Josephine Johnson hatte die US-Literaturszene beeindruckt: Mit 24 schon hatte sie für ihr Romandebüt den Pulitzer-Preis erhalten, im Jahre 1935. 30 Jahre später wiederum hatte sie sich mit ihrer Familie aufs Land zurückgezogen: auf eine riesige Farm in der Einsamkeit des Mittleren Westens.
Und gerade in jener Epoche, in der man an den unaufhaltsamen technischen Fortschritt und die unerschöpflichen Ressourcen glaubte, schrieb Josephine Johnson dort ein Buch, das seiner Zeit weit voraus war.
Mit der Natur durch ein Jahr
Ein Jahr in der Natur – so also der deutsche Titel – versammelt minuziöse Beobachtungen von Flora und Fauna. Josephine Johnson erzählt chronologisch: für jeden Monat des Jahres ein Kapitel. Im Juni beispielsweise hat sie sich in den hintersten Winkel ihrer Ländereien begeben:
An einem Sommermorgen dort oben sind die fernen Berge blau, die Luft ist warm und diesig, voll weißer und gelber Schmetterlinge, die kurz auftauchen und dann wieder weg sind, wie Wolkenfetzen. [...] Diese unverschämten Farben sind wunderschön und harmonisch im Sonnenlicht. Die hohen samentragenden Gräser am Rand der Lichtung biegen sich auf einmal unter dem Gewicht eines Distelfinken, der Samen sammelt, oder eines Indigofinken, dessen Blau keiner anderen Farbe auf Erden gleicht – das seltenste, juwelenähnliche Blau, als käme ein wilder Edelstein auf Flügeln vorbei.
In diesem Sinne führt das Buch durch die Jahreszeiten: mit einer Fülle kleiner Erlebnisse in und mit der Natur.
Der Gedanke, dass all dieses unbekannte kreatürliche Leben hier wieder und wieder vorbeikommt, erzeugt ein seltsam traumgleiches Gefühl der Verzauberung. Es ist der Keim von Märchen, die Suche nach verlorenen Tälern. Zeitlose Inseln in der Welt der Zeit. Entweder sollte ich nie mehr fortgehen oder nicht mehr zurückkehren.
Platz 3 (47 Punkte) Josephine Johnson: Ein Jahr in der Natur
Josephine Johnson ist bis heute die jüngste Pulitzer-Preisträgerin aller Zeiten. In diesem Buch erzählt sie von ihrem zurückgezogenen Leben in Ohio. Johnson unterzieht die sie umgebende Welt einer anschaulichen und bildstarken Betrachtung.
Pazifistin auf der Höhe der Zeit
Die Menschen, zu denen Johnson hier so entschieden auf Distanz gegangen ist, überziehen gerade Vietnam mit einem mörderischen Krieg. Was dort geschieht, wühlt die Autorin auf, und sie profiliert sich als entschiedene Pazifistin.
Zugleich proklamiert sie ein Denken, wie es in der breiten Gesellschaft erst fünfzehn Jahre später Fuß fassen wird:
Es sollte überall Parks mit viel Grün geben. Dies ist eine irrsinnige Welt aus Straßen und Betonblöcken, und die Menschen halten es an dem Ort, an dem sie sind, nicht mehr aus, weil sie ihn zerstört haben [...]. Es sollte Parks für die Menschen geben und Wälder für die Tiere, solange für beide auf der Erde noch genügend Platz ist und Zeit.
Geschmackvolle Buchedition
All dies ist festgehalten in einem liebevoll aufgemachten Buch, dem auch die gekonnten Illustrationen der Kanadierin Andrea Wan Atmosphäre verleihen. Nur auf den ersten Blick entwirft das Buch eine Szenerie der Stille und Beschaulichkeit - unter der Oberfläche brodelt es.
Mitunter erinnert Johnsons Duktus durchaus an die Großstadtszenerie von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Dann wieder springen Parallelen zum alttestamentlichen Psalm 104 ins Auge: dort wie hier entsteht aus einer Fülle von Natureindrücken Schlag auf Schlag eine eindringliche Liebeserklärung an die Schöpfung.
Dem Schöpfer-Gott begegnet auch Josephine Johnson hier an mehreren Stellen – sie wird allerdings nicht fertig damit, dass ihre Landsleute in Vietnam gerade den gleichen Fehler begehen wie die barbarischen Kreuzfahrer des Mittelalters - und die Botschaft der Liebe ins brutale Gegenteil verdrehen.
So verharrt Johnson am Ende des Jahres in der Einsamkeit Ohios. Über das Plädoyer für eine neue Achtung vor der Natur hinaus findet ihr Buch keine rechten Antworten – immerhin bildet es eine berührende Liebeserklärung.
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