Krank, alleine, kein Job, kein Geld. Und dann verliert Magdalena auch noch ihre Wohnung. Damit gehört sie – Stand 2025 – zu den knapp 95.000 Menschen in Baden-Württemberg, die kein eigenes Zuhause mehr haben. Doch der Verlust des Zuhauses wird zum Wendepunkt für Magdalena. Sie resigniert nicht und schafft es, Hilfe anzunehmen. Die findet sie in einer ganz besonderen Stuttgarter Einrichtung:
Die "Frauenpension": Hilfe für wohnungslose Frauen
Seit mehr als 30 Jahren ist die "Frauenpension" in Stuttgart eine Rettungsinsel für wohnungslose Frauen. Hier können sie zur Ruhe kommen, gute Beziehungen zu Sozialarbeiterinnen knüpfen, stabil werden. So wie Magdalena. Seit 2023 lebt sie in dieser Einrichtung der Caritas. Dort lernt sie zum ersten Mal in ihrem Leben, auf sich selbst zu achten.
Ich habe [dort] gelernt: Weiterleben und mich weiterentwickeln. Ich entdeck' mich immer neu.
Magdalena bekommt Hilfe: ganz ohne Druck
Birgit Reddemann leitet das Haus und den Fachdienst "Hilfen für Frauen" des Caritasverbandes für Stuttgart. Eigentlich, so erzählt sie, ist das Ziel, dass sich die Frauen in ein, zwei Jahren stabilisieren. Manche brauchen länger – was in vielen Jahren schief gelaufen ist, könne nicht im Kurzdurchlauf umgekehrt werden. Deshalb bleiben die Frauen oft drei bis vier Jahre.
Der Ansatz der Konzeption für die "Frauenpension": Die Frauen, die hier einziehen, [haben] schon einiges in ihrem Leben hinter sich. [Sie sollen] erst mal zur Ruhe kommen. [...] Wir versuchen über ganz viel Beziehungs- und Vertrauensarbeit die Frauen zu erreichen, um dann in einen Prozess, in die Hilfe einzusteigen.
Einmal pro Woche gibt es in der "Frauenpension" eine Kreativwerkstatt. Regelmäßig kommt eine Suchtberaterin ins Haus; es gibt psychiatrische und hausärztliche Sprechstunden. Das alles, erklärt Birgit Reddemann, sind Angebote, die die Frauen nutzen können. Oder auch nicht. Es gibt ganz bewusst kaum ein "Muss" in der "Frauenpension".
Magdalena sitzt in ihrem kleinen Zimmer: ein Bett, Tisch, Stuhl. Zwei Herdplatten, ein kleines Küchenwaschbecken. An der Wand ein selbst gestaltetes Bild. Ein Aquarium: die Erinnerung an ein früheres Leben. Abschalten, das könne sie hier, sagt Magdalena. Ab und zu abtauchen. Musik tue ihr gut dabei. Bon Jovi bringt sie zum Schwärmen: Bed of Roses.
Der Traum von einem besseren Leben: als Spätaussiedler nach Deutschland
Magdalena ist 62 Jahre alt, hat ein offenes Lächeln. Ihr Antrieb im Alltag, sagt sie, ist Neugier. Neugier auf Menschen, auf Begegnungen und auf neue Möglichkeiten. Sie sagt das in ihrem schönen, tschechischen Akzent – sie ist in der Nähe von Karlsbad aufgewachsen.
Magdalenas Geschichte zeigt beispielhaft, wie Menschen ohne eigenes Verschulden in einen Strudel gezogen werden, der in Armut und Wohnungslosigkeit endet. Und wie wichtig es ist, dass es Anlaufstellen gibt, die ohne große Hürden helfen.
In den 80ern entschließen Magdalena und ihr Mann sich, ihre tschechische Heimat zu verlassen. Als Spätaussiedler. Zwei kleine Töchter und zwei Koffer – so kommen sie in Stuttgart an. Magdalena ist damals um die 30.
Ein Jahr Übergangswohnheim, in einem umfunktionierten Hotel. Dann die erste kleine Wohnung. Und im Gepäck noch immer: ein paar kleine Sehnsüchte und einen bescheidenen Traum. Einmal das Meer sehen, lächelt Magdalena – das ist eine Sehnsucht, bis heute. Und der Traum damals? Der ist schon fast vergessen. Magdalena wollte im Westen gerne Köchin werden, mit Schule und Ausbildung.
Ich wollte etwas tun: Ich wollte lernen. In Tschechien war das nicht so leicht. Ich wollte etwas anderes sein als immer Reinigungsfrau.
Erster großer Schicksalsschlag: Magdalenas Mann stirbt
Das mit der Ausbildung zur Köchin bleibt ein Traum. Stattdessen: ein Leben lang brav im Hamsterrad. Zwei Töchter und einen Sohn groß gezogen, nebenher immer gearbeitet. Als Zimmermädchen, Haushaltshilfe, Beiköchin, Küchenhilfe und Reinigungsfrau. Und zuletzt in der Pflege, in einem Altenheim. Nichts sei ihr zu viel oder zu schlecht gewesen, sagt Magdalena.
Dann stirbt überraschend ihr Mann. Von jetzt auf nachher fehlt nicht nur der Partner – es fehlt auch sein Verdienst. Für Trauer bleibt keine Zeit. Die Witwenrente fällt schmal aus. Als Witwe und Alleinerziehende muss Magdalena noch mehr ackern als bisher, um die kleine Familie durchzubringen.
Da hat es angefangen, zu kriseln. In meiner Seele, in meinem Körper. Ich hab' nur eines gekannt: Kinder, Arbeit, Bett. Und mich habe ich total vergessen.
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Magdalenas Absturz in Armut und Wohnungslosigkeit
Heute kann Magdalena langsam verstehen, was ihr passiert ist – und auch, wo sie eigene Fehler gemacht hat. Damals, als sie mitten drin steckte, hat sie einfach nur funktioniert. So war sie geprägt, so hatte sie das gelernt.
Im Kino habe ich den Film 'Momo' gesehen. Da waren diese grauen Menschen, die immer telefonieren und viel arbeiten. Sie haben nur die Arbeit gesehen und ihre Freunde verloren. So war ich! Ich war der graue Mensch, der sich selbst total vergessen hat.
Übersicht: Wer hat Anspruch auf Sozialhilfe und Grundsicherung?
Mit 50 steht Magdalena vor dem Aus: Krankheit und Kündigung
Für Magdalena kommt es damals Schlag auf Schlag: zuerst der Tod des Ehemanns, dann wird ihr die Wohnung gekündigt. Eigenbedarf! Magdalena wird chronisch krank: Diabetes, Nieren, Herz. Sie arbeitet trotzdem weiter, bis zum Zusammenbruch: Herzinfarkt. Später kommt ein zweiter Infarkt dazu. Die Wohnung, in die sie umziehen muss, entpuppt sich als Bruchbude mit Schimmel an den Wänden.
Magdalena kann nicht mehr arbeiten, hat Mietschulden. Es kommt die Räumungsklage. Mit Ende 50 steht Magdalena vor dem Aus. Ihre erwachsenen Töchter sind da schon auf dem Weg in ihr eigenes Leben; der Sohn langsam auch. Die Kinder machen das gut, lächelt Magdalena. Sie ist stolz auf ihre Drei und verheimlicht ihnen lange ihr eigenes Desaster.
Ich habe mich geschämt: die Mutter, kraftlos! Ich wollte nicht sagen: 'Leute, mir geht's schlecht.' Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich war einsam, ich hatte niemanden. Ich war gewohnt, alles zu schlucken und alles für mich zu behalten. Alles schön unter dem Deckel halten. Hauptsache, die Nachbarn sehen: Mir geht es gut. So war das bei mir! Aber das war der größte Fehler.
Panik-Attacken lähmen Magdalena
Magdalena verkriecht sich. Ihre Angstzustände erlauben es ihr gerade mal, ganz schnell einkaufen zu gehen. Sie steht vor den Türen des Sozialamts und schafft es doch nicht, den Schritt hinein zu machen.
Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war so weit, dass ich Schluss machen wollte. Ja: Mir war alles egal! Ich wollte einfach nur weg. Mich vergraben. Am besten zwei Meter unter der Erde und nichts hören, nichts sehen. Wie die drei Affen. So war ich in diesem Moment.
Aber aufgeben wäre zu einfach, sagt sich Magdalena damals. Sie fühlt: Auf diese Weise kann sie nicht gehen. Die Motivation, weiterzumachen, nennt sie "nicht erledigte Dinge". Sie dreht die belastende Bedeutung dieser Worte einfach um und macht sie zu etwas, das ihr hilft, ihr Leben neu und anders anzupacken.
Geholfen hat ihr dabei sicher auch, dass eine Bekannte ihre Zwangslage erkennt. Sie steckt ihr die Adresse einer Anlaufstelle für wohnungslose Frauen zu. Von dort wird sie weitervermittelt an die Stuttgarter "Frauenpension". Findet dort Halt, Sicherheit – und zu sich selbst zurück.
Durch die "Frauenpension" ist Magdalena stark genug für einen Neuanfang
Magdalena sagt, dass sie sich für den Umzug zurück in eine eigene Wohnung schon länger stark genug fühlt. Sie hat viel gelernt in der "Frauenpension", hat wieder Selbstvertrauen. Sie kann sich nun gut um sich und ihre Gesundheit kümmern – und hat wieder Mut, deutlich zu sagen, was ihr fehlt. Die Anträge auf eine eigene, altersgerechte Sozialwohnung sind gestellt. Die Chancen auf Bewilligung sind sehr gut.
Ich habe gelernt: Du musst reden, du musst sagen, was du brauchst. Da habe ich nach und nach angefangen, mich zu öffnen und mich zu ändern. Ich sage: 'Ja, ich steh' da!' Und ich muss anfangen, von Neuem wieder die ersten Schritte zu machen und ganz anders als früher zu sein.
(Anm. d. Red.: Magdalena spricht Deutsch mit tschechischem Akzent. Für eine bessere Lesbarkeit zitieren wir sie in diesem Artikel sinnwahrend auf Hochdeutsch.)