Ein weiblicher Name als Hindernis
Mel Bonis (1858 - 1937), Meisterin der Orchestration, hieß eigentlich Mélanie Bonis. Sie nannte sich Mel aus einem einfachen Grund: Zur Jahrhundertwende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert war ein eindeutig weiblich klingender Name für eine Künstlerin ein echtes Hindernis, wenn sie ernst genommen werden und aufgeführt werden wollte.
Vielleicht hat sie sich auch aus diesem Grund – aus Solidarität, vor dem Hintergrund gemeinsamer Erfahrung – in ihrer Arbeit immer wieder mit anderen Frauen, ihrer Arbeit und ihrer Präsenz beschäftigt.
In ihrer Dichtung „Noël de la Vierge Marie“ nach einem Text der Autorin Madéleine Pape-Carpantier zum Beispiel predigt ausnahmsweise nicht ein männlicher Prophet der Nachwelt die Weihnachtsgeschichte, sondern hier erzählt Maria ihrem Baby von seiner Geburt.
Legendäre Frauen: Klavierzyklus über mythologische Frauenfiguren
Unter dem Titel „Femmes de légende“ (Legendäre Frauen) widmet Mel Bonis zwischen 1897 und 1913 einen ganzen Klavierzyklus mythologischen Frauenfiguren: Phoebée, Mélisande, Omphale oder Desdémona etwa.
Eine kleine Auswahl hat sie später für Orchester gefasst. Das Stück „Salome“ lebt von vielen plötzlichen atmosphärischen Wechseln zwischen Tänzen, ganz lieblichen Melodien und schattenhaften Abgründen.
Vom Ruhm zum Vergessen
Immer wieder tauchen in Mel Bonis‘ Musik auch orientalistische Klischees auf – Tänze mit Tamburin und Becken etwa oder besonders melismatisch gezeichnete Linien mit harmonischen Skalen. Damit ist die tief christlich gläubige Komponistin zu dieser Zeit nicht allein. Orient-Stereotype sind im Westeuropa der Belle Époque schwer im Trend.
Das ist aber nicht der primäre Grund, warum Mel Bonis für ihre kompositorische Arbeit von Zeitgenossen hoch geschätzt wird und sie viele Preise bekommt. Jules Massenet, Ernest Guiraud, Alphonse Leduc und andere Komponisten und Interpreten ihrer Zeit erkennen: Sie schreibt einfach meisterhafte, magische Musik.
Trotzdem hat ihr direktes Umfeld nie ihre Größe erkannt, auch nicht die tatsächliche Dimension ihrer Arbeit. Sie ist, wie so viele Komponistinnen, aus den Musik-Geschichtsbüchern verschwunden.
Zeit, ihre Kunst wieder hervor zu holen. Dieses Album zeigt, dass es sich lohnt.
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