Die ersten Lebensjahre als Flüchtling im Stuttgarter Lager
Eva Mekler ist zum ersten Mal nach 76 Jahren zurück in Stuttgart, und sie hat gut geschlafen. Beides ist alles andere als selbstverständlich für jemanden, der die ersten Lebensjahre als Flüchtling in einem Stuttgarter Lager verbrachte, nachdem die Eltern den Holocaust überlebt hatten.
Jetzt ist Eva Mekler aus New York angereist, sitzt im Württembergischen Kunstverein und erzählt. „Als Kind habe ich all die Geschichten gehört, immer wurde bei uns zu Hause vom Krieg gesprochen, in allen Einzelheiten“, sagt sie. „Und jetzt, da ich hier bin, kann ich das übereinanderlegen: was ich sehe, mit dem, was mir meine Familie als Erinnerungen mitgegeben hat.“
Die Polizisten tragen Nazi-Uniformen
Unter diesen Erinnerungen sticht heraus, was vor exakt 80 Jahren in der Stuttgarter Reinsburgstraße passierte: Am 29. März 1946 wird dort der Auschwitz-Überlebende Shmuel Dancyger bei einer antisemitisch motivierten Razzia von der Stuttgarter Polizei erschossen. Eva Meklers Vater ist Augenzeuge.
„Die Polizei hat befohlen, rauszukommen aus den Häusern“, erzählt Eva Mekler. „Aber das hat keiner getan, die Leute haben sich gewehrt. Wir waren alle geschockt, dass so was passierte, besonders weil die Polizisten Nazi-Uniformen trugen.“ Etwa 200 bewaffnete Polizisten sind vor Ort. Sie dringen in die Wohnungen der Vertriebenen ein, verletzten einige.
Über 1000 Holocaust-Überlebende lebten zeitweise in der oberen Reinsburgstraße
Die Familien Dancyger und Mekler sind zufällig in Stuttgart gestrandet. Ihre frühere Heimat, das polnische Radom, ist nach dem Krieg ein Albtraum, die einst blühende jüdische Gemeinde ausgelöscht. „Fast niemand hatte überlebt“, sagt Eva Mekler. „Dann töteten Einheimische zwei Juden, die zurückgekehrt waren. Da sagte mein Vater: Das war‘s.“
In Stuttgart haben die US-Besatzer Häuser für vertriebene Juden wie die Meklers requiriert. So leben in der oberen Reinsburgstraße zeitweise über 1000 Holocaust-Überlebende, ähnlich wie in hunderten weiteren Lagern in Deutschland.
Die Überlebenden hatten das Schlimmste gesehen
Die Ausstellung im Württembergischen Kunstverein rekonstruiert auch den besonderen Geist dieser Transit-Welt. „Zeitungen, Bildungsprogramme, Schach- und Fußballteams, ein neues Leben“, sagt Eva Mekler. „Die Leute waren den Lagern entkommen, sie hatten keine Angst mehr, sie hatten das Schlimmste gesehen. Diese Überlebenden wollten sich von niemandem mehr rumkommandieren lassen.“
Dieses neue trotzige Selbstbewusstsein trifft auf die giftigen uralten Muster von Judenhass. Kurz vor der Razzia in der Reinsburgstraße hatte das Stuttgarter Polizeipräsidium den US-Behörden Gerüchte gemeldet, dass jüdische Vertriebene Kinder entführen, schlachten und als Fleischkonserve auf dem Schwarzmarkt verkaufen.
Protestierende fordern auch freie Ausreise nach Palästina
Dann erschießt die Polizei Shmuel Dancyger, und Tausende Überlebende in ganz Deutschland gehen wütend auf die Straße.
Die US-Behörden aber beschränken alle Demos auf die Lagergelände, denn neben einer Strafe für den Mord fordern die Proteste auch freie Ausreise nach Palästina. Die Überlebenden sind längst Gegenstand von Geopolitik – ob, wie und wo sie im damaligen britischen Mandatsgebiet einen eigenen Staat gründen.
Noch viel Forschungsarbeit fällig
Stuttgart sitzt den Konflikt aus. Die Verantwortlichen für Dancygers Tod werden nie ermittelt, im Juni 1949 wird das Lager in der Reinsburgstraße aufgelöst, das Thema verschwindet aus dem Gedächtnis der Stadt. Erst 2018 wird am Ort des Geschehens eine Stele errichtet, 2025 ein kleiner Park nach Shmuel Dancyger benannt.
Nach Auschwitz in Stuttgart erschossen: Shmuel Dancyger bekommt eigenen Platz
Aubery Pomerance, bis vor kurzem Archivar des Jüdischen Museums Berlins und persönlich bekannt mit der Familie Dancyger, weiß diese Gesten sehr zu schätzen. Aber er hält auch fest, dass immer noch einiges offen bleibt: „Ich weiß nicht, ob dem Land als Ganzen bewusst ist, wie viele Täter unbehelligt geblieben sind. Da ist noch viel Forschungsarbeit fällig, für lange Zeit.”
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