Gefährliche Attrappen

Boom von Luxus-Fakes - Wenn Fälschungen zur Gesundheitsgefahr werden

Deutschland ist ein Hotspot für Fälschungen – von Luxusmode bis Fake-Medikamenten. Letztere sind besonders gefährlich und mittlerweile sogar lukrativer als Drogen.

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Von Autor/in Susan Penack / NDR, 14.05.2025

Befeuert durch soziale Medien wächst bei vielen der Wunsch nach Luxus. Doch gerade bei jungen Menschen ist das Budget begrenzt – und so greifen immer mehr zu gefälschten Produkten. Laut einer Umfrage des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) aus dem Jahr 2023 hat rund ein Viertel der 15- bis 24-Jährigen bereits bewusst eine Fälschung über das Internet gekauft. Im selben Jahr haben EU-Zollbehörden laut einem gemeinsamen Bericht der Europäischen Kommission und des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) einen Rekordwert von 152 Millionen gefälschten Artikeln sichergestellt – ein Anstieg von 77 % im Vergleich zum Vorjahr. Der geschätzte Marktwert dieser Waren betrug 3,4 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von 68 % entspricht. Nach Spielwaren, Verpackungsmaterialien und aufgezeichneten DVDs waren die Produktbereiche Kleidung und Schuhe besonders stark von den Fälschungen betroffen.

Gefälschte Markenware kaufen – mache ich mich strafbar?

Der Kauf gefälschter Markenware für den privaten Gebrauch ist in Deutschland grundsätzlich nicht strafbar, sofern keine betrügerische Absicht vorliegt. Allerdings können dennoch rechtliche Konsequenzen entstehen, insbesondere beim Import aus Nicht-EU-Ländern.

Privater Gebrauch: Der Erwerb einzelner gefälschter Produkte für den Eigenbedarf ist in der Regel nicht strafbar. Dies gilt sowohl für Käufe im Ausland als auch für Online-Bestellungen. ​

Zollkontrollen: Beim Import gefälschter Waren kann der Zoll diese beschlagnahmen und vernichten, selbst wenn sie für den privaten Gebrauch bestimmt sind. Dies gilt insbesondere bei Einfuhren aus Nicht-EU-Staaten. ​

Gewerblicher Handel: Der Weiterverkauf oder die gewerbliche Einfuhr gefälschter Produkte ist strafbar und kann mit Geldstrafen oder Freiheitsstrafen geahndet werden. ​

Zivilrechtliche Ansprüche: Markeninhaber können zivilrechtliche Schritte einleiten, etwa durch Abmahnungen oder Unterlassungserklärungen, insbesondere wenn der Verdacht besteht, dass die gefälschten Produkte weiterverkauft werden sollen. ​

Was kann ich tun, wenn ich ein gefälschtes Produkt erhalte?

Wer ein Produkt kauft und später feststellt, dass es sich um eine Fälschung handelt, obwohl man von einem Original ausgegangen ist, kann grundsätzlich Schadensersatz fordern. Besonders bei Käufen außerhalb der EU ist es jedoch oft schwierig, solche Ansprüche durchzusetzen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, eine Strafanzeige zu erstatten – das ist inzwischen auch ganz einfach online möglich.

Um Ärger zu vermeiden, sollte man möglichst nur bei lizenzierten Händler:innen einkaufen. Und generell gilt: Klingt ein Angebot zu schön, um wahr zu sein, ist es das meistens auch – also im Zweifel lieber die Finger davonlassen.

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Labortests – fast alle Proben belastet

Der Großteil der Ware wird in China, Hongkong und der Türkei hergestellt. Und Deutschland ist Hauptziel. Doch der Handel mit Plagiaten hat Schattenseiten: Die Fake-Kleidung birgt oftmals gesundheitliche Risiken. Eine Laboranalyse im Auftrag des NDR zeigt: Gefälschte Kleidungsstücke enthalten häufig gefährliche Schadstoffe – darunter krebserregende Chemikalien, hormonell wirksame Substanzen, Allergene oder Stoffe, die Leberschäden verursachen können. Denn: Beim illegalen Import greifen keine der strengen EU-Sicherheitsstandards.

Organisierte Kriminalität hinter Fakes

In einer globalisierten Handelswelt haben es Fälscher leicht, ihre unter Umständen gefährlichen und minderwertigen Waren unbemerkt nach Deutschland zu schmuggeln und hier weiterzuverkaufen. Laut Europol stecken hinter dem Handel mit Fakes längst nicht nur harmlose Verkäufer. Ein Bericht aus dem Jahr 2022 belegt: Organisierte Banden nutzen die Nachfrage nach Schnäppchen gezielt, um gefälschte Produkte in Europa zu verbreiten. Das Geschäft ist lukrativ – und finanziert teils Geldwäsche, Betrug und sogar Terrorismus.

Gefälschte Medikamente – unterschätzte Lebensgefahr

Besonders brisant ist der wachsende Markt für gefälschte Medikamente. Ob Schlankheitsspritzen wie Ozempic, Botox oder sogar Krebsmedikamente – immer mehr gefälschte Präparate gelangen über Online-Apotheken oder soziale Medien in den Umlauf. Dabei handelt es sich oft um wirkungslose oder falsch dosierte Substanzen. In Österreich kam es 2023 zu mehreren Krankenhausaufenthalten nach der Nutzung gefälschter Ozempic-Spritzen mit Insulin statt Semaglutid – mit schweren Nebenwirkungen wie Unterzuckerung und Krampfanfällen.

Kriminelle profitieren davon, dass der Medikamentenhandel hohe Gewinne bei geringem Risiko verspricht. Die Herstellung ist billig, die Preise hoch, die Strafen in vielen Ländern vergleichsweise niedrig. Gleichzeitig ist die Nachfrage groß – und die Versuchung bei Billigangeboten entsprechend hoch.

Der Handel mit gefälschten Medikamenten ist für Kriminelle besonders attraktiv, weil er im Vergleich zum Drogenhandel deutlich lukrativer und gleichzeitig risikoärmer ist.  Laut Prof. Arndt Sinn, Direktor des Zentrums für europäische und internationale Strafrechtsstudien an der Universität in Osnabrück, ist es einfacher, sich auf dem illegalen Arzneimittelmarkt zu etablieren als auf dem hart umkämpften Kokainmarkt: “Wer heute noch Drogen macht, der ist verrückt, könnte man sagen. Warum? Weil der Kontrolldruck hoch ist. Weil die Strafen drastisch sind. Weil wir viel über Drogenhandel schon wissen. Weil wir jahrzehntelang damit Erfahrung haben. Dieser Kontrolldruck, dieser Sanktionsdruck, der existiert auf dem illegalen Arzneimittelmarkt überhaupt nicht. Und damit macht es ihn natürlich zu einem lukrativen Markt für kriminelle Akteure.”

Die Herstellung ist kostengünstig, während die Verkaufspreise – etwa für Abnehm-Mittel oder Krebsmedikamente – enorm hoch sein können. Zudem sind die Strafen für Medikamentenfälschung in vielen Ländern geringer als bei Betäubungsmitteln, was das Geschäft zusätzlich begünstigt. Der Verkauf erfolgt häufig über schwer kontrollierbare Kanäle wie Online-Apotheken oder soziale Medien, wodurch Herkunft und Vertriebswege kaum nachvollziehbar sind. Gleichzeitig trifft das Angebot auf eine breite, oft verzweifelte Nachfrage – sei es nach Gewichtsreduktion, jugendlicher Haut oder Leistungssteigerung –, was den illegalen Markt weiter befeuert.

Internationaler Kampf gegen die Fälscher

Im Rahmen der von Europol koordinierten Operation Shield IV, die von April bis Oktober 2023 in rund 30 Ländern durchgeführt wurde, wurden gefälschte Arzneimittel im Wert von 64 Millionen Euro beschlagnahmt. Dabei kam es zu 296 Festnahmen, vier illegale Labore wurden aufgedeckt und 92 Webseiten abgeschaltet. Diese Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des illegalen Handels mit gefälschten Medikamenten, dessen Dimensionen auch durch großangelegte Einsätze nur begrenzt eingedämmt werden können. Die NDR-Recherche bringt die Reporterinnen auch in die Türkei. Dort werden ihnen in der Fitnessszene schnell gefälschte Lifestyle-Medikamente zum Kauf angeboten. Das Team nimmt Proben von gefakten Ozempic-Pens mit nach Deutschland und lässt diese im Bremer Institut für pharmazeutische und angewandte Analytik untersuchen. Das Labor weist hier, ähnlich wie bei dem Ozempic-Fall aus Österreich, Insulin statt Semaglutid nach.

Und das Problem bleibt: Auch im letzten Jahr hat Europol bei der Operation Shield V wieder über 11 Millionen Euro an illegalen Arzneimitteln beschlagnahmt.

Vorsicht bei Medikamentenkauf im Internet

Beim Kauf von Medikamenten im Internet ist besondere Vorsicht geboten, um nicht an eine illegale Online-Apotheke zu geraten. Ein sicheres Zeichen für seriöse Anbieter innerhalb der EU ist das grün-weiße EU-Sicherheitslogo mit Landeskennzeichnung, das auf eine behördlich registrierte Versandapotheke verweist. Zusätzlich sollte die Apotheke in der offiziellen Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgeführt sein. Vorsicht ist bei auffällig niedrigen Preisen, fehlender Rezeptpflicht oder einem unvollständigen Impressum geboten – das sind klare Warnsignale. Eine verschlüsselte Verbindung, transparente Kontaktmöglichkeiten sowie gängige, sichere Zahlungsmethoden sprechen ebenfalls für einen seriösen Anbieter.

So schützt man sich vor gefälschten Medikamenten

Wer sich vor gefährlichen Fälschungen schützen will, sollte folgende Grundregeln beachten:

  • Nur bei lizenzierten Händler:innen kaufen – im Zweifel lieber auf das Produkt verzichten.
  • Auf offizielle EU-Sicherheitslogos achten, etwa bei Online-Apotheken.
  • Misstrauisch sein bei extrem niedrigen Preisen, fehlendem Impressum oder fehlender Rezeptpflicht.
  • Keine Medikamente über soziale Netzwerke oder Messenger-Dienste beziehen.
  • Produktsiegel, Verpackung und Geruch genau prüfen – Fälschungen sehen oft täuschend echt aus, weisen aber kleine Unstimmigkeiten auf.

Weitere Tipps zum Schutz vor gefälschten Medikamenten hat Europol in einer Infokampagne zusammengestellt.

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