Medizin

Ursache für Entzündungssyndrom bei Kindern nach Corona gefunden

Die Ursache für die das während der Corona-Pandemie aufgekommene Entzündungssyndrom bei Kindern war lange unklar. Jetzt haben Forschende einen Zusammenhang mit einem anderen Virus gefunden: dem Epstein-Barr-Virus, das auch Pfeiffersches Drüsenfieber auslöst. Die Ergebnisse der intensiven Spurensuche wurden nun veröffentlicht.

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Von Autor/in Nina Kunze

April 2020: Die Coronapandemie hält die Welt in Atem, die Intensivstationen sind überlastet. Ständig gibt es neue Informationen rund um das SARS-CoV-2 Virus.

Dazu gehört auch die Nachricht, dass immer mehr Kinder von einer mysteriösen Folgeerkrankung betroffen sind. Tilmann Kallinich ist Leiter der Sektion Rheumatologie an der Charité Berlin, er war an der nun im Fachmagazin Nature veröffentlichten Studie beteiligt und hat solche Kinder behandelt: 

"Ich kann mich sehr gut daran erinnern, weil wir diese Informationen aus England hatten, dass es zu dieser mysteriösen Erkrankung nach SARS-CoV-2 gekommen ist, die ja sehr ähnlich ist wie ein Kawasaki Syndrom oder ein sogenanntes Toxic Shock Syndrom, und die Kinder schwer erkrankt auf der Intensivstation lagen und wir ehrlich gesagt am Anfang uns das gar nicht vorstellen konnten, dass so eine neue Erkrankung entstanden ist.“ 

Jedes zweite Kind mit Entzündungssyndrom kommt auf die Intensivstation

Die Erkrankung tritt 4-8 Wochen nach einer Coronainfektion auf und äußert sich durch Entzündungen im gesamten Körper – eine Überreaktion des Immunsystems. Häufige Symptome sind hohes Fieber, Hautausschläge und eine Herzschwäche, jedes zweite Kind landet auf der Intensivstation.

Das Krankheitsbild erhält einen eigenen Namen: Pädiatrisches inflammatorisches Multisystem-Syndrom, kurz: PIMS. Im Laufe der Pandemie erkranken allein in Deutschland rund 1.000 Kinder daran. Was genau die Beschwerden auslöst, ist zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel, erinnert sich der Kinderrheumatologe Tilmann Kallinich: 

"Das ganz Überraschende, was wir gesehen haben, ist, dass es eigentlich keine Risikofaktoren gibt, es trifft wirklich Kinder, die vormals ganz gesund waren und wo wir auch bei den detaillierten Untersuchungen keine Ursachen gefunden haben, wie zum Beispiel ein zugrundeliegender Gendefekt.“ 

Also macht sich das Team der Charité auf die Suche nach weiteren Hinweisen. Ein erster Anhaltspunkt: Besonders angepasste Zellen des Immunsystems, die bei betroffenen Kindern auffällig oft vorkommen: 

"Wir wussten am Anfang, als die ersten Fälle mit PIMS aufgetreten sind, dass es zu einer Vermehrung einer ganz bestimmten Immunzelle, einer T-Zelle gekommen ist. (…) Und das hat uns veranlasst zu denken, dass ein ganz bestimmtes Eiweiß erkannt werden muss. Wir wussten zu dem Zeitpunkt nicht, welches Eiweiß das ist. Aber das war ein ganz starker Hinweis für uns, dass es da einen ganz spezifischen Trigger geben muss.“ 

EIn Schritt näher an der Ursache: Nach Corona-Infektion wird ein bestimmter Botenstoff ausgeschüttet

Das Immunsystem der Kinder greift demnach ein ganz bestimmtes Ziel an. Um herauszufinden, welches Ziel das sein könnte, sucht Kallinich Hilfe beim Deutschen Rheuma-Forschungszentrum, das direkt neben der Charité liegt.

Dort hatte der auch an der Nature-Studie beteiligte Immunologe Mir-Farzin Mashreghi mit seinem Team bereits die Rolle eines bestimmten Botenstoffs bei schweren Covid-19 Verläufen bei Erwachsenen nachgewiesen: 

"Es wurde ziemlich interessant, als wir dann gesehen haben, dass bei allen Kindern der Botenstoff TGF Beta, was auch bei Erwachsenen, die schwer an Covid 19 erkranken, induziert war, und da wurde mein Interesse natürlich geweckt.“ 

Kind in Krankenhausbett wird von Ärztin und Arzt untersucht. Jedes zweite Kind mit dem Entzündungssyndrom nach einer Corona-Infektion muss auf der Intensivstation behandelt werden.
Jedes zweite Kind mit dem Entzündungssyndrom nach einer Corona-Infektion muss auf der Intensivstation behandelt werden. ingimage

Der Botenstoff TGF Beta wird normalerweise ausgeschüttet, wenn eine Infektion bereits so gut wie überstanden ist. Er signalisiert dem Körper, dass die Gefahr vorbei ist und das Immunsystem heruntergefahren werden kann. Bei Kindern mit PIMS war jedoch auch noch Wochen nach der Infektion viel davon im Blut zu finden.  

Das Forschungsteam stellt eine Vermutung auf: Wenn das Immunsystem zu stark heruntergefahren wird, könnte das anderen Viren die Chance geben, sich zu vermehren.  

Im Körper der Kinder schlummern andere Viren, die reaktiviert werden

Und tatsächlich findet das Team einen Verdächtigen: Das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, auch bekannt als Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Fast jeder Mensch infiziert sich im Laufe seines Lebens damit, häufig ohne es zu bemerken.

Doch das Virus schlummert weiter im Körper und kann, ähnlich wie Herpes-Viren, reaktiviert werden. Genau das war bei den PIMS-Patienten der Fall, wie der Immunologe Mashreghi und sein Team zeigen konnten:  

"EBV kann sich unkontrolliert vermehren und führt dazu, dass das Immunsystem mehr und mehr entzündungsfördernde Faktoren produziert."

Der Körper der Kinder stellt zwar die richtigen Immunzellen her, um EBV zu bekämpfen - was die anfängliche Beobachtung der Charité-Ärzte erklärt. Doch das reicht nicht aus, um das Virus in den Griff zu bekommen. Die Folge: Eine überschießende Entzündungsreaktion - oder anders ausgedrückt: Das Krankheitsbild PIMS. 

Ein hohes Level des Botenstoffs TGF Beta in Folge einer Coronainfektion kann also Wochen später zu einer Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus führen und einen Entzündungsschock im Körper auslösen.

Rätsel um Entzündungssyndrom bei Kindern ist gelöst

Diese Erkenntnis eröffnet auch neue Therapieoptionen, da man TGF Beta mit Medikamenten gezielt blockieren kann. Auch andere Corona-Folgen wie Long Covid bei Erwachsenen ließen sich so möglicherweise verhindern, schätzt der Charité-Arzt Tilmann Kallinich: 

"Wir wissen auch bei Long Covid, dass die Prävalenz von Antikörpern gegen EBV deutlich erhöht ist, das ist in einigen Studien gezeigt worden. Und somit wäre eben auch zu untersuchen, ob sich durch eine frühzeitige Blockade des TGF-betas möglicherweise die Ausbildung eines Long Covids unterbinden lassen könnte.“ 

Das Rätsel um die mysteriöse Erkrankung ist also gelöst. Ob die Blockade des Botenstoffs tatsächlich PIMS und andere Corona-Folgeerkrankungen verhindern kann, soll nun in klinischen Studien untersucht werden. 

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Nina Kunze
Nina Kunze ist Reporterin und Redakteurin bei SWR Wissen aktuell
Onlinefassung
Leila Boucheligua
Richard Kraft
Richard Kraft, Reporter für SWR Wissen Aktuell.