Geisterkult nicht nur zu Halloween

Geistergeschichten aus Asien: Die Toten kehren zurück

Ob hungrige Geister in Taiwan oder philippinische Aswangs – in Asien sind Geister das ganze Jahr über präsent. Besonders in der Literatur spielen sie eine wichtige Rolle.

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Von Autor/in Katharina Borchardt

Die Geister sind los! Bei uns zu Allerseelen, wenn man denn noch daran glaubt. Am Tag nach Allerheiligen ehren wir die Toten, die noch im Fegefeuer schmoren, also in einer qualvollen Zwischenwelt stecken. Lange glaubte man, dass die Verstorbenen an diesem Tag zurückkehren und unter den Lebenden herumgeistern.

Halloween kommt aus Irland

Darin ähnelt Allerseelen dem irischen Halloween, das eigentlich "All Hallows‘ Eve" heißt, also den Abend vor Allerheiligen meint. Auch zu Halloween kehren die Toten zurück. Man lese nur einmal Stewart O’Nans Roman "Halloween" mit all seinen untoten Unfallopfern. O’Nan ist Amerikaner, aber sein Name verrät, dass seine Vorfahren von der sogenannten Grünen Insel kamen.

Halloween ist international extrem erfolgreich, und so laufen jährlich am 31. Oktober nicht nur in den irisch geprägten USA, sondern zunehmend auch bei uns Kinder und Erwachsene als stark geschminkte Untote herum.

Chinesen bereiten Opfergaben für die Toten beim Festival der Hungergeister in Kuala Lumpur vor.
Chinesen bereiten Opfergaben für die Toten beim Festival der Hungergeister in Kuala Lumpur vor. IMAGO / ZUMA Press Wire

China und Taiwan feiern einen ganzen Geistermonat

Die Idee, dass die Toten als Geister zurückkehren, gibt es aber auch in anderen Kulturen. Und zwar ganz besonders in Ost- und Südostasien. In China und Taiwan wird sogar ein ganzer Geistermonat zelebriert.

Im siebten Monat nach dem Mondkalender kehren dort die Toten zurück und spazieren unter den Lebenden herum. Um die Hungrigen milde zu stimmen, werden ihnen vor Geschäften und in heimischen Wohnzimmern bergeweise Speisen und Früchte angeboten.

An der Hotelzimmertür lieber anklopfen

In Taiwan ist der Geisterkult besonders lebendig. Bevor Taiwaner ein Hotelzimmer beziehen, klopfen sie lieber an. Auch der taiwanesische Autor Kevin Chen macht das so - denn in jedem Hotel wohnten unzählige Seelen, sagt er.

Im Geistermonat sind besonders viele Geister unterwegs, wie man in seinem Roman „Geisterdämmerung“ erleben kann. Darin kehrt ein junger Mann namens Tianhong in sein Heimatdorf zurück, in dem vor allem Frauengeister ihr Unwesen treiben.

Das erinnert auch an Romane von Li Ang und Lung Yingtai, in denen es ebenfalls reichlich spukt.

Allerheiligen auf den Philippinen
Allerheiligen auf den Philippinen ist einer der höchsten christlichen Feiertage der Inselrepublik. An "Undas", dem Tag der Toten, besuchen Filipinos die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen und feiern ein fröhliches Fest, Lebenden und Tote vereint. IMAGO / ZUMA Press Wire

Horror beliebt auf den Philippinen

Die wildesten Geistergeschichten haben dieses Jahr aber sicherlich Autor*innen von den Philippinen vorgelegt, die Gastland auf der Frankfurter Buchmesse waren. Filipinos lieben Horror und verarbeiten Geistergeschichten gerne in bildstarken Graphic Novels.

In den „Trese“-Comics von Budjette Tan und Kajo Baldisimo klärt etwa eine Ermittlerin Kriminalfälle auf, in die Untote verwickelt sind.

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Ziemlich paranormal ist auch die Comic-Reihe „Strange Natives“ von Paolo Herras und Jerico Marte: „Die vergessliche alte Dame“ etwa kann durch die philippinische Geschichte wandern. Lebt sie noch, oder ist sie schon tot? „Der Junge mit den Capiz-Augen“ hingegen sieht Waldgeister.

Überhaupt sind philippinische Geister Meister der Verwandlung. Auch im Roman „Das Meer der Aswang“ von Allan N. Derain kann man erleben, wie Frauen zu Geistervögeln oder zu Krokodilen werden. Dagegen hat der auf den Philippinen weit verbreitete Katholizismus keine Chance.

Ein philippinischer Aswang, wie er vor allem auf den Visayas gefürchtet wird
Ein philippinischer Aswang, wie er vor allem auf den Visayas gefürchtet wird IMAGO / UIG

Reinkarnation – die Seele wechselt nur ihre Hülle

Der asiatische Geisterglaube ist älter als das Christentum. Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass eine Seele nicht stirbt, sondern nur ihre Gestalt wechselt. Das ist die Grundidee der Reinkarnation. Leben und Tod sind hier keine Gegensätze, sondern fluide Seinszustände.

Davon gehen Hinduismus, Buddhismus und Taoismus aus. Im Buddhismus kann man in sechs verschiedenen Kategorien wiedergeboren werden. Zum Beispiel als Mensch, als Tier - oder auch als Hungergeist.

Das Fest der hungrigen Geister in Malaysia.
Das Fest der hungrigen Geister in Malaysia IMAGO / NurPhoto

Bibliotheksspuk bei Haruki Murakami

Auch in Japan gibt es ein Geisterfest, an dem der Ahnen gedacht wird. Es heißt "O-bon" und wird zumeist als großes Familientreffen gefeiert. Deswegen nehmen japanische Familienromane oft ihren Ausgang an O-bon, ob nun mit oder ohne Geistergesellschaft. So zum Beispiel in Sayaka Muratas Roman „Das Seidenraupenzimmer“.

Im japanischen Shintoismus glaubt man ebenfalls an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod. Das illustriert auch Haruki Murakamis letzter Roman „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Darin streift der Geist des erst kürzlich verstorbenen Bibliothekars Herr Koyasu durch seine ehemalige Bücherei. Er ist hilfsbereit und gibt den Lebenden guten Rat.

Zu O-bon werden in Japan auch Laternen für die Ahnen angezündet.
Zu O-bon werden in Japan auch Laternen für die Ahnen angezündet. IMAGO / Panthermedia

Klassische Geistergeschichten aus Japan und aus China

Die Geister der Verstorbenen können aber auch durchaus ungemütlich werden. Vor allem Frauen, die im Leben unterdrückt und gegängelt wurden, werden später oft zu Rachegeistern.

Als großer Sammler alter japanischer und durchaus furchterregender Geistergeschichten gilt Lafcadio Hearn (1850 - 1904), nicht zufällig ein Halb-Ire. Auf chinesischer Seite war Pu Sung-Ling (1640 - 1715) der wichtigste Sammler chinesischer Geistergeschichten. Er lebte bereits in der frühen Qing-Dynastie. Seine Sammlungen aber werden bis heute gelesen.

Ein Geist namens Kohada Koheiji kehrt zurück, um Rache zu nehmen. Holzschnitt von Katsushika Hokusai (1760-1849)
Ein Geist namens Kohada Koheiji kehrt zurück, um Rache zu nehmen. Holzschnitt von Katsushika Hokusai (1760-1849) IMAGO / UIG

In Literatur und Popkultur präsent

Auch in der heutigen Popkultur tummeln sich Geister überall. Am bekanntesten dürften die Animes des berühmten Tokioter Studio Ghibli sein.

Dort erscheinen sie selten als bedrohliche Wesen, sondern als Teil einer spirituell aufgeladenen Welt. In Filmen wie "Chihiros Reise ins Zauberland" oder "Prinzessin Mononoke" sind Geister Teil der Geschichte. Sie agieren genauso wie die realen Figuren.

Zumeist sind die Geister freundlich, können aber auch mal zubeißen. Die poetischen Animes von Hayao Miyazaki, der das Studio Ghibli 1985 mitbegründete, erzählen von einer beseelten Natur. Die Übergänge zwischen Fluss, Baum, Geist und Mensch sind fließend.

Szene aus einem Zeichenntrickfilm: Chihiro steht vor ihren Eltern, die in Schweine verwandelt worden sind
picture alliance/United Archives

Böse Rachegeister und süßer K-Pop

Auch der Erzähler in Cai Juns modernem Thriller „Rachegeist“ liest schon gleich zu Anfang Pu Sung-Lings Geschichten. Er heißt Shen Ming, und er wurde ermordet. In neuem Körper kehrt er als Rachegeist in seinen Heimatort zurück. Und das obwohl an den marxistisch geprägten Schulen der Volksrepublik gelehrt wird, dass es kein Leben nach dem Tod gibt.

Der Geisterglaube ist dennoch ungebrochen - in ganz Asien. Davon zeugt auch der Netflix-Film „KPop Demon Hunters“. Darin kämpft eine koreanische Girl Group gegen böse Dämonen.

Wichtigstes Ziel: die Grenze zwischen unserer Welt und einem ständig herandrängenden Jenseits zu festigen. Denn die ist in Asien traditionell durchlässig. Nicht nur zum Geisterfest, sondern das ganze Jahr.

In der Netflix-Serie „KPop Demon Hunters“ jagen süße Mädchen hübsche, aber böse Dämonen.
In der Netflix-Serie „KPop Demon Hunters“ jagen süße Mädchen hübsche, aber böse Dämonen. IMAGO / Landmark Media
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