Empfehlenswerte Biografie

Moltke-Biografie von Volker Ullrich: Widerstand ist eine Frage der Haltung

Keine Ikone, aber ein junger Mann voller Mut und Klarsicht – dieses Bild zeichnet der Historiker Volker Ullrich von Helmuth James Graf von Moltke. Der Vordenker des „Kreisauer Kreises“ war entschiedener Widersacher des Nationalsozialismus.

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Von Autor/in Rainer Volk

Die ikonenhafte Überhöhung Moltkes musste korrigiert werden

Knapp 20 Jahre ist es her, dass der Bochumer Theologe Günter Brakelmann eine Lebensgeschichte von Helmuth James von Moltke veröffentlichte. Geradezu ikonenhaft wurde Moltke da überhöht.

Das musste korrigiert werden, hat doch – nicht zuletzt – Moltkes Witwe Freya davor gewarnt, die christlichen Wurzeln von Moltkes Widerstands in dessen Anfangsjahren zu überhöhen – oder überhaupt den Topos „Widerstand“ zu verwenden: 

Wir nannten uns nicht Widerstand, wir nannten uns nicht Kreis. Wir waren nicht organisiert – das konnte man alles ja gar nicht in der gefahrvollen Situation, in der wir waren. Denn die Nazis duldeten ja keinerlei Widerspruch.

Volker Ullrich schafft es, die Klippen der Glorifizierung zu umschiffen

Volker Ullrich gelingt es dieses Mal, die Klippen der Glorifizierung zu umschiffen. Er lobt Mut und Klarsicht des jungen Adligen, Ehemanns und Familienvaters, der die Gefahren von Anfang an klar sah.

Wo diese Haltung herkam – durch ein ungewöhnlich liberales Elternhaus, vor allem die starke Mutter Dorothy, die der britisch-südafrikanischen „Upper Class“ entsprang – das liest sich zunächst aber kaum anders als bei früheren Moltke-Biografen.

Der Kreisauer Kreis war kein Harmoniekränzchen

Wirklich tiefer bohrt diese Biografie etwa ab der Mitte des gut 350 Seiten starken Textteils. Das achte Kapitel etwa ist eine knappe Skizze jenes Netzwerks, das nach Moltkes Gut in Schlesien „Kreisauer Kreis“ hieß. Hier dachte er mit Freunden über Möglichkeiten nach, wie Deutschland nach einer Niederlage im Zweiten Weltkrieg neu beginnen könnte.

Deutlich wird in diesen Passagen: Der Kreisauer Kreis war kein Harmoniekränzchen! Um Kompromisse und gemeinsame Positionen wurde hart gerungen. 

Die Briefe Moltkes an seine Frau können endlich für die Forschung genutzt werden

Zugleich klopft Ullrich die Ideen, die am Ende Konsens waren, ab auf ihre Tauglichkeit: Moltkes Lieblingsgedanke etwa von den sich selbst verwaltenden „kleinen Gemeinschaften“ oder die Skepsis gegenüber einem allgemeinen Wahlrecht für ein reichsweites Parlament sieht er kritisch.

Diese Differenzierungen sind möglich, weil seit etwa anderthalb Jahrzehnten die Briefe Moltkes an seine Frau für die Forschung genutzt werden können. Freya von Moltke hatte sich bis zu ihrem Tod im Jahre 2010 geweigert, diesen Dokumentenschatz herauszugeben. Er war entstanden, weil das Ehepaar oft getrennt lebte – er arbeitete als Jurist viel in Berlin, sie war auf dem Familiengut im schlesischen Kreisau gefragt.

„Wenn wir da zusammenleben wollten – in Gänsefüßchen – dann musste man sich schreiben. Und das haben wir dann täglich, beinah‘, getan. Und ich habe diesen großen Briefschatz, den habe ich als meinen kostbarsten Besitz aus Schlesien mit weggenommen – die habe ich alle gerettet.

Fazit: Unbedingt empfehlenswert!

Die privaten Seiten dieser Ehe betrachtet Ullrich nur soweit als sie von allgemeinem Interesse sind. Doch erhält Moltkes Heiligenschein auch in dieser Hinsicht kleine Kratzer: Denn als Ehemann bekundete er zwar häufig Gewissensbisse, seiner Frau zu viel zuzumuten – ersparte ihr aber keine Strapaze, die sich aus seinem Tun ergab.

Trotzdem sind diese Briefe großartig – als Zeugnisse menschlicher Tragik. Liebe, Zärtlichkeit, volles Vertrauen – alles wird sichtbar. Und als Historiker verneigt sich Volker Ullrich vor einem Giganten, der mit Mitte 30 das Verbrecherregime der Nazis auf den Punkt bringt wie kaum ein anderer. So schrieb Moltke - zum Tode verurteilt - in einem seiner letzten Briefe:

Wir haben nur gedacht. Und vor den Gedanken – den bloßen Gedanken – hat der Nationalsozialismus eine solche Angst, dass er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben.

Das Fazit muss daher lauten: Sehr lesbar – und unbedingt empfehlenswert.

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