"Faktenbasis" zur Landtagswahl

Wie "miserabel" ist Baden-Württemberg bei der Windkraft?

Beim Ausbau der Windkraft ist das selbsternannte "Klimaländ" alles andere als spitze. Die mitregierende CDU nennt die Bilanz sogar "miserabel". Wie schlimm ist es wirklich?

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Von Autor/in Tim Kukral

Die CDU hat sich gemeinsam mit den Grünen in Baden-Württemberg ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Doch insbesondere bei der Windkraft hinkt die grün-schwarze Landesregierung hinterher. Der umwelt- und klimapolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Raimund Haser, ist sogar der Meinung, kein Land habe seine Ziele so "miserabel" umgesetzt wie Baden-Württemberg.

Sein Appell daher: "Wir müssen endlich mal ins Tun kommen." Aber ist Baden-Württemberg bei der Windkraft tatsächlich langsamer unterwegs als alle anderen Bundesländer?

Wie viele Windräder wurden in Baden-Württemberg gebaut?

Im laufenden Jahr 2025 wurden in Baden-Württemberg bislang 35 Windräder in Betrieb genommen. In den vergangenen Jahren waren es noch weniger. Schon seit einiger Zeit geht der Windkraftausbau im Land nur sehr schleppend voran.

Das war aber auch schon anders: 2016 und 2017 erlebte die Windkraft in Baden-Württemberg einen regelrechten Boom. 123 Windräder gingen damals ans Netz. Das waren pro Jahr mehr als in der ganzen aktuellen Legislaturperiode: Seit 2021 gingen nur 114 neue Windräder in Betrieb. Im gleichen Zeitraum gingen aber auch 27 ältere Windräder vom Netz, sodass sich schlussendlich ein Zubau von 87 Windrädern ergibt.

Wie weit ist Baden-Württemberg von seinen Zielen entfernt?

Im Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung von 2021 steht, sie wolle "die Voraussetzungen für den Bau von bis zu 1.000 neuen Windkraftanlagen schaffen". Dass die Regierung dieses Ziel klar verfehlen würde, war aber schnell klar. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gab Ende 2022 in der ARD ein neues Ziel an: "Im übernächsten Jahr müssen es sicher wieder 100 werden", sagte er. "Da können sie mich dann beim Wort nehmen." Die größten Hürden seien beiseite geräumt, der Hochlauf könne beginnen. Dazu kam es aber nicht: Letztlich kamen 2024 doch nur 24 neue Anlagen hinzu.

Dass Baden-Württemberg seine Ziele in Sachen Windkraft verpasst, hat fast schon Tradition. Im Koalitionsvertrag von 2011, als die Grünen erstmals eine Landesregierung anführten, hieß es: "Wir wollen bis 2020 mindestens zehn Prozent unseres Stroms aus heimischer Windkraft decken." Tatsächlich ist dieses Ziel auch heute noch nicht erreicht: 2024 lag der Anteil der Windenergie an der Bruttostromerzeugung in Baden-Württemberg bei 8,8 Prozent. Schaut man auf den Verbrauch, sieht es sogar noch schlechter aus: Wegen Stromimporten aus Nachbarbundesländern und angrenzenden europäischen Ländern liegt Anteil der Windkraft hier nur bei 4,8 Prozent.

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Für die Klimapolitik insgesamt hatte der baden-württembergische Klima-Sachverständigenrat der Landesregierung erst kürzlich ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Angesichts dessen werde es schwierig, das ausgerufene Ziel der Klimaneutralität 2040 zu erreichen. Dafür müsste Baden-Württemberg mit der Windenergie bis dahin eine Leistung von 12,1 Gigawatt erreichen. Derzeit speisen Windräder in Baden-Württemberg zusammengerechnet nur eine Leistung von rund zwei Gigawatt ins Netz ein.

Sind die Ziele noch in Reichweite?

Trotzdem ist das Ziel laut Klima-Sachverständigenrat nach wie vor erreichbar, denn zum einen profitiere man vom technischen Fortschritt: Neue Windkraftanlagen erzeugen heute deutlich mehr Strom als noch vor einigen Jahren. Zum anderen werden derzeit sehr viele neue Windräder beantragt: Insgesamt fast 1.800 sind es derzeit, die meisten davon warten noch auf eine Genehmigung.

"Wenn all diese Anlagen auch genehmigt, gebaut und in Betrieb genommen würden, würden wir die angepeilten 12,1 Gigawatt sogar übertreffen", sagt Maike Schmidt, Vorsitzende des Klima-Sachverständigenrats. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass diese Windräder zusätzlich gebaut werden und nicht etwa ältere Anlagen ersetzen.

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Was sind die Gründe für den schleppenden Ausbau?

Das Umweltministerium schreibt auf SWR-Anfrage von "Standortnachteilen" in Baden-Württemberg: weniger Wind, eine bergige Landschaft und das Vorkommen seltener Vogelarten, die unter besonderem Schutz stehen. Ministerpräsident Kretschmann verwies außerdem immer wieder auf die frühere schwarz-rote Bundesregierung und insbesondere den früheren Bundeswirtschafts- und -energieminister Peter Altmaier (CDU), den er für die Schwierigkeiten beim Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg verantwortlich macht.

Tatsächlich hängt zumindest der Einbruch nach dem Hochlauf 2016/2017 mit einem Bundesgesetz zusammen: Seit einer Umstellung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) 2017 wird der Vergütungspreis für Windkraftanlagen per Ausschreibungsverfahren ermittelt. Für Betreiber waren die oft eher windarmen Standorte in Baden-Württemberg danach weniger attraktiv. In der Wahrnehmung der Klima-Sachverständigen Schmidt gab es auch einen Stimmungsumschwung: Akzeptanzprobleme in Teilen der Bevölkerung führten dazu, dass die Windkraft auch von politischer Seite weniger vorangetrieben wurde.

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Das änderte sich in den 2020er-Jahren: Die Ampel im Bund und Grün-Schwarz in Baden-Württemberg erleichterten den Windkraftausbau ab 2021 durch vereinfachte Genehmigungsverfahren. Die Ampel erhöhte außerdem die Vergütungssätze im EEG. Über das sogenannte Referenzertragsmodell - auch "Süd-Bonus" genannt - profitierten davon insbesondere windärmere Regionen, etwa in Baden-Württemberg.

Zu einem verstärkten Windkraftausbau führte indirekt auch der russische Großangriff auf die Ukraine: Eine Notfallverordnung der EU erleichterte danach den Ausbau erneuerbarer Energien. Kritiker monieren, die Erleichterungen auf EU, Bundes- und Landesebene würden zu Lasten des Arten- und Naturschutzes gehen.

Wie schneidet Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern ab?

Die scharfe Kritik des CDU-Umweltexperten Haser, kein Bundesland schneide beim tatsächlichen Windradbau so "miserabel" ab wie Baden-Württemberg, lässt aufhorchen. Schließlich ist seine Partei sei fast zehn Jahren an der Landesregierung beteiligt. Die CDU stellt außerdem zahlreiche Landräte, spielt also auch auf kommunaler Ebene eine wichtige Rolle, wenn es um den Windkraftausbau geht. Aber stimmt Hasers Aussage?

Eine Statistik eines Branchenportals vergleicht den Ausbau der Windenergie in den Bundesländern: Demzufolge liegt Baden-Württemberg im laufenden Jahr 2025 auf dem siebten Platz. Auch 2023 und 2024 liegt BW trotz dürftiger Zahlen gerade noch so im Mittelfeld.

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Auf den Spitzenplätzen war in den vergangenen Jahren neben den "Küstenländern" Niedersachsen und Schleswig-Holstein auch Nordrhein-Westfalen. Das ebenfalls an der Küste gelegene Mecklenburg-Vorpommern baute in den vergangenen Jahren erstaunlich wenige Windräder - aber immerhin mehr als Baden-Württemberg.

Grundsätzlich wird im windreichen Norden ein Vielfaches dessen gebaut, was andere Bundesländer an Windrädern vorweisen können. In Stadtstaaten wie Berlin, Hamburg oder Bremen hingegen werden mangels Fläche kaum Windräder gebaut - für ein großes Bundesland wie Baden-Württemberg sollten sie daher kaum als Vergleichsgröße gelten.

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Es gibt durchaus Bundesländer, die noch schlechter abschneiden als Baden-Württemberg. Allerdings: Das Land hat sich nicht zum Ziel gesetzt, beim insgesamt schleppenden Windkraftausbau in Deutschland irgendwo im Mittelfeld zu dümpeln. Stattdessen wollte das einzige grün geführte Bundesland Vorreiter sein. Davon ist es noch immer weit entfernt. Gemessen an den vergleichsweise hohen Zielen, die sich Baden-Württemberg in Sachen Windkraft gesetzt hat, kann man die Bilanz also tatsächlich als "miserabel" bezeichnen.

Windkraft: Wie geht es weiter?

Die Vergangenheit hat gezeigt: Wie es mit der Windkraft in Baden-Württemberg vorangeht, hat das Land nicht allein in der Hand. Derzeit wird in der Bundesregierung darüber diskutiert, das als "Süd-Bonus" bekannte Modell, das den Windkraftausbau auch in windärmeren Regionen finanziell attraktiver macht, wieder abzuschaffen. CDU-Umweltpolitiker Raimund Haser hat dafür Verständnis: Der Ausbau der Windkraft müsse wettbewerbsorientiert erfolgen, betont er.

Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) hingegen kritisiert die Pläne: Sie befürchtet, dass das dem Windkraftausbau in Baden-Württemberg "den Wind abdrehen" würde. Auch die Klima-Sachverständige Schmidt sieht die Pläne kritisch: Der Rat, dem sie vorsitzt, veröffentlichte kürzlich eine Studie, wonach der Wind in Baden-Württemberg oft vor allem dann weht, wenn im sonst so windstarken Norden Flaute herrscht. "Die Windenergie in Baden-Württemberg erhöht somit die Robustheit der Energieversorgung in ganz Deutschland", sagt Schmidt. Das entlaste das Stromnetz. Umso wichtiger sei es, dass der Windkraftausbau in Baden-Württemberg endlich besser vorankommt.

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Autor/in
Tim Kukral
Tim Kukral ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".

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