Eine Schwangerschaftsvergiftung kann gefährlich sein für die werdende Mutter und das ungeborene Kind. Steht der Verdacht im Raum, sind viele Eltern verunsichert. Denn es ist noch nicht ganz klar, wie eine Schwangerschaftsvergiftung überhaupt entsteht und deshalb kann man die Ursache auch nicht behandeln. Eine neue Studie, veröffentlicht in Nature Medicine, gibt jetzt etwas Hoffnung. Danach könnte eine Blutwäsche hilfreich sein.
Zu dem Thema im Gespräch mit dem SWR war Professor Stefan Verlohren, Direktor und Chefarzt der Klinik und Polyklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Wie viele werdende Mütter sind von einer Schwangerschaftsvergiftung betroffen?
Verlohren: Tatsächlich ist die Präeklampsie eines der Hauptprobleme, das schwangere Frauen haben können. Neben dem Schwangerschaftsdiabetes ist der Schwangerschaftsbluthochdruck, also die Präeklampsie, eine der häufigeren Themen in der Schwangerschaft.
Ungefähr jede 50. Schwangere ist betroffen, 2 Prozent ist demnach die Häufigkeit. Dabei muss man sagen, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen einem Verdacht durch einen leicht erhöhten Blutdruck oder anderen Symptome und einer tatsächlich gefährlichen Erkrankung. Aber grundsätzlich muss man mal sagen, ist das ein häufiges Thema.
Jede 50. Schwangere ist betroffen. Gibt es denn bestimmte Risikogruppen von Frauen, die eher betroffen sind als andere?
Verlohren: Ja, tatsächlich gibt es Risikofaktoren. Sie sind aber unspezifisch. Es sind teilweise ganz einfache Dinge wie, dass man sein erstes Kind erwartet. Wenn man noch kein Kind geboren hat, hat man per se ein höheres Risiko, eine Präeklampsie zu bekommen, als wenn man bereits einmal ein Kind ohne Präeklampsie geboren hat. Wenn man allerdings bereits einmal ein Kind mit einer Präeklampsie geboren hat, dann ist es beim zweiten Kind noch viel gefährlicher.
Es gibt weitere Faktoren, wie zum Beispiel sehr junges Alter der Schwangeren, aber auch ein höherer Body-Mass-Index. Da das aber so unspezifisch ist, hat sich immer mehr ein Screening auf die Präeklampsie durchgesetzt.
Man kann also jetzt bereits in der Frühschwangerschaft ganz genau danach suchen und kann feststellen, wer ein höheres Risiko hat und dann entsprechend engmaschig überwachen. Sowieso ist es eine gute Idee, den Blutdruck regelmäßig zu messen, eben auch bei werdenden Müttern.
Der umgangssprachliche Begriff ist "Schwangerschaftsvergiftung". Welches Gift ist denn hier wirksam?
Verlohren: Der Begriff stammt aus einer Zeit, in der man noch nicht wusste, wie die Präeklampsie entsteht. Mittlerweile, und das muss ich voranschicken, hat man zwar immer noch nicht die Ursache entdeckt, aber man weiß wesentlich mehr und man hat tatsächlich ein mögliches "Gift" entdeckt.
Bei der Präeklampsie funktioniert der Mutterkuchen nicht ganz optimal. Der hat sich in der Frühschwangerschaft nicht tief genug eingepflanzt, wenn man so will. Man weiß nicht, warum das bei manchen Schwangeren passiert, aber man weiß, was dann infolge dessen passiert. Dann wird nämlich ein Botenstoff von der Plazenta verändert exprimiert, also gebildet, und zirkuliert mit einer veränderten Konzentration in der Blutbahn.
Es sind möglicherweise mehrere Botenstoffe, aber einer von ihnen ist gerade im Verdacht, das "Gift" zu sein und hat sich schon als sehr guter diagnostischer Test etabliert. Das ist das, ist das sogenannte sFlt1, die Soluble Fms-like tyrosine kinase 1. Ein komplizierter Name, hat sich leider noch keiner einen einfacheren Namen ausgedacht, aber dieses sFlt ist ein Botenstoff, der von der Plazenta in einem veränderten Maß gebildet wird und zirkuliert.
Das ist etwas, was wir als Frauenärztinnen und Frauenärzte in der täglichen Praxis verwenden, um zu schauen, wie gefährlich die Präeklampsie ist oder ob überhaupt eine vorliegt, wenn sich beispielsweise eine Schwangere mit dem Verdacht darauf vorstellt.
In der eingangs erwähnten Studie ist die Rede von einer Blutwäsche. Halten sie das im Zusammenhang mit so einem Botenstoff für sinnvoll?
Verlohren: Absolut, diese Studie ist wirklich ein großer Erfolg, denn es ist tatsächlich die erste zielführende Therapie der Präeklampsie. Dazu muss man noch eine Sache erklären: Die Präeklampsie schreitet immer fort. Es gibt bisher noch kein Medikament oder keine Intervention, die man zur Besserung einsetzen kann.
Es gibt nicht wie bei anderen Erkrankungen, etwa Kopfschmerzen, eine Kopfschmerztablette und dann sind die Kopfschmerzen weg. Die einzige kausale Therapie der Präeklampsie ist die Entbindung, also das Beenden der Schwangerschaft.
Das heißt natürlich, wenn das sehr früh in der Schwangerschaft nötig ist, eine Frühgeburt erfolgt. Andernfalls könnten große Probleme bei der Mutter entstehen.
Welche Probleme bewirkt die Präeklampsie bei den Müttern ?
Verlohren: Zum einen steigt der Blutdruck so stark an, dass er nicht mehr kontrolliert werden kann und ein Schlaganfall entstehen kann. Zudem können verschiedene Laborwerte durcheinander geraten. Es gibt das sogenannte Hellp-Syndrom, bei dem die Leberwerte und die Blutplätchen verrückt spielen, mit entsprechend großen lebensbedrohlichen Komplikationen.
Die schwerste Komplikation der Präeklampsie ist die Eklampsie. Dabei treten plötzliche Krampfanfälle auf, was schwerwiegenden Folgen für Mutter und Kind haben kann.
Tritt eine Präeklampsie auf, muss man also das Kind auf die Welt bringen und die Plazenta entfernen, dann wird es der Mutter wieder besser gehen. Jetzt kommen wir zurück zu dieser Studie. Sie hat folgendes gezeigt: Wenn man dieses sFlt, den besagten Biomarker, aus dem Blut der Schwangeren entfernt, dann ist es eventuell möglich, dass man die Schwangerschaft nicht beenden muss, ohne dass Komplikationen auftreten.
Es gibt auch Kritik an der Studie, zum Beispiel an der Hypothese, dass dieses herausgefilterte Protein tatsächlich ursächlich ist. Oder dass die Ergebnisse schlechter seien als bei anderen Therapien. Können Sie das nachvollziehen?
Verlohren: Genau, man muss einschränkend sagen, dass das zunächst nur eine Pilotstudie war. Der primäre Endpunkt der Studie war erstmal nur zu zeigen, dass dieses Verfahren sicher angewendet werden kann. In dieser Studie wurde noch nicht untersucht, ob die Schwangeren, die die Therapie erhalten haben, länger schwanger sind als andere, die die Therapie nicht erhalten haben.
Die Studie hat aber gezeigt, dass das Verfahren, nämlich das sFlt selektiv aus der Blutbahn zu entfernen, sicher ist und auch zum Erfolg führt. Wie ich eingangs sagte, steht am Anfang der Präeklampsie ein Problem in der Plazenta. Das wäre die wirkliche kausale Ursache. Die wird damit nicht angegangen, das ist richtig.
Man geht davon aus, und das haben viele Studien gezeigt im Laufe der letzten 20 Jahre, dass das sFlt die treibende Kraft der Erkrankung ist. Man weiß, dass je höher dieser Wert ist, desto kürzer ist die verbleibende Schwangerschaftsdauer und desto höher ist das Risiko für Komplikationen.
Deswegen ist der Ansatz, einen hohen sFlt-Spiegel zu senken, meiner Ansicht nach genau richtig. Weil man davon ausgehen kann, dass dadurch die treibende Kraft ausgebremst wird.
Falls das funktioniert, ist das zwar immer noch keine ursächliche Behandlung des Problems in der Plazenta, aber eine wirksame, symptomatische Therapie?
Verlohren: Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, es ist eine semi-kausale Therapie. Den Blutdruck zu senken ist die symptomatische Therapie, die wir jetzt schon anwenden, um eine längere Dauer der Schwangerschaft zu erreichen. Aber diese Studie greift bereits eine Etage höher ein, es ist eine halb-kausale Therapie.
Was nun natürlich noch erfolgen muss sind sogenannte randomisierte Studien, in denen Schwangere aufgeteilt werden in zwei Gruppen: die eine erhält die Therapie, die andere nicht, und dann schaut man, ob die Behandlung tatsächlich zum Ziel führt.