Buchkritik

Spielarten der Einsamkeit: Yade Yasemin Önders Roman „Anti Müller“

Hochkomisch und tieftraurig: Yade Yasemin Önders Roman „Anti Müller“ ist ein beeindruckender Text über Mutterschaft, Einsamkeit und die Bedingungen von Literatur.

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Von Autor/in Leander Berger

Der Berlin-Roman der Gegenwart hat seine festen Codes und Requisiten: Tinder-Dates in Neukölln, Öko-Hipster mit Kinderwagen und die Monstera-Pflanze in der Altbauwohnung.

Diese kleine, selbstreferentielle Welt hat es in Form von Vincenzo Latronicos Roman „Die Perfektionen“ vergangenes Jahr sogar bis auf die große Bühne internationaler Literatur geschafft, auf die Shortlist des International Booker Prize.

So weit, so erwartbar scheint auch das Setting in Yade Yasemin Önders Roman „Anti Müller“. Als missmutige Flaneuse streift ihre namenlose Ich-Erzählerin den Landwehrkanal entlang und ergeht sich dabei in teilnehmender Beobachtung einer Lebenswelt, die die ihre ist, und ihr zugleich abstoßend fremd:

„Kussmünder werden geformt, Selfies gemacht. Autos rasen, bremsen, hupen, hassen sich. Fahrradladen. Spielzeugladen. Bioladen. Brote, nach traditionellem Rezept aus dem Internet, landen in den Fängen Zugezogener. Schon fliegen diese los in ihre Altbaunester, wo ihre Nachkommen auf der Designerstange hocken und die Schnäbel nach dem nachhaltigen Laib recken.“

Mehr als nur das übliche Kulturbetriebs-Lamento

Wütende, wirbelnde Monologe sind der Redemodus dieses Textes, der mit scharfer Feder und viel Sinn für Rhythmus geschrieben ist. Dass Önder das Wechselspiel von Tempo und Brüchen beherrscht, hat sie bereits 2022 in ihrem Debütroman bewiesen, der den schönen Titel trug: „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“.

Yade Yasemin Önder
Yade Yasemin Önder

Die Bandbreite von Önders Sprachspiel hat sich seither noch einmal erweitert. Lustvoll reizt sie in „Anti Müller“ die Grenzen deutscher Sprache aus, und schreckt vor der platten Punchline so wenig zurück wie vor pseudoakademischem Künstlersprech.

Eine bandbreite an Emotionen

Motor des Textes ist die Wut der Protagonistin, einer 36-jährigen, mäßig erfolgreichen, Autorin, die an ihrem zweiten Roman arbeitet und ihr Leben von der Hand in den Mund führt.

Während der aufreibenden Schreibphasen ist ihre Wohnung Versteck und Verlies in einem und wird zum Turm ihrer Einsamkeit, von dem aus sie das Treiben auf den Neuköllner Straßen beobachtet. Kippt schließlich die Wut in Verzweiflung, weicht die Suada einer depressiven Stille:

„Es reicht. Ich lege mich hin, rolle mich ein, sammle in dieser Rundung alle schrecklichen Erlebnisse meines Lebens und werde zum Ball meiner Verzweiflung. Mein Körper, mein Geist, meine Seele, alles erinnert sich plötzlich wieder an alles. Und mit diesem Gewicht saust es sich hervorragend bergab.“

Im Tal angekommen, bleibe ich liegen. Warte auf einen sogenannten Gedanken. Mehrere Wochen liege ich da, sehe den Wolken zu, den Vögeln, den sich verändernden Lichtverhältnissen. Doch die Gedanken kommen nicht. Möwen krächzen, Magen knurrt, und es wird Mai.

Facetten der Einsamkeit

Es ist nicht bloß eine „Schreibblockade“, die am dunklen Grund dieses Textes schlummert. Es ist eine tiefe und vielschichtige Einsamkeit, von der Önders Roman handelt. Von der Einsamkeit einer Autorin, die monomanisch ihre ganze Energie auf ein Werk richtet, das im Moment des Erscheinens schon wieder vergessen sein wird.

Von der Einsamkeit des Kulturbetriebs, in dem jeder sich selbst der nächste ist und sich hinter den Lippenbekenntnissen von „Solidarität“ und „Interesse“ Missgunst und Neid verbergen.

Und schließlich ist es die Geschichte der Einsamkeit einer Frau Mitte 30, die um jeden Preis versucht, doch noch Mutter zu werden und von Männern umgeben ist, die alle Zeit der Welt haben – und sich konsequenterweise bald eine Jüngere suchen.

Erfolgreicher Daten mit Feminismus

Einer dieser Kandidaten ist Andy Müller. Ein gefragter Schauspieler, dessen Bühnenerfahrung ihn bestens trainiert hat für manipulative Zweierbeziehungen. In ihm hat Yade Yasemin Önder dem Typus des „Performative Male“ ein literarisches Mahnmal gesetzt.

Jenen Verbalfeministen also, die in Empathie und Simone de Beauvoir-Zitaten eine erfolgsversprechende Dating-Masche entdeckt haben und entsprechend ihre Tinder-Profile ausstatten:

Christian, 36, mag: Joggen, Sinn für Humor, Feminismus
Max, 44, Eternal Happiness, Black Lives Matter, Feminismus

Schonungslos in seinem Realitätsbezug kippt „Anti Müller“ doch nie ins Plakative politischer Programmschriften. Das macht diesen Roman zu einem so glaubwürdigen wie unterhaltsamen Zeugnis unserer Gegenwart.

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Autor/in
Leander Berger