkriegs ganz selbstverständlich der „Tod auf dem Nil“ geworden.
Tolomeo, der seiner Schwester Cleopatra den Thron streitig macht, ist monarchischer Eigner eines gleichnamigen Luxusdampfers, irgendwann in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und der Stummfilm-Ära.
Tolomeo ist Witzfigur, Cleopatra Sexbombe
Eine Leiche gibt es auch zu Beginn. Pompeo, der Rivale Cesares im Kampf um die römische Republik, sitzt mit verhüllter, blutiger Kopfschusswunde an Deck.
Cesare tritt als Kapitän in Erscheinung und will den Dampfer nun ins ägyptische Friedensglück schippern, wäre da eben nicht die Rivalität zwischen dem Geschwisterpaar. Tolomeo ist die Witzfigur eines orientalischen Despoten, Cleopatra eine Sexbombe mit späteren Anleihen beim Kostüm von Elizabeth Taylor in der gleichen Filmrolle.
Animiertes Videogewitter im Hintergrund
Im Bühnenhintergrund läuft ein vom Unternehmen D-Wok animiertes Videogewitter ab mit turmhohem Wellengang, vorbeiziehenden ägyptischen Ruinenmonumenten, den Pyramiden und der Sphinx. Wenn der Konflikt kriegerisch wird, dann greifen Jagdgeschwader an und die Bomben gehen hoch.
Auf dem Höhepunkt strandet der Dampfer in der Wüste, und ab und an läuft eine Peter-Ustinov-Figur über die Bühne. Sie klärt als detektivisches Hercule-Poirot-Double nach dem begeisterten Schlussapplaus mit Stummfilmslapstick auf, wie der Mord an Pompeo abgegangen ist, von dem letztlich alle profitiert haben.
Die Screwball-Comedy gerät aus den Fugen
Slapstickhaft ist der komisch gesungene Tolomeo von Max-Emanuel Cencic. In seiner grotesken Überzeichnung des orientalischen Potentaten mit Fez und Schnauzer wirkt er dann mit seiner Counterstimme allerdings auch wie ein Eunuch.
Die Verführungsszene der Cleopatra ist eine ziemlich sexy Revue mit Palmwedeln. Der hingerissene Cesare lässt zu seinen Begeisterungskoloraturen ordentlich die Hüften wie ein Elvis schwingen und greift sich das Mikrofon als Phallusersatz.
Die Stimmung dieser Screwballcomedy kippt, wenn die Gewalt aus den Fugen gerät. Eine lähmende Depression macht sich in der Wüste breit, über die düstere Wolken in dramatischem Schwarz-Weiß jagen.
Aber wie es für eine Krimikomödie à la Hollywood gehört, wird der lächerliche Potentat nebenbei beseitigt, und das Paar Cesare und Cleopatra besteigt den Thron des Dampfers, der prompt nach seinem Kapitän und neuen Eigner benannt wird.
Ernste Hintergrund der Intrige bleibt auf der Strecke
Was bei all der geschäftigen und stets auf Hochtouren agierenden Unterhaltung auf der Strecke bleibt, ist der ernste Hintergrund dieser Kriegsintrige im politischen und erotischen Sinne. Händels grandiose Leistung besteht nun einmal darin, unsympathischen Figuren – und das sind sie eigentlich alle in dieser Oper – eine emotional wahre Musik gegeben zu haben.
Auch die Schlechten haben Gefühle, was sie menschlich macht. In diesem Sinne ist Händel ein Shakespeare der Oper, der ein musikalisches Welttheater entwickelt hat, in dem keine Moral herrscht, sondern die Conditio Humana, wonach selbst die amoralischste Figur nicht ohne emotionale Tiefe und Wahrheit ist.
Darüber täuscht das Züricher Inszenierungsspektakel dann doch etwas hinweg. Vor allem dann, wenn die Emotionen tönenden Ausdruck bekommen und im Hintergrund die Affekte optisch durch hochschwappende Wellen gedoppelt werden. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man daran irre werden, ob die Musik das Bild oder das Bild die Musik bedingt.
Anne Sofie von Otter und Cecilia Bartoli brillieren
Eine entzieht sich allerdings dem Ganzen. Als leidende und rachewillige Gattin des gemordeten Pompeo ist die Grande Dame Anne Sofie von Otter die verkörperte Integrität. Gerade weil ihre Stimme in der sängerischen Spätphase das Brüchige zur emotionalen Wahrheit der Musik reifen lässt.
Cecilia Bartoli, die die Kleopatra bereits vor zwanzig Jahren in Zürich gesungen hat, ist immer noch eine virtuose Meisterin der Koloratur, aber sie beherrscht auch melancholische Geradlinigkeit. Das macht ihre Cleopatra zu einer ernsthaften Frau und keinesfalls zu jenem Vamp, das sie im Opernfilm nur als Schein zu geben hat.
Kangmin Justin Kim singt hochemotional und glasklar
Carlo Vistolis herber Cesare zwischen Alt- und Baritonlage hebt ihn stimmlich ebenfalls über die Errol Flynn-Rolle seines Raddampferkapitäns hinaus. Über die erstaunlichste Stimme verfügt aber Kangmin Justin Kim in seiner leidenschaftlichen Verkörperung des Sesto als besessenem Rächer seines Vaters Pompeo.
In der unteren Lage vibrieren die Töne in gesundem Beben, während er sich nach oben in eine glasklare, leidenschaftlich saubere und hochemotionale Sopranlage schwingt.
Händel als ornamentales Klang- und Bilderspektakel
Im Graben geht es mit den Züricher Barockspezialisten La Scintilla unter der Leitung von Gianluca Capuano ganz schön zur Sache. Das passt mit den klanglichen Technicolorfarben zu jenem Film, der über die Bühne geht. Manchmal geht es aber auch schon etwas grob in die Saiten.
Alles in allem: Wer die Barockoper und auch die Händels als ornamentales Klang- und Bilderspektakel versteht, kommt hier ganz auf seine Kosten. Die Tiefgründigkeit wird eher durch die stimmlichen Offenbarungen befriedigt. Manchmal kann das „Bigger than Life“ auch zu wenig sein.
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