Auffällig ist vor allem, dass es ältere Menschen und hier besonders Frauen betrifft. Frank Wittig aus der SWR Wissenschaftsredaktion hat uns erzählt, wie es überhaupt zu so einer Medikamentenabhängigkeit kommt.
Zu lange Einnahmezeiten – der Weg in die Medikamentensucht
SWR1: Wie kommt es zu einer Abhängigkeit von Medikamenten?
Frank Wittig: Das passiert ganz unauffällig. Das sind legale Substanzen, die von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden gegen extreme Probleme wie Schmerzen oder Schlaflosigkeit. Die wirken sehr gut und verschaffen sehr schnell Erleichterung.
Das führt dazu, dass die Betroffenen die Medikamente oft länger nehmen als sie sie eigentlich nehmen sollten. Bei diesen stark wirksamen Substanzen steigt dann relativ schnell die Gefahr der Abhängigkeit.
Welche Medikamente können besonders abhängig machen?
SWR1: Welche Medikamente sind besonders kritisch?
Wittig: Das sind einmal Schlaf- und Beruhigungsmittel, vor allen Dingen die Benzodiazepine mit den Markennamen "Diazepam", "Lorazepam", oder auch sogenannte Z-Substanzen. Das sind Folgeprodukte, die auf den Markt gekommen sind, weil man sagt, hier ist die Gefahr der Abhängigkeit geringer.
Aber die ist immer noch sehr groß. Das bekannteste Mittel dort ist "Zolpidem". Diese Z-Substanzen haben schon nach zwei bis vier Wochen ein starkes Suchtrisiko.
Dazu kommen die Schmerzmittel, vor allen Dingen die Opioide, also "Fentanylmorphin" oder "Oxycodon" - das letzte ist bekannt aus der Serie "Dr. House". Diese beiden Mittel wirken auf das Angstzentrum, beruhigen da, und sind sehr gut gegen Schmerzen. Deshalb haben sie auch dieses hohe Suchtpotenzial.
SWR1: Die Substanz "Zolpidem" wird normalerweise gegen was eingesetzt?
Wittig: Gegen Schlaflosigkeit, vor allen Dingen bei Schlafstörungen und Unruhezuständen.
Die kleinen Schritte zur Medikamentensucht
SWR1: Und dann nutzt man es auf einmal jeden Abend und ist in dem Moment dann abhängig?
Wittig: Ja. Früher wurde die Gefahr verharmlost. Das hat auch viel damit zu tun, dass sehr viele ältere Patienten davon abhängig sind. Man hat früher einfach gesagt, dass die Gefahr gar nicht besteht.
Heute ist das Bewusstsein dafür größer, und Ärztinnen und Ärzte weisen eigentlich die Patienten darauf hin, dass man das nicht über einen längeren Zeitraum nehmen sollte.
Dann gibt es das Problem mit dem Schmerz oder mit der Schlaflosigkeit, und die Anfrage an den Arzt oder die Ärztin kommt, ob der Patient das Medikament nicht noch mal zwei Wochen nehmen kann. So schleicht man sich dann langsam rein. Das ist eben die Gefahr dabei.
Bin ich betroffen? Anzeichen für eine Medikamentensucht
SWR1: Woran erkenne ich eine Medikamentenabhängigkeit? Wenn ich es immer wieder nehmen möchte und immer wieder zum Arzt gehe? Die Ärztin oder der Arzt muss es doch umgekehrt auch merken?
Wittig: Ja, das ist ein großes Problem. Die Ärzte tendieren dazu, das zu verschreiben, was die Patienten bei ihnen anfordern. Im Ernstfall gehen die Patienten zu einem anderen Arzt und holen sich das Rezept dann dort und sagen nicht, dass sie es schon länger bekommen.
Woran erkenne ich das? Dass ich merke, ich komme ohne das Mittel nicht mehr aus. Ich steigere vielleicht auch die Dosis, weil gegen die Schmerzen eine Tablette nicht mehr ausreicht.
Wenn ich doch versuche, das Medikament abzusetzen, fange ich an zu zittern und bekomme Unruhezustände. Alle negativen Symptome kommen sofort zurück. Da ist einfach die Gefahr, dass man dranbleibt und süchtig wird.
Auswege aus der Medikamentensucht
SWR1: Wie komme ich aus so einer Tablettensucht wieder heraus?
Wittig: Unbedingt mit professioneller Hilfe. Das Medikament hart abzusetzen und einfach zu sagen, ich gehe jetzt auf kalten Entzug, birgt gewisse medizinische Gefahren. Deshalb sollte man das Mittel ausschleichen. Das gelingt in der Regel nur, wenn man sich professionelle Hilfe holt.
SWR1: Sowohl von einem Mediziner und vielleicht sogar mit psychologischer Hilfe?
Wittig: Unbedingt. Wenn es um Unruhezustände oder um Angst geht, können diese Mittel akut helfen. Aber oft handelt es sich um chronische Probleme, um wirkliche Probleme, die ich mit mir herumschleppe. Die werde ich nicht los mit einem Schmerz- oder mit einem Beruhigungsmittel, sondern da ist die Therapie angesagt.