Ganz unterschiedliche Komponistinnen und Genres
Der Aufbau auf der Bühne irritiert: Ein Schlagzeug mit allerlei technischem Equipment, ein Kontrabass - daneben ein Tischchen mit merkwürdiger Rolle darauf, ein Flügel mit Kabeln und Synthesizer und dann noch eine einsame Laute, die an einem Stuhl lehnt.
Schwer vorstellbar, wie das musikalisch zusammengehen soll – aber es wird auch keine Band auf der Bühne erwartet, sondern vier Komponistinnen, die mit ihren ganz unterschiedlichen Werken gegeneinander antreten.
Weltpremiere: Ein Slam nur mit Frauen
Simon Kluth moderiert den Abend, der Musiker und Schauspieler hat den Composer Slam vor mehr als zehn Jahren erfunden. Er hat die Komponistinnen für den Abend ausgewählt. So ein Slam nur mit Frauen – Simon Kluth spricht von einer Weltpremiere.
Jeweils zwei Runden müssen die Musikerinnen mit ihren Kompositionen bestreiten, das Publikum gibt direkt im Anschluss die Bewertung ab.
All Female Composer Slam im JOiN Stuttgart Von Poetry bis Science: Die Slam Kultur greift um sich
Bei einem Grand Slam geht es vor allem im Sport um historische Erfolge, beim Poetry Slam werden die Gegner verbal geschlagen. „Geslamt“ wird längst nicht mehr nur im Boxring – eine Auswahl.
Den Anfang macht Juliana Saib am Flügel. Bis 2025 studierte sie Jazz-Klavier und kombiniert ihre Kompositionen gerne mit animierten Zeichnungen.
Illustration und Musik gehen Hand in Hand
Sie erzählt: „Ich wollte mich nie zwischen den beiden Kunstwelten entscheiden. Deswegen dachte ich, ich bringe das Visuelle mit auf die Bühne.“ Wenn sie am Klavier komponiert, hat sie direkt Bilder, Formen und Farben im Kopf. Wenn die Komposition steht, bringt sie das Kopfkino auf Papier.
Die Musik mutet verträumt an. Sanfte Jazzklänge, die die Gedanken in eine bunte Welt entführen, wo sie mit ihren Illustrationen verschmelzen.
Ganzkörperperformance am Kontrabass
Bei Kontrabassistin und Improvisationskünstlerin Daniela Petry wird der Kontrabass zu einem Klangkörper der besonderen Art: Nicht mehr nur mit den Saiten erzeugt sie Klänge. Bei ihrer Performance entlockt Petry dem Streichinstrument ungeahnte Laute, indem sie ihren ganzen Körper zum Einsatz bringt. Das Publikum ist erstmal sprachlos.
Petry erklärt, dass sie bei ihren Stücken immer Strophen erarbeitet. Auch wenn die Arbeiten Theaterelemente aufweisen. „Ich baue immer Episoden. Und lasse auch mal was offen“, erklärt sie lachend.
Als Dritte tritt die iranische Komponistin Fatemeh Dehghani an. Sie studierte Oud in Teheran – die Kurzhalslaute. Aktuell studiert sie im Master in Deutschland. In ihren Stücken gehe es um beschwerliche Reisen, Umwege und die Hoffnungslosigkeit, die man unterwegs bei einer Reise erleben könne.
Ihren Auftritt widmet sie den Menschen in ihrer Heimat: Freunde und Familie, zu denen sie wegen der aktuellen Lage im Iran keinen Kontakt hat. Sie wünscht sich Frieden für das Land und die Menschen.
Ihre melancholische und doch lebendige Musik, bei der sie auch zum Teil Laute mitsingt und auch ihre Stimme als Instrument nutzt, berührt das Publikum sichtbar.
Composer Slam: Nur Musik ohne Text
Ganz entscheidend beim Composer Slam: Im Mittelpunkt steht Instrumentalmusik – also im Gegensatz zu anderen Slam-Formaten ist der Einsatz von Text nicht erlaubt.
Vielleicht ein Grund warum drei der Künstlerinnen in wenigstens einer ihrer Performances mit Visuals arbeiten. Auch die Stuttgarter Schlagzeugerin Lisa Wilhelm bedient sich kreativer Illustrationen. Zum Beispiel erzählt sie musikalisch eine abenteuerliche Reise mit dem Auto, die das Publikum auf einer Leinwand auch anhand von Bildern verfolgen kann.
„Das Stück heißt „Six Hours to Kairo” – und ich habe gedacht: Damit das Publikum mit mir diese Reise machen kann, die ich vor kurzem so erlebt habe, male ich sie einfach.” Dazu spielt sie virtuos und mit viel Humor ihre Drums.
Am Ende gewinnt Lisa Wilhelm mit ihren kreativen und lustigen Kompositionen. Den zweiten Platz macht Oud-Spielerin Dehghani.
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Komponistinnen eine Bühne bieten
Letztendlich sind die Musikerinnen aber alle Gewinnerinnen, weil ihnen solche Wettbewerbe eine Bühne für ihre Kompositionen bieten. Denn es gibt noch viel Nachholbedarf mit Blick auf die Gleichberechtigung. Frauen haben es in der Musikwelt nach wie vor schwerer.
Und zum Abschluss improvisieren die vier Komponistinnen noch gemeinsam mit Moderator Simon Kluth – und es wird deutlich: Diese vier begabten Musikerinnen könnten sogar mit so einer wilden Kombination an Instrumenten eine Band starten.
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