Psychologie und Gesellschaft

Gefühle und Erinnerungen haben einen Einfluss auf unseren Geruchssinn

Gefühle und Erfahrungen bestimmen, wie wir Gerüche wahrnehmen. Neue Forschung zeigt, dass sich unser Urteil über Körpergeruch so auch ändern kann.

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Von Autor/in Sabeth Kalthoff, Julia Nestlen

Gerüche sind mehr als nur flüchtige Eindrücke. Sie können Erinnerungen wecken und sogar unsere Freundes- und Partnerwahl beeinflussen. Aber unser Geruchsurteil ist nicht in Stein gemeißelt. Anlass dazu gibt eine neue Studie eines Forschungsteams aus den USA. Dabei wurde herausgefunden: Wie wir den Geruch einer fremden Person wahrnehmen, hängt von unserer persönlichen Erfahrung ab.

Warum wir manche Menschen gut riechen können – und andere nicht

Wer kennt das nicht: Der Partner oder die Freundin hat übernachtet – und hat ein T-Shirt vergessen. Einmal dran gerochen – und plötzlich ist diese Person wieder ganz nah. Oder das Gegenteil: In der Bahn setzt sich plötzlich jemand neben einen, und man möchte sich am liebsten direkt wieder wegsetzen.

Gerüche wecken Erinnerungen, erzeugen Nähe oder bewirken im schlimmsten Fall sogar Abneigung. In der psychologischen Forschung ist lange bekannt, dass der Geruch mitentscheidet, ob wir eine Person mögen oder nicht.

Studie zeigt: Unser Geruchsurteil kann sich ändern

Doch neue Forschung aus den USA zeigt: Unser Geruchsurteil kann sich verändern. Wen wir erst "nicht riechen" können, könnte nach einer sympathischen Begegnung für uns sogar angenehm duften.

Dafür haben Forschende untersucht, wie 40 Frauen den Körpergeruch einer anderen Teilnehmerin bewerten – einmal vor und einmal nach einer Begegnung. Die Versuchspersonen rochen den typischen Körpergeruch mit Parfum, Shampoo und Duschgel – so, wie wir ihn aus unserem Alltag kennen. Das Ergebnis: Ein Körpergeruch, den die Personen vor einer Begegnung unangenehm empfanden, wurde nach einer positiven Interaktion besser bewertet.

Personen in der Bahn im Gespräch. Die Erfahrungen die wir mit einer Person haben, beeinflusst wie wir den Geruch der Personen wahrnehmen. Gefühle und der Geruchssinn hängen eng zusammen.
Ob eine Begegnung positiv oder negativ war, beeinflusst wie wir den Geruch der Personen wahrnehmen. IMAGO / Pond5 Images

Geruch und Psyche: Wie Erfahrungen unsere Wahrnehmung von Düften ändern

Ein möglicher Grund: Das, was wir über Geruch halten, ist nicht nur Biologie, sagt die Psychologin Ilona Croy. Sie forscht an der Uni Jena zu der Wirkung von Gerüchen auf unsere Beziehungen.

"Also die meisten Leute können ja den Körpergeruch ihres Partners am Anfang leiden und finden den auch attraktiv. Und dann aber, wenn die Partnerschaft so langsam in die Brüche geht, dann ist das halt nicht mehr so. Und das hat also unserer Meinung nach auch einfach viel mit Konditionierung zu tun. Ich hab den Geruch so oft gerochen, während ich mich mit dir gestritten hab – ich find den Geruch auch einfach nicht mehr dolle."

Erinnerungen prägen unseren Geruchssinn

Wir verknüpfen den Geruch einer Person also mit den Erfahrungen, die wir mit ihr gesammelt haben. Positive Erlebnisse können dazu führen, dass uns ein Duft angenehm und vertraut erscheint. Umgekehrt kann ein Geruch, den wir früher mochten, nach unschönen Erfahrungen auch abstoßend wirken. Wir haben also durchaus die Möglichkeit, unsere Nase sozusagen umzuprogrammieren.

Person genießt den Geruch einer Blume. Der Geruchssinn kann durch positive oder negative Erlebnisse beeinflusst werden.
Gerüche und Emotionen sind stark aneinander gekoppelt. Positive Erlebnisse kann dazu führen, dass wir gewisse Gerüche als angenehm empfinden, weil wir sie mit diesen Erinnerungen verbinden. IMAGO / Pond5 Images

Warum wir Gerüche schwer beschreiben können

Trotzdem fällt es uns oft schwer, in Worte zu fassen, warum uns ein Geruch gefällt – oder eben nicht, wie die Geruchsexpertin Ilona Croy weiß.

"Wenn ich jetzt den Körpergeruch von irgendjemandem rieche, dann kann ich nicht sagen: dieses, jenes und dieses Molekül. Ich kann auch nicht so richtig sagen: der riecht jetzt nach Brombeere. Aber ich kann sagen: mag ich oder mag ich nicht. Aber Gerüche sind eben ziemlich emotional getönt."

Evolution und Emotion: Der älteste Sinn des Menschen

Dass Gerüche so emotional wirken, ist kein Zufall. Denn: Der Geruchssinn ist einer der ältesten Sinne des Menschen und wird in Hirnregionen verarbeitet, die stark mit Gefühlen und Erinnerungen verknüpft sind, sagt die Psychologin Ilona Croy.

"Die sind deshalb super alt, weil es das Riechen seit etwa 400 Millionen Jahren auf der Erde gibt. Dann wird das weiter verschaltet in andere alte Hirnstrukturen. Und dazu gehört die Amygdala, zum Beispiel der Hippocampus – also alles so Strukturen, die vor allen Dingen bestimmen: Ich mag etwas, oder ich mag etwas nicht. Und weil es so relativ tief in unserem Gehirn verschaltet ist, haben wir ganz schlechten kognitiven Zugriff drauf."

Doch auch wenn er tief im Gehirn verankert ist – unser Geruchssinn ist veränderbar. Und auch die Person, die in der Bahn erst unangenehm riecht – nehmen wir nach einem freundlichen Gespräch vielleicht ganz anders wahr.

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Sabeth Kalthoff
Julia Nestlen
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Richard Kraft
Richard Kraft, Reporter für SWR Wissen Aktuell.