Das ist der Roman des Jahres 2025 Deutscher Buchpreis 2025 für Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen"
Der Deutsche Buchpreis 2025 geht an Dorothee Elmiger für den Roman „Die Holländerinnen". Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse 2025 wurde aus 229 Romanen gewählt. Eine überzeugende Entscheidung.
Harmloser, fast spröder Anfang
Der Roman beginnt nahezu harmlos, fast ein wenig spröde. Eine arrivierte Schriftstellerin soll eine Poetikvorlesung halten, aber anstatt die bislang veröffentlichten Werke zu analysieren oder sie im Lichte der eigenen Biografie zu interpretieren (wie es bei solchen Gelegenheiten üblich ist), beginnt die Autorin, von einer unheimlichen Reise zu berichten.
Ein bekannter, aber nicht weiter benannter Theatermacher habe die Erzählerin zu einem Projekt im mittelamerikanischen Dschungel eingeladen. Die Theatergruppe wolle sich auf die Spuren von zwei holländischen Touristinnen begeben, die im Jahr 2014 auf einer Wanderung durchs grüne Dickicht in Panama verschwunden und nie wieder aufgetaucht seien.
Der Angst einen Rahmen geben – Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“
Ein historischer Fall als Aufhänger
Dorothee Elmigers Roman greift damit einen historisch verbrieften Fall auf, allerdings nicht um eine True-Crime-Story zu erzählen, sondern um den physischen Horror in Sprache zu übersetzen und damit auch die Grenzen des Erzählbaren auszuloten.
Durchaus passend, dass der gesamte Text in indirekter Rede gehalten ist. Das Grauen kommt hier im Konjunktiv I daher, der immer auch eine nicht nur sprachliche Differenz zum schwer fassbaren Geschehen aufzeigt. So erkennt die Ich-Erzählerin, als sie im Wald herumirrt, dass diese Geschichte keine Pointe und auch kein klares Ende haben könne.
Zahlreiche Verweise aus der Literaturgeschichte
Elmigers Prosa ist von literarischen Anspielungen und Querverweisen durchzogen; man denke an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ oder Joseph Conrads „Heart of Darkness“. Es handelt sich bei den „Holländerinnen“ durchaus um ein intellektuelles Kopfkino. Doch das virtuose Collagieren wird hier nicht zum Selbstzweck. Elmiger gelingt es, die Gewaltgeschichten der Vergangenheit ins Verhältnis zu einer nicht minder bedrohlichen, literarisch-psychischen Gegenwart zu setzen.
Gelassene Stimmung bei der Preisvergabe
Elmigers Roman mit dem Deutschen Buchpreis auszuzeichnen, ist eine durchweg überzeugende Entscheidung. Selten wirkte die Stimmung bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer auch so gelassen. Nach den Debatten im vergangenen Jahr schienen alle Beteiligten eine möglichst harmonische Veranstaltung absolvieren zu wollen.
Die reflektierte und gleichsam sympathische Dankesrede der Schweizer Autorin passte in die harmonische Buchpreis-Szenerie, die sich vom Vorjahr deutlich unterschied.
Eine nahezu „klassische“ Buchpreis-Saison
Im Rückblick auf die Long- und Shortlist ergibt sich eine nahezu „klassische“ Buchpreis-Saison: Die Jury hat eigene Akzente gesetzt und auf Prosawerke hingewiesen, die ohne eine Nominierung vermutlich nicht im kulturmedialen Rampenlicht gestanden hätten.
Die Kehrseite dieser oft als „mutig“ titulierten Entscheidungen liegt ebenfalls auf der Hand: Herausragende Bücher wie Anja Kampmanns sprachkünstlerischer, historisch versierter und hochaktueller Kiez-Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ oder Katerina Poladjans gewitzt-melancholischer Familien- und Epochenroman „Goldstrand“ haben es nicht einmal in die erste Runde geschafft.
Prominente Namen fehlen oft
Das ist und bleibt, wenn man sich die literarische Qualität der dann nominierten Bücher anschaut, ziemlich rätselhaft, gehört aber zu die Usancen des Wettbewerbs, in dem prominente Namen ohnehin oft fehlen.
Nicht wenige Schriftstellerinnen und Schriftsteller möchten sich nämlich am Deutschen Buchpreis grundsätzlich nicht beteiligen, weil sie sich dem Prozedere nicht aussetzen wollen oder weil sie es schlichtweg nicht nötig haben.
Das muss Dorothee Elmiger aber nicht interessieren, denn sie wird sich nicht nur über den Buchpreis freuen können, sondern auch über eine Jury-Entscheidung, die im Feuilleton garantiert einhellig begrüßt wird.