Die Geister sind los! Bei uns zu Allerseelen, wenn man denn noch daran glaubt. Am Tag nach Allerheiligen ehren wir die Toten, die noch im Fegefeuer schmoren, also in einer qualvollen Zwischenwelt stecken. Lange glaubte man, dass die Verstorbenen an diesem Tag zurückkehren und unter den Lebenden herumgeistern.
Halloween kommt aus Irland
Darin ähnelt Allerseelen dem irischen Halloween, das eigentlich "All Hallows‘ Eve" heißt, also den Abend vor Allerheiligen meint. Auch zu Halloween kehren die Toten zurück. Man lese nur einmal Stewart O’Nans Roman "Halloween" mit all seinen untoten Unfallopfern. O’Nan ist Amerikaner, aber sein Name verrät, dass seine Vorfahren von der sogenannten Grünen Insel kamen.
Halloween ist international extrem erfolgreich, und so laufen jährlich am 31. Oktober nicht nur in den irisch geprägten USA, sondern zunehmend auch bei uns Kinder und Erwachsene als stark geschminkte Untote herum.
China und Taiwan feiern einen ganzen Geistermonat
Die Idee, dass die Toten als Geister zurückkehren, gibt es aber auch in anderen Kulturen. Und zwar ganz besonders in Ost- und Südostasien. In China und Taiwan wird sogar ein ganzer Geistermonat zelebriert.
Im siebten Monat nach dem Mondkalender kehren dort die Toten zurück und spazieren unter den Lebenden herum. Um die Hungrigen milde zu stimmen, werden ihnen vor Geschäften und in heimischen Wohnzimmern bergeweise Speisen und Früchte angeboten.
An der Hotelzimmertür lieber anklopfen
In Taiwan ist der Geisterkult besonders lebendig. Bevor Taiwaner ein Hotelzimmer beziehen, klopfen sie lieber an. Auch der taiwanesische Autor Kevin Chen macht das so - denn in jedem Hotel wohnten unzählige Seelen, sagt er.
Im Geistermonat sind besonders viele Geister unterwegs, wie man in seinem Roman „Geisterdämmerung“ erleben kann. Darin kehrt ein junger Mann namens Tianhong in sein Heimatdorf zurück, in dem vor allem Frauengeister ihr Unwesen treiben.
Das erinnert auch an Romane von Li Ang und Lung Yingtai, in denen es ebenfalls reichlich spukt.
Horror beliebt auf den Philippinen
Die wildesten Geistergeschichten haben dieses Jahr aber sicherlich Autor*innen von den Philippinen vorgelegt, die Gastland auf der Frankfurter Buchmesse waren. Filipinos lieben Horror und verarbeiten Geistergeschichten gerne in bildstarken Graphic Novels.
In den „Trese“-Comics von Budjette Tan und Kajo Baldisimo klärt etwa eine Ermittlerin Kriminalfälle auf, in die Untote verwickelt sind.
Die Frankfurter Buchmesse 2025 startet am 15. Oktober Ein Streifzug durch die Literatur des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2025
Die Philippinen sind Gastland der Frankfurter Buchmesse 2025. Rund dreißig neue Bücher erscheinen zur Messe, auch viele Graphic Novels. Hervorragend übersetzt und hochpolitisch.
Ziemlich paranormal ist auch die Comic-Reihe „Strange Natives“ von Paolo Herras und Jerico Marte: „Die vergessliche alte Dame“ etwa kann durch die philippinische Geschichte wandern. Lebt sie noch, oder ist sie schon tot? „Der Junge mit den Capiz-Augen“ hingegen sieht Waldgeister.
Überhaupt sind philippinische Geister Meister der Verwandlung. Auch im Roman „Das Meer der Aswang“ von Allan N. Derain kann man erleben, wie Frauen zu Geistervögeln oder zu Krokodilen werden. Dagegen hat der auf den Philippinen weit verbreitete Katholizismus keine Chance.
Reinkarnation – die Seele wechselt nur ihre Hülle
Der asiatische Geisterglaube ist älter als das Christentum. Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass eine Seele nicht stirbt, sondern nur ihre Gestalt wechselt. Das ist die Grundidee der Reinkarnation. Leben und Tod sind hier keine Gegensätze, sondern fluide Seinszustände.
Davon gehen Hinduismus, Buddhismus und Taoismus aus. Im Buddhismus kann man in sechs verschiedenen Kategorien wiedergeboren werden. Zum Beispiel als Mensch, als Tier - oder auch als Hungergeist.
Bibliotheksspuk bei Haruki Murakami
Auch in Japan gibt es ein Geisterfest, an dem der Ahnen gedacht wird. Es heißt "O-bon" und wird zumeist als großes Familientreffen gefeiert. Deswegen nehmen japanische Familienromane oft ihren Ausgang an O-bon, ob nun mit oder ohne Geistergesellschaft. So zum Beispiel in Sayaka Muratas Roman „Das Seidenraupenzimmer“.
Im japanischen Shintoismus glaubt man ebenfalls an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod. Das illustriert auch Haruki Murakamis letzter Roman „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Darin streift der Geist des erst kürzlich verstorbenen Bibliothekars Herr Koyasu durch seine ehemalige Bücherei. Er ist hilfsbereit und gibt den Lebenden guten Rat.
Klassische Geistergeschichten aus Japan und aus China
Die Geister der Verstorbenen können aber auch durchaus ungemütlich werden. Vor allem Frauen, die im Leben unterdrückt und gegängelt wurden, werden später oft zu Rachegeistern.
Als großer Sammler alter japanischer und durchaus furchterregender Geistergeschichten gilt Lafcadio Hearn (1850 - 1904), nicht zufällig ein Halb-Ire. Auf chinesischer Seite war Pu Sung-Ling (1640 - 1715) der wichtigste Sammler chinesischer Geistergeschichten. Er lebte bereits in der frühen Qing-Dynastie. Seine Sammlungen aber werden bis heute gelesen.
In Literatur und Popkultur präsent
Auch in der heutigen Popkultur tummeln sich Geister überall. Am bekanntesten dürften die Animes des berühmten Tokioter Studio Ghibli sein.
Dort erscheinen sie selten als bedrohliche Wesen, sondern als Teil einer spirituell aufgeladenen Welt. In Filmen wie "Chihiros Reise ins Zauberland" oder "Prinzessin Mononoke" sind Geister Teil der Geschichte. Sie agieren genauso wie die realen Figuren.
Zumeist sind die Geister freundlich, können aber auch mal zubeißen. Die poetischen Animes von Hayao Miyazaki, der das Studio Ghibli 1985 mitbegründete, erzählen von einer beseelten Natur. Die Übergänge zwischen Fluss, Baum, Geist und Mensch sind fließend.
Böse Rachegeister und süßer K-Pop
Auch der Erzähler in Cai Juns modernem Thriller „Rachegeist“ liest schon gleich zu Anfang Pu Sung-Lings Geschichten. Er heißt Shen Ming, und er wurde ermordet. In neuem Körper kehrt er als Rachegeist in seinen Heimatort zurück. Und das obwohl an den marxistisch geprägten Schulen der Volksrepublik gelehrt wird, dass es kein Leben nach dem Tod gibt.
Der Geisterglaube ist dennoch ungebrochen - in ganz Asien. Davon zeugt auch der Netflix-Film „KPop Demon Hunters“. Darin kämpft eine koreanische Girl Group gegen böse Dämonen.
Wichtigstes Ziel: die Grenze zwischen unserer Welt und einem ständig herandrängenden Jenseits zu festigen. Denn die ist in Asien traditionell durchlässig. Nicht nur zum Geisterfest, sondern das ganze Jahr.