Suche nach spiritueller Erfüllung
Manchester Mitte des 18.Jahrhunderts. In einer guten Stube bei Kerzenschein zucken Männer und Frauen in religiöser Ektase. Stundenlang singen sie und fallen durch schüttelnde Tanzbewegungen in einen tranceartigen Zustand.
Eine der Tanzenden ist Ann Lee, eine junge Frau auf der Suche nach spiritueller Erfüllung. Hier, bei dieser kleinen Gruppe Abtrünniger, die der Church of England den Rücken gekehrt haben, findet sie inneren Frieden.
Schüttelgebete geben der religiösen Gruppe ihren Namen
Von der Gläubigen entwickelt sich Ann Lee zur Anführerin der Gruppe, die sich wegen ihrer Schüttelgebete bald die Shaker nennen. Ann Lee hat göttliche Visionen und wird von den anderen als weibliche Wiedergeburt Christi verehrt.
In drei Kapiteln erzählt Regisseurin Mona Fastvold wie Ann Lee nach der Gründung der Shaker mit einigen Getreuen 1774 in die USA auswandert, wo sie sich eine größere Glaubensfreiheit versprechen.
Doch auch in der neuen Welt werden die Missionare angefeindet. Mit ihrem ekstatischen Gebaren erregen sie Anstoß. Vor allem aber bergen ihre Glaubensvorstellungen gesellschaftliches Sprengpotential: der Pazifismus ebenso wie die Ablehnung von Privateigentum und natürlich ihre gelebte Gleichberechtigung der Geschlechter und Hautfarben.
Kein Sex, kein Privateigentum
Zudem fordert Ann Lee von ihren Anhängern – ungünstig für eine Glaubensgemeinschaft, die wachsen will – Keuschheit. Nach einem Erweckungserlebnis im Gefängnis erscheint ihr Sexualität als die Ursache allen Übels in der Welt.
Welche Konflikte dieses Zusammenleben ohne Sex und Privateigentum generiert oder wie die unterdrückte Sexualität und die orgiastische Religionspraxis zusammenhängen – diesen Fragen geht Mona Fastvold nicht nach.
Ironische Distanz findet nicht statt
Überhaupt blickt sie nicht von außen auf diese kuriose Glaubensgemeinschaft und ihre Gründerin, sondern begibt sich ohne jede ironische Distanz in den Kosmos der Shaker hinein. Im Zentrum des Films steht das Erleben der körperlichen Spiritualität. Zu diesem Zweck nutzt Fastvold die Form eines Musicals.
Den Score hat Daniel Blumberg auf der Basis historischer Shaker-Hymnen komponiert. Zusammen mit den rhythmischen Tanzbewegungen der Gruppe bildet er den kraftvollen Herzschlag des Films. All das repetetive Rucken und Zucken mag zunächst befremdlich anmuten, entwickelt aber doch eine Intensität, der man sich nur schwer entziehen kann.
Filmischer Kraftakt für die brilliante Amanda Seyfried
Das liegt vor allem an Amanda Seyfried als Ann Lee, die sich ohne jeden Vorbehalt in die Rolle wirft, explizite Gewaltszenen durchleidet und sich in langen Passagen die Seele aus dem Leib singt. „The Testament of Ann Lee” ist ein filmischer Kraftakt, den Mona Fastvold zusammen mit ihrem Lebens- und Drehbuchpartner Brady Corbet in nur 34 Drehtagen gestemmt hat.
Wie ihr letztes gemeinsames Projekt „Der Brutalist“ lässt sich dieses bildgewaltige, analog gedrehte Epos in keine Schublade stecken. Das wagemutige Experiment zweier Künstler, die sich für ihre Arbeit mit ebenso viel Hingabe aufopfern wie Ann Lee für ihren Glauben.
Trailer „The Testament of Ann Lee“, ab 12.3. im KIno
Score Snacks – Der Filmmusik-Podcast Oscar-Special: Wer holt den Filmmusik-Oscar?
Die Oscar-Verleihung 2025 steht an und fünf Filme sind für den besten Score nominiert. Malte hat sich vorgenommen alle fünf kurz vorzustellen und bereut diese Entscheidung spätestens als er feststellt, dass zwei der Filme Musicals sind. Einen Favoriten für den Filmmusik-Oscar hat er dann aber auch!
Filme: Konclave, Der Brutalist, Der Wilde Roboter, Emilia Perez, Wicked
Regie: Edward Berger, Brady Corbet, Chris Sanders, Jacques Audiard, Jon M. Chu
Musik: Volker Bertelmann, Daniel Blumberg, Kris Bowers, Camille, Clément Ducol, John Powell
Host, Autor und Produktion: Malte Hemmerich
Special Appearance: Nick-Martin Sternitzke
Redaktionelle Mitarbeit: Christina Denk
Sprecherin und Headwriterin: Henriette Schreurs
Redaktion: Chris Eckardt und Jakob Baumer
Assistenz: Anika Kiechle
Hier die Links zu den im Podcast erwähnten Folgen:
Im Westen nichts Neues: https://www.ardaudiothek.de/episode/score-snacks-die-musik-deiner-lieblingsfilme/im-westen-nichts-neues-das-brutale-harmonium-und-der-oscar/swr-kultur/12480189/
Poor Things: https://www.ardaudiothek.de/episode/score-snacks-die-musik-deiner-lieblingsfilme/poor-things-die-rote-linie-der-filmmusik/swr-kultur/13193717/
Wicked: https://www.ardaudiothek.de/episode/score-snacks-die-musik-deiner-lieblingsfilme/filmmusical-special-wicked-die-musik-der-zwei-hexen/swr-kultur/14025039/
Score Snacks – Der Filmmusik-Podcast Der Brutalist – Verdienter Oscar für Betonmusik
Monumentale Gebäude und eine Reise ins Ungewisse: Das verarbeitet der neue Film von Brady Corbet „Der Brutalist“. Er erzählt, wie der Architekt und Holocaust-Überlebenden László Tóth in Amerika versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Wie massive Blechbläser und ein präpariertes Klavier dabei einen Architekturstil zum Leben erwecken, erklärt Malte in dieser neuen Score Snacks Folge.
Film: Der Brutalist (2024)
Regie: Brady Corbet
Musik: Daniel Blumberg
Host und Produktion: Malte Hemmerich
Autorin dieser Folge: Christina Denk
Sprecherin und Redaktion: Henriette Schreurs
Redaktion: Chris Eckardt und Jakob Baumer
Assistenz: Anika Kiechle