Aufschieben, bis es unangenehm wird

Wie Prokrastination mit ADHS zusammenhängt und was dagegen hilft

Aufgaben vor sich herzuschieben – zu prokrastinieren – ist völlig normal. Zumindest, solange sie irgendwann erledigt werden. Wenn nicht, könnte ADHS ein Grund dafür sein.

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Stand

Dr. Frank Matthias Rudolph ist Verhaltenstherapeut für ADHS-Diagnosen in Boppard und kennt den Unterschied zwischen "normaler" Prokrastination und einem Verhalten, das behandelt werden sollte.

Die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kann auch bei Erwachsenen noch diagnostiziert werden und dann entsprechend behandelt werden. Wann Prokrastination zum Problem wird und wie man damit umgehen kann, haben wir Dr. Rudolph gefragt.

Warum wir Aufgaben prokrastinieren oder aufschieben

SWR1: Warum schiebt man eigentlich Sachen auf die lange Bank? Wenn man sich irgendwann mal aufrafft, dann geht es ja plötzlich schnell.

Dr. Frank Matthias Rudolph: Grundsätzlich ist es so, dass wir unangenehme Dinge am liebsten vor uns herschieben. Das liegt daran, dass wir eigentlich am liebsten alle gerne kurzfristig belohnt werden.

SWR1: Das geht auch so weit, dass es uns damit auch richtig schlecht geht, wenn wir zum Beispiel Sachen viel zu lange aufschieben. Welche Strategien haben Sie für uns, um die Sachen schneller anzugehen?

Rudolph: Das ist erstmal so, aufschieben ist erstmal total normal. Also zum Beispiel, wenn Sie mich anschauen mit meiner Steuererklärung, die schiebe ich immer auf bis zum letzten Drücker. Mir sind Leute, die sagen, "hey, geil, ich kann die Steuererklärung machen", eher suspekt.

Aber das Problem, die eigentliche Aufschieberitis von Krankheitswert, wo wir als Therapeutinnen auch helfen können, ist, wenn man es die ganze Zeit im Kopf hat und es trotzdem nicht anpackt. Das ist eigentlich das Problem.

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Wie ADHS Menschen blockieren kann

SWR1: Wenn man etwas schneller umsetzt, dann bekommt man doch auch schneller die Belohnung?

Rudolph: Das ist richtig und das gilt für Menschen ohne ADHS. Aber gerade Menschen mit ADHS haben halt ein Riesenproblem, weil die Schwierigkeiten haben bei der Selbststeuerung, bei der Planung, bei der Einschätzung von Zeit und Aufwand. Darum geht es eigentlich.

Gerade Menschen mit ADHS haben halt ein Riesenproblem, weil die Schwierigkeiten haben bei der Selbststeuerung, bei der Planung, bei der Einschätzung von Zeit und Aufwand.

SWR1: Es gibt aber auch Menschen, die laufen erst dann zu Hochtouren auf, wenn diese Deadline immer dichter rückt.

Rudolph: Das liegt daran, dass wir natürlich unter Druck dann besonders viel Dopamin ausschütten und auch Adrenalin und Noradrenalin, also unser Motivations- und unser Konzentrationshormon. Und da geht dann das Gehirn ab wie Schmidts Katze, das ist klar.

AHDS: Menschen vermeiden unbewusst Aufgaben, die stressen

SWR1: Aber das hat noch nichts mit ADHS zu tun.

Rudolph: Das hat erstmal nichts mit ADHS zu tun, das ist wirklich total normal. Aber das ADHS-Gehirn, das sucht halt Belohnung und Entlastung im Hier und Jetzt. Und die langfristigen Folgen, die wiegen dann weniger schwer.

Die Menschen mit ADHS, die zeigen auch sowas wie so eine emotionale, eine gefühlsmäßige Vermeidung. Das heißt Aufgaben, die Stress, die Langeweile oder Unsicherheit auslösen, die werden ganz unbewusst vermieden.

Und: Es kommt noch so etwas wie eine mentale Erschöpfung hinzu. Das heißt, Entscheidungen, Reize, Überforderung zehren an den Ressourcen und dann fällt denen das Handeln leider eben noch schwerer.

Prokrastination: Wann man zum Arzt gehen sollte

SWR1: Ab wann muss man sich Gedanken machen, dass das Aufschieben eben nicht nur Bequemlichkeit ist, sondern möglicherweise wirklich eine Krankheit, nämlich ADHS?

Rudolph: Wenn man A) wirklich schon richtig negative Konsequenzen hat. Also ich mache meine Steuererklärung auch auf den letzten Drücker, aber ich mache sie halt. Aber Menschen mit ADHS, die kriegen das einfach trotzdem nicht hin und dann gibt es die erste Mahnung und die zweite Mahnung, das sind diese ganz konkreten Folgen.

[...] Viel schlimmer sind noch die persönlichen Folgen, weil da kommt ein ganz hohes Schamgefühl dazu. Den Leuten ist es natürlich megamäßig peinlich. Die sind ja intelligent, die wissen ja, was da passiert und die schämen sich.

Und ich glaube, wenn dieser Leidensdruck und die persönlichen echten Konsequenzen hinzukommen, das wäre für mich der Punkt, wo ich sage: "Jetzt begib dich bitte in Behandlung."

Was gegen Prokrastination helfen kann

SWR1: Wenn ich jetzt denke, das trifft tatsächlich auf mich zu, was sind die nächsten Schritte?

Rudolph: Es gibt natürlich auch ganz konkrete Hilfestellungen, und zwar kleine Dinge. Das ist ganz fantastisch, wie sehr das hilft. Zum Beispiel Struktur schaffen, klare Schritte, Checklisten, feste Routinen – das entlastet das Gehirn.

Ganz wichtig: klein starten. Minischritte, und damit aber realistische Ziele, machen den Anfang leichter. Timeblocks und Pausen, sowas wie feste Arbeitszeiten, geplante Pausen, die helfen, den Fokus zu stellen.

Und ganz wichtig: Selbstmitgefühl. Vorwürfe kennen die seit kleinster Kindheit. Ich arbeite wirklich mit vielen Menschen mit ADHS. Seit kleinster Kindheit werden die ausgeschimpft: "Du bist nichts, du kannst nichts, du bist faul, du bist doof." Und ich setze dagegen Selbstmitgefühl; Verständnis statt Vorwürfe. Das stärkt die Motivation und das stärkt das Vertrauen in sich selbst.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Steffi Stronczyk
SWR1 RP Moderatorin Steffi Strinczyk
Michael Lueg
Michael Lueg
Interview mit
Dr. Frank Matthias Rudolph, Verhaltenstherapeut
Onlinefassung
SWR1 Rheinland-Pfalz
Eins gehört gehört. SWR1. (Schriftzug SWR1 auf gelbem Hintergrund)