Gegenwartskunst ins Wohnzimmer holen
Es ist wohl der einzige Film der Welt, in dem ein Kaktus die Hauptrolle spielt: In einer 90-sekündigen Schwarz-Weiß-Aufnahme sieht man, wie ihm sorgfältig die Stacheln abrasiert werden. Der Clip des holländischen Konzeptkünstlers Ger van Elk gehörte 1970 zusammen mit anderen Beiträgen zur ARD-Sendung „Fernsehgalerie“.
Das experimentelle Format „Fernsehgalerie“ sollte ursprünglich vier Folgen haben, nach zwei Teilen stieg die ARD allerdings aus. Dabei hatte die Sendung ein bahnbrechendes Konzept – federführend entwickelt vom Kameramann und Filmemacher Gerry Schum. Seine Idee: Die Kunst aus den Museen und Galerien zu befreien und in die Wohnzimmer zu holen.
Film und Fernsehen am Kunstprozess beteiligen
Nach Schums Vorstellung sollte das Fernsehen nicht mehr länger nur über fertige Kunstwerke berichten. Das Medium selbst sollte Teil der Kunst werden, indem es am Entstehungsprozess mitwirkt. Er selbst fungierte dabei als Fernseh-Galerist: Er initiierte die Kunstwerke, die eigens für die Kamera geschaffen wurden, und kuratierte die Sendungen.
Die erste Sendung mit dem Titel „Land Art“ wurde 1969 vom Sender Freies Berlin ausgestrahlt. Sie dauerte 38 Minuten und präsentierte unkommentiert acht Kunstwerke: Unter anderem verfolgt die Kamera den US-amerikanischen Künstler Walter de Maria in der kalifornischen Mojave-Wüste. Er zeichnet zwei Parallelen in den Sand und läuft anschließend zwischen ihnen davon.
Gerry Schum prägte den Begriff der „Land Art“
Der holländische Konzeptkünstler Jan Dibbets spielt mit dem Element Wasser und den Gezeiten: An der Nordeeküste pflügt er mit einem Traktor eine Trapez-Form in den Sand, die später von den Meereswellen wieder weggespült wird. In Zeiten von „Wünsch dir was“ und „Einer wird gewinnen“ war das natürlich kein massentaugliches Fernsehprogramm.
Doch mit seiner Idee, Konzeptkunst zu filmen und dann im Fernsehen zu präsentieren, erwies sich Gerry Schum als Pionier. Nicht umsonst taucht sein Name immer wieder auf, wenn es um die Anfänge der Fernseh- und Videokunst geht. Und auch der Begriff der „Land Art“ – in den USA ab 1968 als „Earth Works“ bezeichnet – soll auf ihn zurückgehen.
Zusammenarbeit mit Joseph Beuys
Gerry Schums zweite und letzte „Fernsehgalerie“ war 50 Minuten lang. Sie wurde vom Südwestfunk koproduziert und trug den Titel „Identifications“. Diesmal zeigte er Werke von insgesamt 14 Künstlern, unter ihnen das britische Künstlerpaar Gilbert & George, der US-amerikanische Bildhauer Richard Serra und Joseph Beuys mit seiner Kunstaktion „Filz-TV“.
Nach dem Ende der „Fernsehgalerie“ gründeten Gerry Schum und seine Frau Ursula Wevers in Düsseldorf die „Videogalerie Schum“, die sich ausschließlich der Produktion und dem Vertrieb von Videoeditionen widmete. Nach seinem frühen Tod 1973 sicherte Ursula Wevers das Archiv, das ZKM in Karlsruhe hat es nun erworben.
Pionierarbeit für die Videokunst
Das Archiv dient nun als Grundlage für die Ausstellung „Der Fernseher als Galerie“. Die Schau dokumentiert Schums Projekte zwischen 1968 und 1973 und zeigt auch seine frühen filmischen Arbeiten. Gerry Schums künstlerische Bedeutung ist nicht zu unterschätzen: Er hat maßgeblich dazu beigetragen, Fernsehen und Video als eigenständige künstlerische Medien zu etablieren.