Frauenleben zwischen schwarzem Humor und Brutalität
Romantisch sind sie wirklich nicht, die Geschichten in Dahlia de la Cerdas Debut. Ganz im Gegenteil. Sie sind voll von schwarzem Humor - drastisch, schonungslos und brutal.
„Reservoir Bitches. Ein Roman in Storys“. Nicht umsonst erinnert der Titel an „Reservoir Dogs“- Tarantinos episodenhaft zusammengestückelten Gangsterfilm. Nur, dass es in „Reservoir Bitches“ ausnahmslos um Frauen geht. Mexikanische Frauen aus unterschiedlichen Milieus, die um jeden Preis ums Überleben kämpfen.
Ich öffnete den Browser, suchte nach „Schwangerschaftsabbruch“ und fand mehrere Kliniken in Mexiko- Stadt. Zu weit weg. Es gab eine Reihe dubioser Methoden. Man sollte sich Petersilie in die Scheide stopfen, eine Vaginalspülung mit Coca-Cola, Aspirin und Schwarzer Sapote vornehmen, literweise Weinrauten-, Oregano oder Sternanistee trinken oder sich Kleiderbügel in die Gebärmutter rammen. Ich fand Berichte von Frauen, die abgetrieben hatten. Sie erzählten von starken Blutungen, riesengroßen Blutklumpen, schmerzhaften Ausschabungen. Geschichten von Reue, Schmerz und Grauen.
lesenswert Magazin Mit neuen Büchern von Rolf Dieter Brinkmann und Rainer Rygulla, Anne Sauer und Dahlia de la Cerda
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13 Erzählungen bilden einen Roman
Diana ist eine der Protagonistinnen in „Reservoir Bitches“. Das Buch besteht aus insgesamt 13 Kurzgeschichten, die eher lose zusammenhängen. 13 fiktive Erzählerinnen plaudern aus ihrem Leben. Die Studentin, die Hausfrau, die Narco-Braut, eine Kleinkriminelle, eine Auftragskillerin...
Oft sprechen sie die Leserin oder den Leser direkt an, wie in einer mexikanischen Moritat oder einer überlangen, transkribierten Sprachnachricht. Kein Wunder, bevor man etwas von Dahlia de la Cerda lesen konnte, konnte man sie hören. Die mexikanische Autorin war schon vor ihrem ersten Roman in Mexiko als Podcasterin aktiv.
Sie ist Mitbegründerin der feministischen Organisation „Morras Help Morras“, die über sichere Schwangerschaftsabbrüche informiert, und sie gehört zu den mutigen jungen Frauen, die über Femizide in Mexiko aufklären.
Feministischer Protest im literarischen Soundtrack
Ni Una Menos. Nicht eine weniger - lautet der feministische Protestslogan aus Lateinamerika, der auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen soll. „Reservoir Bitches“ liest sich stellenweise wie der Soundtrack dieser Bewegung. In der letzten, der eindringlichsten Story im Buch, spricht die Protagonistin mit ihrer ermordeten besten Freundin.
Da diese Freundin sie nicht mehr hören kann, ist es vielmehr ein verzweifelter, aufrüttelnder Monolog.
Wusstest Du, dass in Mexiko jeden Tag sieben Frauen ermordet werden? Ich weiß, ich weiß, das ausgerechnet Dir zu erzählen, ist ganz schön ironisch, aber ich war echt geschockt. Wo waren wir, während alle drei Stunden eine Frau zu Tode geprügelt, zerstückelt und vergewaltigt wurde?
Die Frauen in Dahlia de la Cerdas Buch werden nicht verklärt. Sie lügen, stehlen und betrügen, machen Termine beim Schönheits-Chirurgen, wie einen Friseurtermin. Sie kokettieren mit ihrer Oberflächlichkeit. Doch trotz all ihrer Fehler und Schwächen sind sie stark und resilient und wollen alles, nur kein Opfer sein.
Der Mörder war ihr Freund.
Ihr Mann.
Ihr Ex.
Ihr Sohn.
Ein Mann.
Ein Mann, der ihr sagte, dass er sie liebt. Und sie dann tötete.
Ich fühlte mich elend, die schlechteste Freundin der Welt, denn wenn ich gewusst hätte, wie gefährlich es ist, in diesem Scheißland eine Frau zu sein, dann hätte ich dich niemals allein nach Hause gehen lassen.
Ein erfrischendes Debüt
Der Ton im Buch ist umgangssprachlich, was den einzelnen Storys eine authentische und unmittelbare Note verleihen soll. Aber man hat beim Lesen an einigen Stellen das Gefühl, dass in der Übersetzung doch einiges an Originalität verloren geht. Das Buch vermittelt dennoch auf kraftvolle Weise die rohe, ungeschönte Wahrheit über die schrecklichen Gewalterfahrungen, die Frauen in Mexiko, aber auch im Rest der Welt, ausgesetzt sind.
Dass man sich trotz der Härte und der heftigen Thematik unterhalten fühlt beim Lesen, und dies nicht nur als moralische Pflichtübung begreift - auch das eine Parallele zu Tarantino - liegt am Humor der Autorin und an der kreativen nahezu filmischen Art, wie die einzelnen Storys miteinander verwoben sind.
Abgerundet wird das Ganze mit vielen popkulturellen Anspielungen und einer Playlist am Ende des Buches, die den passenden Soundtrack zu den Storys liefert. Ein erfrischend vielschichtiges, unbedingt lesenswertes Debüt.
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