Manchmal bringt ein Stück Stoff eine ganze Stadt in die Schlagzeilen. In diesem an Hitzetagen so reichen Sommer haben Baderöcke in Freiburg für Streit gesorgt. Spätestens seit der 2013 bundesweit geführten Debatte um eine Frau aus Konstanz und ihren Burkini ist klar, dass die Frage, was man zum Sprung ins gechlorte Wasser trägt, nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, des Glaubens oder der Kultur ist - sondern auch eine Frage der Badeordnung.
Streit, Hausverbote, Rassismusvorwürfe - und eine ungewöhnliche Aufarbeitung
Aber was war passiert? An einem heißen Tag Ende Mai kam es im Freibad St. Georgen in Freiburg nach verschiedenen Darstellungen zu einer Auseinandersetzung zwischen einem Bademeister und einer Gruppe von Badegästen. Der Bademeister hatte zuvor mehrere junge Frauen des Beckens verwiesen. Wegen ihrer Baderöcke - knielange Röcke aus Badetextil, die über einem Badeanzug getragen werden. In der anschließenden Diskussion rief der Bademeister die Polizei. Mehrere Personen mussten in Begleitung der Polizei das Freibad verlassen, Hausverbote wurden ausgesprochen.
Die jungen Frauen waren Sintizze, die die Baderöcke aus "kulturellen Gründen" trugen, wie sie der "Badischen Zeitung" gesagt haben. Auch die anderen an diesem Tag aus dem Bad geworfenen Personen gehören zur Minderheit der Sinti. Und so wurde nach dem Vorfall der Vorwurf des Rassismus, des Antiziganismus laut. Was die erste Stufe einer weiteren Eskalation hätte sein können, nahm aber in der Zwischenzeit eine ungewöhnliche Wendung. Statt weiterer Eskalation gab es Austausch. Zwischen den betroffenen jungen Frauen, Verantwortlichen des Badbetreibers Regio Bäder GmbH, der Landesvertretung Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg und der Antidiskriminierungsstelle der Stadt Freiburg.
Bäderchef entschuldigt sich für Eskalation
"Von der Polizei aus dem Freibad begleitet zu werden, das war traumatisierend für die Betroffenen", sagt Coralla Reinhardt. Sie ist Mitglied im Sinti-Verein Freiburg und war als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Teilnehmerin der Gespräche. Die Nachricht vom Vorfall erreichte sie im Urlaub. "Dann haben wir direkt den Dialog mit der Stadt gesucht", beschreibt sie. Auch der Chef der Regio Bäder, Matthias Müller, habe den Vorfall schnell aufklären wollen - und sich für die Eskalation entschuldigt. Die Hausverbote seien aufgehoben und die Betroffenen mit Saisonkarten für die Bäder entschädigt worden, erklärt Reinhardt.
Das Badepersonal wiederum bekam zusätzliche Schulungen - und die Badeordnung wurde geändert. "Wir bedauern den Vorfall sehr - vor allem, weil mit einer präziseren Regelung in der Badeordnung dies hätte vermieden werden können", so Regio-Bäder-Geschäftsführer Müller in einer Mitteilung. Baderöcke sind - genau wie Burkinis übrigens - nun explizit erlaubt, wenn sie eng anliegen und aus Badetextil bestehen.
Freibad-Check in Giengen Volles Freibad, kühler Kopf: Wie ein Bademeister in Giengen tausende Gäste im Griff behält
Hitze, Lärm, volle Becken: Im Bergbad Giengen muss Bademeister Vitalij Buchholz in Sekunden erkennen, ob ein Kind nur spielt - oder in Gefahr ist. Wie schafft er das?
BW-Jahrhundertsommer auch für Freibäder ein Stresstest
Konflikte wegen Badebekleidung wie in Freiburg sind nicht die einzige Herausforderung für das Badepersonal in diesem Jahrhundertsommer. Der führe natürlich erst mal zu höheren Einnahmen bei den Eintrittsgeldern und steigendem Umsatz in der Gastronomie, sagt Necdet Mantar, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft öffentliche Bäder (ARGE) Baden-Württemberg.
Um der Nachfrage Herr zu werden und das Stammpersonal zu entlasten, brauche es in einem solchen Sommer aber häufig zusätzliches Personal - und das sei aufgrund des Fachkräftemangels schwer zu finden. "Wenn die besucherschwachen Tage wie in dieser Saison ausfallen, stellt das eine sehr hohe Belastung für das Personal sowie die technischen Anlagen dar", erklärt Mantar.
Freibadbetreiber beobachteten zudem seit der Corona-Pandemie einen zunehmenden Verlust an Respekt und Rücksichtnahme. Deshalb wirbt ARGE gerade in ihren Mitgliedsbädern mit Plakaten für mehr gegenseitigen Respekt. Zusätzlich setzen viele Bäder auf Sicherheitskräfte. Allein bei ARGE sind das laut Mantar mindestens 20 von 32 Badbetreibern.
Kommunen reagieren nach Vorfällen in Obersulm und Heilbronn Prügeleien und Polizeieinsätze: Brauchen Freibäder jetzt mehr Security?
Nach den jüngsten Polizeieinsätzen in den Freibädern in Obersulm und Heilbronn wird über mehr Sicherheit diskutiert. Doch sind die Probleme in Heilbronn-Franken wirklich so groß?
Bäderordnung: Immer mehr Regeln im Freibad?
Das Freibad im Freiburger Stadtteil St. Georgen ist aber längst nicht das einzige, das aufgrund seiner Bäderordnung in die Schlagzeilen geraten ist. Bundesweit diskutiert wurde 2013 der Fall einer Frau, die mit einem Burkini in ein Hallenbad in Konstanz gehen wollte - wo man ihr den Zutritt verwehrte. Der Burkini war plötzlich in aller Munde, es folgten eine Klagedrohung, ein wissenschaftliches Gutachten und schließlich die explizite Erlaubnis in der Konstanzer Bäderordnung. Sei der Burkini damals noch intensiv öffentlich diskutiert worden, so sei er heute "in den meisten Bädern gelebte Praxis und kaum noch Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen", sagt ARGE-Chef Mantar.
Die Diskussion darüber, was als "übliche Badebekleidung" gilt, sei so alt wie die Freibäder selbst. Deshalb sei es wichtig, den Mitarbeitenden der Bäder klare Orientierung zu geben. Maßgeblich seien dabei nicht Form und Länge, sondern das richtige, "badeübliche" Material. Aufsehen haben die Bäder in Lörrach und Weil am Rhein erregt, die nur noch enganliegende Badekleidung erlauben. Burkinis und Baderöcke sind ebenso verboten wie weite Badeshorts für Männer. Die Begründung: "Lange Badekleidung kann mehr Schmutz und Partikel ins Wasser einbringen und erhöht den Reinigungsaufwand erheblich."
Unabhängig von der Badebekleidung gilt seit 1. Juni das neue Nichtraucherschutzgesetz in Baden-Württemberg. In Freibädern sind das Rauchen und Vapen nur noch in ausgewiesenen Bereichen erlaubt. Die überwiegende Mehrheit der Gäste zeige dafür Verständnis, sagt Necdet Mantar. Nur in Einzelfällen hielten sich Gäste nicht an die Vorschrift.
Nach Streit um Baderöcke: Gemeinsames Fest im Freibad St. Georgen
Spuren hat der Streit um die Baderöcke in Freiburg trotz aller Aufarbeitung hinterlassen. "Die Betroffenen konnten irgendwann auch nicht mehr, die waren ja Stadtgespräch", berichtet Coralla Reinhardt von der Antidiskriminierungsstelle. "Die Situation im Freibad war tatsächlich schwierig", teilt die Landesvertretung Deutscher Sinti und Roma auf SWR-Anfrage mit. Aber: "Abblocken, Anklagen, Gespräche verweigern, davon haben wir in dieser Gesellschaft schon genug. Wir müssen uns zusammensetzen, Schwierigkeiten aufzeigen und Lösungen anpacken." Nun sei man stolz auf das Ergebnis: Am 6. August fand im Freibad St. Georgen ein gemeinsames Fest unter dem Motto "Vielfalt unter freiem Himmel" statt. Das könne ein Zeichen sein, so hofft Coralla Reinhardt, damit ein solcher Vorfall sich nicht wiederholt.