Weniger Babys, mehr Hunde

Kind-Ersatz: Warum viele Familien heute lieber einen Hund haben – statt einem Kind

Immer mehr Familien entscheiden sich gegen Kinder – und für Hunde. Eine Studie zeigt, wieso Hunde immer öfter als Kind-Ersatz dienen.

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Von Autor/in Anja Braun

Während die Geburtenrate sinkt, steigt die Zahl der Haushalte mit Hund – ein Trend, der sich in vielen westlichen und asiatischen Gesellschaften zeigt.

Die Hundehaltung gewinnt immer mehr an Popularität. In den meisten europäischen Ländern besitzt ein Viertel bis die Hälfte der Haushalte mindestens einen Hund. Ungarische Forschende haben in einer Studie untersucht, ob der Hund für immer breitere Bevölkerungsschichten nun zum Kind-Ersatz wird.

Hund statt Kind: Emotionale Stütze statt Großfamilie

Immer mehr Hundehalterinnen und Hundehalter betrachten ihre Hunde als vollwertige Familienmitglieder. Zu diesem Fazit kommen die ungarischen Forscherinnen im Fachjournal „European Psychologist". Die Leiterin der Forschungsgruppe, Enikő Kubinyi, betont, dass Hunde zwar nicht einfach Kinder ersetzen. Allerdings füllten sie für ihre Halter häufig emotionale Lücken, die durch den Wegfall traditioneller Unterstützungssysteme wie Großfamilien und anderer Gemeinschaften entstehen.

Kubinyi erläutert dazu: “Sie bieten Liebe, Kameradschaft und sogar ein Gefühl der Verantwortung, ähnlich wie Kinder es tun. Aber Hunde sind kein Eins-zu-eins-Austausch gegen Kinder. Die Entscheidung für Hunde hat viele Gründe. Da können Faktoren wie allgemein steigende Kosten, veränderte Lebensgewohnheiten und zunehmende Einsamkeit eine Rolle spielen.”

Hunde seien zwar nicht die neuen Kinder, sie würden aber zu einem bedeutenden Teil dessen werden, wie eine Familie heute aussehe.

Hund statt Kind – eine bewusste Entscheidung moderner Familien

Hunde sprechen das Bedürfnis von Menschen an, sich zu kümmern. Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Hunde eine ähnliche Bindung zu ihren Bezugspersonen aufbauen wie Kleinkinder. Sie bieten ein breites Spektrum sozialer Verhaltensweisen, die oft mit denen vorsprachlicher Kinder vergleichbar sind. Darauf reagieren viele Hundebesitzer und betreiben einen großen Aufwand bei der Pflege ihres Hundes.

Die Entscheidung, einen Hund anzuschaffen, anstatt ein Kind zu bekommen, wird in der Regel sehr bewusst getroffen, so die Forscherinnen. Gerade weil es entscheidende Unterschiede in der Beziehung zum Hund im Vergleich zum Kind gibt. So sind Hunde beispielsweise deutlich günstiger, leichter zu kontrollieren und zu pflegen als ein Kind. Und sie passen sich der Lebenssituation ihrer Halter an, wie Kubinyi beschreibt:

“So kann ein Hund für einen jungen Berufstätigen zum Beispiel ein stressabbauender Zimmergenosse sein. Für einen Single sind sie ein treuer Freund. Paare betrachten die Hundeerziehung oft als einen Testlauf, bevor sie Kinder bekommen.”

Schließlich habe man dabei Fütterungen, Tierarzttermine, Training und mitternächtliche Toilettengänge zu bewältigen. “Das ist zwar nicht ganz so, wie ein Baby zu bekommen, aber es zeigt definitiv, wie Sie und Ihr Partner mit Pflege, Teamarbeit und sogar Schlafentzug umgehen.”, so Kubinyi weiter.

Familie mit Hund im Kinderwagen statt Kind
Immer weniger Menschen in Deutschland kriegen Kinder, doch gleichzeitig steigt die Zahl der Hundebesitzer.

Hunde sind für viele Familien Begleiter durch alle Lebensphasen

In Familien könnten Hunde zu Spielkameraden und Geschwistern für die Kinder werden, erklärt die Forscherin weiter. Für Eltern, deren Kinder gerade ausgezogen seien, könnten sie das neue Baby sein. Wer trauere oder allein sei, finde durch den Hund Trost und bedingungslose Zuneigung. Hunde könnten also in jedem Lebensabschnitt verschiedene Rollen übernehmen. Das mache sie zu so guten Begleitern in der heutigen Welt.

Liebe zu einem Hund ist kein Ersatz für die Liebe zu einem Kind

Verständlich also, dass immer mehr Menschen auf den Hund kommen. Eine kürzlich in Scientific Reports veröffentlichte Studie zeigte, dass Hundehalter auch das Gefühl hatten, von ihrem Hund mehr geliebt zu werden als von anderen Partnern. Die These der Forschenden, dass sich Menschen mit schwachen zwischenmenschlichen Beziehungen mehr auf ihre Hunde stützen würden, konnte jedoch nicht bestätigt werden. Menschen scheinen unzureichende Unterstützung in ihren menschlichen Beziehungen nicht durch Hunde zu kompensieren.

Stattdessen korrelieren starke menschliche Beziehungen mit stärkeren Bindungen zu Hunden. Enikő Kubinyi, erklärt, dass Hunde uns etwas bieten, was in der modernen Gesellschaft immer seltener wird: Sie spüren die emotionalen Lücken in unserem geschäftigen und oft einsamen Leben. Für Jüngere sind sie ein Freund, für Ältere ein Enkelkind zum Verwöhnen. Kinder können sie Liebe und Verantwortung lehren, so Kubinyi. Das könne kein Bildschirm leisten.

“Hunde bieten uns das, was das moderne Leben oft nicht kann, vorurteilsfreie Gesellschaft.”, so Kubinyi.

Hund Bulldogge schaut traurig in die Kamera. Immer mehr Familien haben Hunde statt Kinder.
Als „Kind-Ersatz“ werden Hunde oft idealisiert – anders als Kinder lassen sie sich formen, kontrollieren und sogar züchten. Doch genau das kann problematisch sein: Bei Rassen wie der Französischen Bulldogge führt es häufig zu gesundheitsschädlicher Qualzucht.

Zwischen Kuschelfaktor und Tierleid

Trotz aller Euphorie – die moderne Mensch-Hund-Beziehung kann auch problematische Züge annehmen. Anders als in menschlichen Beziehungen behalten Hundebesitzer die vollständige Kontrolle über ihre Hunde, wobei ihre Erwartungen und Wünsche nicht immer mit den natürlichen Bedürfnissen eines Hundes übereinstimmen.

Auf das Wohl der Tiere muss besonders geachtet werden, mahnen die Forscherinnen. Besonders bedenklich ist der zunehmende Trend, Hunde nach kindlichem Aussehen auszuwählen. Dies fördert die Qualzucht bei Rassen wie der Französischen Bulldogge oder bei Möpsen.

Die Autoren führen derzeit eine neue Studie durch, um das Verständnis der Mensch-Hund-Beziehung zu vertiefen. Hundebesitzerinnen und -besitzer weltweit sind eingeladen, den Fragebogen dazu auszufüllen: https://tally.so/r/nPXKPb

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