Mit der groß angelegten Dokumentation „The Memory of Justice“ von 1975 zeigt das Filmfestival ein Schlüsselwerk von Max Ophüls' politischem Kinos. Der Film über die Nürnberger Prozesse und thematisiert die Verbindung von individueller und kollektiver Verantwortung. Marcel Ophüls’ Enkel Andréas-Benjamin Seyfert zeigt sich beeindruckt vom Film seines Großvaters im Gespräch mit SWR Kultur.
Sieben wichtige Filme von Marcel Ophüls:
- Kindheit im Exil: Aufwachsen mit Flucht und Filmkunst
- Erste Schritte in Hollywood: Lernen von den Großen
- Abschied von der Fiktion: Der Bruch mit dem Spielfilm
- „Das Haus nebenan“: Der Durchbruch mit „Le Chagrin et la Pitié“
- „Hotel Terminus“: Auf den Spuren von Klaus Barbie
- Kino gegen das Vergessen: Haltung statt Harmonie
- Späte Würdigung: Ein Erbe für Europas Erinnerung
1. Kindheit im Exil: Aufwachsen mit Flucht und Filmkunst
Marcel Ophüls wurde 1927 in Frankfurt am Main geboren – als Sohn des großen Regisseurs Max Ophüls. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, floh die jüdische Familie zunächst nach Frankreich, später in die USA. Früh lernt Marcel, was es heißt, entwurzelt zu sein – ein Gefühl, das sein politisches Denken prägen wird.
In Hollywood lebt die Familie im Exil, doch der europäische Geist bleibt erhalten. Der Vater dreht weiter, der Sohn wächst mehrsprachig und mit scharfem Blick für Machtstrukturen auf. Statt in der Schule zu glänzen, interessiert sich Marcel für Theater, Kultur und bald für die Kamera. Die Filmkunst wird zum familiären Erbe.
2. Erste Schritte in Hollywood: Lernen von den Großen
In den USA beginnt Ophüls’ Karriere als Regieassistent bei MGM. Er arbeitet mit John Huston, Anatole Litvak und Jules Dassin – allesamt Regisseure, die selbst vom Exil geprägt waren. Hollywood bedeutet für ihn handwerkliche Schule, aber auch kreatives Korsett: Unterhaltung geht vor Haltung.
Trotz erster Erfolge fühlt sich Ophüls nicht zu Hause in Hollywood. Die glamouröse Fassade der Filmindustrie interessiert ihn wenig, er sucht Tiefgang. Nach Studien in Berkeley und einem kurzen Abstecher nach Paris fasst er den Entschluss, nach Europa zurückzukehren. Es sind nicht Kulissen und Kameras, die ihn interessieren, es ist die Geschichte mit all ihren Brüchen.
3. Abschied von der Fiktion: Der Bruch mit dem Spielfilm
In den 1950ern beginnt Ophüls als Regisseur von Spielfilmen – etwa „Peau de banane“ mit Jeanne Moreau. Doch das Erbe des Vaters wiegt schwer. Die Fiktion erscheint ihm zu glatt, zu versöhnlich. Der junge Ophüls will nicht inszenieren, er will enthüllen. Also kehrt er dem Spielfilm bald den Rücken.
Diese Entscheidung ist radikal: Statt Stars und Drehbüchern interessieren ihn echte Stimmen, reale Brüche, historische Schuld. Das bedeutet auch: Konfrontation. Denn Wahrheit ist unbequem. Doch Ophüls glaubt an die Kraft der Dokumentation und wird fortan einer der kompromisslosesten Chronisten Europas.
4. „Das Haus nebenan“: Der Durchbruch mit „Le Chagrin et la Pitié“
1970 veröffentlicht Ophüls „Le Chagrin et la Pitié“ – auf Deutsch: „Das Haus nebenan“. Der Film dokumentiert die Zusammenarbeit vieler Franzosen mit den Nazis, ein Thema, das bis dahin tabu war. Ophüls interviewt Zeitzeugen, ohne Kommentar und ohne Musik. Stattdessen setzt er auf bohrende Fragen und einen langen Atem.
Der Film bricht mit der Vorstellung vom französischen Widerstand als Nationalmythos. Er zeigt: Viele kollaborierten aus Angst, Opportunismus oder Gleichgültigkeit. „Das Haus nebenan“ wird in Frankreich zunächst zensiert. International wird der Film aber gefeiert. Es ist der Moment, in dem Ophüls als Filmemacher endgültig ernst genommen wird.
5. „Hotel Terminus“: Auf den Spuren von Klaus Barbie
Für „Hotel Terminus“ (1988) recherchiert Ophüls vier Jahre lang die Geschichte des NS-Verbrechers Klaus Barbie. Der Film rekonstruiert dessen Flucht nach Südamerika, seine Verbindungen zu westlichen Geheimdiensten und beleuchtet die politische Heuchelei im Kalten Krieg.
Mit großer Sorgfalt verwebt Ophüls Interviews, Archivmaterial und persönliche Eindrücke zu einem Mosaik der Schuld. „Hotel Terminus“ ist kein Thriller, sondern ein moralisches Statement. 1989 erhält er dafür den Oscar – ein herausragender Triumph für einen politischen Dokumentarfilm über das kollektive Versagen.
6. Kino gegen das Vergessen: Haltung statt Harmonie
Ophüls interessiert sich nicht nur für die NS-Zeit. In „Novembertage“ (1992) dokumentiert er das Ende der DDR, in „The Troubles We've Seen“ (1994) den Bürgerkrieg in Bosnien. Immer stellt er dieselbe Frage: Wie verhalten sich Menschen in Zeiten des Umbruchs und was verrät das über unsere Gesellschaft?
Er ist kein neutraler Beobachter, sondern ein unermüdlicher Fragender. Das bringt ihm Kritik ein: Seine Filme seien zu lang, zu anstrengend, zu konfrontativ. Doch Ophüls hält dagegen. Sein Credo: Wer es sich in der Geschichte bequem macht, verpasst die Wahrheit. Folglich ist Ophüls’ Kino ist kein Trost, sondern ein Weckruf.
7. Späte Würdigung: Aufrechte Stimme für Europas Erinnerung
Lange blieb Ophüls’ Werk in Deutschland wenig bekannt, in Frankreich teils umstritten. Erst spät wird sein Beitrag zur Erinnerungskultur gewürdigt. Er selbst sah sich nie als Künstler, sondern als Bürger mit Kamera. Jemand, der nachfragt, wo andere wegsehen.
Mit seinem Tod verliert Europa eine moralische Stimme, wie sie heute selten geworden ist. Seine Filme bleiben – als unbequeme, kluge, tief bewegende Zeugnisse einer Zeit, in der sich Wahrheit nicht durch schöne Bilder, sondern durch klare Haltung behauptet hat.