Gesamtgesellschaftliches Problem
Dass Einsamkeit kein Randphänomen ist, zeigen schon Daten des so genannten sozio-ökonomischen Panels des Deutschen Instituts der Wirtschaft aus dem Jahr 2021. Bei 11,3 Prozent der Gesamtbevölkerung ab 18 Jahren wurde eine erhöhte Einsamkeitsbelastung festgestellt. Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass sehr häufig auch Kinder und Jugendliche betroffen sind. Nach einer Erhöhung der Zahlen während der Corona-Beschränkungen sind sie bis heute alarmierend. In der Gruppe der 18- bis 39-Jährigen geben inzwischen 68 Prozent an, sich häufig, manchmal oder selten einsam zu fühlen. Dies zeigt der aktuelle Einsamkeitsreport der Techniker Krankenkasse.
Vielfältige Gründe für Einsamkeit
Einsamkeit hat viele Ursachen. Das belegt der aktuelle „Einsamkeitsmonitor“ des Bundesfamilienministeriums. Faktoren wie Bildung, Gesundheit und soziale Beziehungen beeinflussen das Gefühl von Einsamkeit, so der Bericht. Verheiratete Menschen mit höherer Bildung und gutem Einkommen fühlen sich seltener einsam als alleinstehende Menschen mit wenig Bildung und wenig Einkommen. Auch pflegende Angehörige erfahren oft Einsamkeit. Körperliche und psychische Erkrankungen oder Behinderungen können ebenfalls zu sozialer Isolation führen. Zudem erleben ältere Menschen, die einen Partner oder eine Partnerin verloren haben, verstärkt Einsamkeit. Ein weiterer wichtiger Faktor, der dazu führt, dass Menschen sich einsam fühlen, ist Armut. Auch Migrantinnen und Migranten fühlen sich oft einsam. Im SWR1-Interview verweist die Diplompädagogin Annik Neddermeyer von „Caritas-aktiv“ in Bingen darauf, dass auch Menschen, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, oft unter Einsamkeit leiden. "Ich habe keine Arbeit, ich verliere mein Netzwerk, dann ist da schnell die Schraube der Einsamkeit erhöht, gerade wenn man länger arbeitslos ist", sagt Neddermeyer.
Gesundheitliche Folgen
Problematisch wird Einsamkeit, wenn das Gefühl der Einsamkeit anhält und mit einem dauerhaften Leidensdruck einhergeht. Chronische Einsamkeit senkt die Lebensqualität und wirkt sich negativ aus sowohl auf den Körper als auch auf das Denken, Verhalten und Erleben eines Menschen. Einsamkeit steht im Verdacht, unter anderem Erkrankungen wie Demenz, Herzkreislaufprobleme und Schlafstörungen zu begünstigen. Darauf weist das Kompetenznetzwerk Einsamkeit hin, das u.a. Wissen zum Thema sammelt. Das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) mit Sitz in Frankfurt und Berlin setzt sich nach eigenen Angaben mit den Ursachen und Folgen von Einsamkeit auseinander und fördert den Austausch über mögliche Präventions- und Interventionsmaßnahmen in Deutschland.
Auch Folge der Corona-Beschränkungen
Einsamkeit sei sicherlich ein Phänomen, das es schon immer gebe, sagt Annette Noller vom Diakonischen Werk Württemberg im SWR1-Interview. "Wir stellen aber fest, dass seit der Corona-Pandemie viele Menschen den Eindruck haben, dass Kontakte abgebrochen sind, dass sie vielleicht auch in ihrem inneren Lebensgefühl verunsichert sind und das auch häufiger thematisieren", so Noller. Vor allem viele junge Menschen haben durch die Kontaktbeschränkungen während der Pandemie verlernt, soziale Kontakte aufzunehmen und zu pflegen. Die Fähigkeit, in Kontakt zu treten mit Menschen, sei eine Fähigkeit, die permanent gepflegt werden müsse, sagt die Theologin Annette Noller. "Wenn ich erst mal in einer Spirale der Einsamkeit bin, dann ist das ein Prozess, den kann man sich vorstellen wie einen Tunnel, der enger wird. Und je länger diese Corona-Pandemie angehalten hat ... und die Fähigkeit, Kontakt aufzunehmen, nicht ... weiterentwickelt wurde und auch faktisch keine Kontakte mehr entstanden sind, desto mehr entsteht ein Verengungsprozess", so Noller. Diesen Prozess bei jungen Menschen wieder anzustoßen, sei eine Aufgabe, die in Schulen Beratungsstellen und in der Begleitung erbracht werden müsse.
Wege aus der Einsamkeit
Menschen, die sich einsam fühlen, rät die Bingener Diplom-Pädagogin Annik Neddermeyer im SWR1-Interview, sich überhaupt erst mal einzugestehen, dass sie einsam sind. Das sei der erste Schritt, zu schauen, "wie geht es mir und was fehlt mir?" Die Frage, was Menschen sich wünschen, damit es ihnen besser geht und sie sich glücklich fühlen, sei ein weiterer Aspekt. Kritisch sieht Neddermeyer den Umgang mit den so genannten sozialen Medien. "Man hat nicht mehr diesen echten Austausch und das ist ... sehr wichtig für uns Menschen, dass wir im Austausch sind und vor allen Dingen auch Nähe spüren...". Wichtig ist, allgemein ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Thema viele Menschen betrifft. Es muss aus der Tabuzone herausgeholt werden. Zudem müssen mehr Möglichkeiten eröffnet werden, um soziale Bindungen und Beziehungen zu stärken. So hat das rheinland-pfälzische Sozialministerium eine eigene "Einsamkeitsstrategie" aufs Gleis gesetzt. Etwa 400 lokale Projekte sollen dadurch gefördert werden: darunter Nachbarschaftscafés, Plauderbänke, Bewegungsgruppen oder digitale Unterstützungsangebote. "Miteinander statt einsam - Ehrenamt stärken in Rheinland-Pfalz" heißt das Programm.
Aktionswoche Ende Mai
Auch in diesem Jahr ruft das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen der Aktionswoche "Gemeinsam aus der Einsamkeit" vom 26. Mai bis 1. Juni 2025 dazu auf, Menschen zusammenzubringen, Begegnungen zu schaffen und über das Thema Einsamkeit zu sprechen. So sollen Betroffene und Angehörige, aber auch die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert und über Hilfsangebote informiert werden. In dieser Woche wird es auch regional viele unterschiedliche Veranstaltungen geben. Konkrete Angebote finden sich auf einer Angebotslandkarte des Kompetenznetzes Einsamkeit.