Frida Kahlo in Mexiko allgegenwärtig
Auf Geldscheinen, in Museen, auf Taschen und T-Shirts. Frida Kahlo ist überall – und nahezu immer eine Schlagzeile wert.
So auch jetzt: Mehrere Gemälde der mexikanischen Malerin aus der Sammlung Gelman Santander sollten, neben Werken anderer Künstler wie Diego Rivera, dauerhaft nach Spanien überführt werden. In Mexiko gelten solche Werke als nationales Kulturgut. Nach Protesten wurde nun zugesichert: Bis 2028 kehren sie zurück. Es ist ein Streit um Besitz – und zugleich eine Frage kultureller Identität.
„Zentrale kulturelle Identitätsfigur Mexikos“
„Ich denke, das kann man überhaupt nicht überschätzen, welche Bedeutung Frida Kahlo in Mexiko hat“, sagt die Kunsthistorikerin und Kahlo-Expertin Helga Prignitz. „Ihr Porträt ziert ja den 100-Peso-Schein. Ich denke, sie ist zur zentralen kulturellen Identitätsfigur in Mexiko geworden.“
Bekannt ist Kahlo weltweit – in Mexiko jedoch ist sie nahezu allgegenwärtig. Dass sie heute diese Rolle einnimmt, ist keine Selbstverständlichkeit. Zu Lebzeiten galt sie lange vor allem als Ehefrau des Malers Diego Rivera. Als eigenständige Künstlerin wurde sie erst Jahrzehnte nach ihrem Tod berühmt.
Ihr heutiger Status erzählt also auch davon, wie sich der Blick auf Kunst verändert hat – und davon, wessen Geschichten sichtbar werden.
Radikale Ehrlichkeit mit Tabubrüchen
Warum also fasziniert Frida Kahlo heute mehr denn je? „Ich denke, weil die Menschen diese Erfahrung, die Frida da darstellt und zeigt, erleben. Es sind universelle Erfahrungen von Schmerz, Liebe, Identitätssuche. Und Frida zeigt das eben mit so radikaler Ehrlichkeit“, so Prignitz.
Kahlo macht ihren eigenen Körper zum Thema. Krankheit, Verletzungen, Verluste – sie hält fest, was lange als nicht darstellbar galt. Auch eine Fehlgeburt verarbeitet sie in ihrer Kunst – ein Tabubruch, nicht nur für die damalige Zeit.
Damit verschiebt sie die Grenzen dessen, was Kunst zeigen darf. Nicht das Ideale steht im Zentrum, sondern das Verletzliche. Gerade diese Offenheit schafft Nähe – über Zeit und kulturelle Grenzen hinweg.
Ein frühes Spiel mit Identität
Hinzu kommt: Frida Kahlo verhandelt Themen, die heute aktueller wirken denn je. Ein berühmtes Beispiel ist ihr „Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar“, das sie kurz nach der Scheidung von Diego Rivera malte. Es zeigt sie im Herrenanzug, die Haare kurz geschnitten, die abgeschnittenen Strähnen liegen um sie herum.
Ein Bild, das mit Rollenbildern bricht, lange bevor solche Fragen öffentlich diskutiert wurden. Auch auf Fotografien zeigt sich Kahlo im Anzug, trägt Monobraue und Damenbart selbstbewusst zur Schau.
„Sie ist absolut ein früher Vorläufer heute bedeutender Diskurse über Geschlechteridentität, Inklusion, LGBTQ. Die können ja alle was mit Frida anfangen“, sagt Prignitz. Was heute im Kontext von Gender und Identität gelesen wird, war bei Kahlo zunächst Teil ihrer ganz persönlichen Auseinandersetzung.
Mehr als die bekannten Bilder
Frida Kahlo nur als Schöpferin farbenreicher Selbstporträts mit exotischem Pflanzenhintergrund zu sehen, greift zu kurz. Doch genau diese Motive sind es, die in Ausstellungen immer wieder gezeigt werden. Viele andere Arbeiten bleiben dagegen im Verborgenen.
Weitestgehend unbekannt sind etwa ihre Zeichnungen. Viele dieser Papierarbeiten entstanden im Krankenbett, wirken schnell und direkt und sind doch fein ausgearbeitet und voller Symbolkraft. Sie zeigen eine andere Seite der Künstlerin – unmittelbarer und persönlicher als viele ihrer bekannten Gemälde.
„In den Zeichnungen ist sie unmaskiert“, sagt Prignitz. „Die sind ja nicht für den Verkauf bestimmt gewesen, sondern nur für ihre eigene Klärung ihrer Gedanken.“ Die Zeichnungen geben Einblick in Sehnsüchte, Gedanken und auch in ihre Sexualität – und zeigen eine Frida Kahlo, die weniger Ikone ist als Mensch.
Kunst, die Empathie weckt
Was Frida Kahlos Werk bis heute so besonders macht, zeigt sich in der Reaktion ihres Publikums. „Ich habe gesehen, wie Menschen vor ihren Bildern geweint haben“, erinnert sich Prignitz. „Ich dachte, eigentlich kann ja die Kunst keine größere Aufgabe haben, als den Menschen Emotionen zu vermitteln und Empathie hervorzurufen.“
Vielleicht liegt genau darin ihre anhaltende Faszination für Frida Kahlo: in einer Kunst, die nicht distanziert, sondern berührt.
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