Nachdem am Montag bekannt geworden ist, dass sich ein früherer Gutachter von seiner Kapazitätsprüfung zu Stuttgart 21 distanziert, werden Fragen laut. Was bedeuten seine Aussagen? Was bedeutet das für den Tiefbahnhof? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die aktuelle Berichterstattung:
- Was genau hat der Gutachter gesagt?
- Ist der künftige Tiefbahnhof also zu klein?
- Erhöht nicht die neue Technik die Kapazitäten?
- Was ist die "Kombi-Lösung"?
- Stuttgart 21: Wie geht es weiter?
- Warum hat Stohler sich jetzt geäußert?
Was genau hat der Gutachter gesagt?
Werner Stohler, der im Jahr 2011 öffentlich für die Firma SMA die Seriosität und Plausibilität des Stresstests repräsentiert hat, hat sich von seiner damaligen Haltung distanziert. Er sagt konkret zwei Dinge:
- Das Vorgehen der Bahn und die Datengrundlage hätten nicht unabhängig gegengeprüft werden können.
- Die Art und Weise, wie vorgegangen wurde, würden nicht dem Standard entsprechen, um Kapazitäten in einem Bahnhof und Bahnknoten zu berechnen.
So habe man als Grundvoraussetzung sich nicht den S21-Tiefbahnhof angeschaut und analysiert, wie viele Züge dort fahren könnten, sondern direkt die Vorgabe gehabt, das Ziel zu prüfen, ob prinzipiell 49 Züge pro Stunde möglich wären. Sein Fazit: Hätte man den Bahnhof auf eine sinnvolle Leistung untersucht, wäre man auf eine geringere Zahl an Zügen gekommen.
Ist der künftige Tiefbahnhof also zu klein?
Stohler hat damals nicht alleine das Gutachten erstellt. Sowohl von seiner damaligen Firma SMA als auch von der Bahn waren mehrere Personen beteiligt. Die Firma SMA erklärt auf SWR-Anfrage: "SMA steht weiterhin zur Qualität und zur Methodik dieser Auditierung." Von Stohlers Aussagen distanziere man sich.
Die Bahn hält auf SWR-Nachfrage ebenfalls an der Plausibilität des Stresstests fest, auch wenn der nur theoretisch durchgeführt wurde. Sie ergänzt: "Für die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 im Jahr 2026 hatte die DB jedoch auf Basis der Angebotsplanung der Aufgabenträger Land Baden-Württemberg und Verband Region Stuttgart einen konkreten Fahrplan entwickelt und abgestimmt." Dieser Fahrplan würde in der Spitzenstunde zwischen 7 und 8 Uhr morgens 46 ankommende Züge im Tiefbahnhof vorsehen. Es wären auch mehr Züge möglich.
Bevor der Eröffnungstermin verschoben wurde, wäre laut aufgestelltem Fahrplan der Bahnhof also groß genug gewesen. Experten und Kritiker weisen aber darauf hin, dass Folgeprojekte noch nicht fertiggestellt sind: unter anderem der Pfaffensteigtunnel und die Tunnel im Stuttgarter Norden für den Deutschlandtakt. Es fehlen im Fahrplan also noch wichtige Züge, die in den folgenden Jahren noch dazu kommen sollen.
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Erhöht die neue Technik die Kapazitäten?
Tatsächlich wurde Jahre nach dem Stresstest noch das Projekt "Digitaler Knoten Stuttgart" ergänzt. Durch ein neues Zugsicherungssystem, das ohne klassische Signale und mit teils automatisiert fahrenden Zügen betrieben wird, sollen deutlich mehr Kapazitäten erreicht werden. Eine vom Bundesverkehrsministerium beauftragte Studie von McKinsey kam zum Ergebnis, dass bis zu 35 Prozent mehr Kapazitäten im Vergleich zum klassischen Zugbetrieb erreicht werden können.
Eine weitere Studie vom Verkehrswissenschaftlichen Institut Stuttgart sowie erneut dem schweizerischen Beratungsunternehmen SMA hat 2023 eine neue Berechnung für Stuttgart 21 durchgeführt und berechnet demnach für den Tiefbahnhof 59,5 Züge pro Stunde. Die Frage bleibt aber, ob die Kritik, die Werner Stohler am Stresstest 2011 äußert, zum einen berechtigt ist und zum anderen dann auch auf die neueren Untersuchungen zutrifft.
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Klar ist: Für diese Kapazitäten müssen erst alle Teile des Digitalen Knotens Stuttgart realisiert werden. Das soll erst Jahre nach der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 der Fall sein. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Teile des Digitalen Knotens reduziert werden, was womöglich auch Auswirkungen auf die Kapazität haben könnte.
Was ist die "Kombi-Lösung"?
Unter der Kombi-Lösung versteht man den Weiterbetrieb des alten Kopfbahnhofs, parallel zum dann neu eröffneten Tiefbahnhof. Ein Vorschlag, der bei der Streitschlichtung präsentiert wurde und den auch Stohler befürwortet hat. Vor allem der Nahverkehr würde profitieren, wenn der Großteil davon weiterhin in den alten Kopfbahnhof fahren würde. Man hätte weniger Engpässe im Tiefbahnhof und bessere Umsteigemöglichkeiten. Folgeprojekte wie der Pfaffensteigtunnel müssten nicht fertig gebaut werden.
Aber: ein Großteil der Gleisflächen würde dann nicht für Wohnbauprojekte frei werden. Es gibt Vorschläge, die Gleisflächen zu überbauen oder den verbleibenden Teil des Kopfbahnhofs auch unter die Erde zu legen.
Die Forderung nach der Kombi-Lösung oder dem Kombibahnhof gibt es seit über 15 Jahren. Von den Projektverantwortlichen wird diese Idee aber aktuell nicht weiter verfolgt.
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Stuttgart 21: Wie geht es weiter?
Stuttgart 21 wird weiter gebaut. Der Eröffnungstermin des Tiefbahnhofs ist für Dezember 2031 angesetzt. Es dürfte fraglich sein, ob die neuesten Äußerungen des früheren Gutachters tatsächlich konkrete Auswirkungen auf das Projekt haben.
Dennoch stellt eine solche Äußerung nicht nur die Art und Weise, wie Stuttgart 21 zustande kam, infrage. Es stellt auch den Wert solcher Gutachten und Berechnungen infrage, die in Abhängigkeit großer Unternehmen, wie der Deutschen Bahn, getätigt wurden und vermeintlich unabhängig sein sollen.
Warum äußert sich Stohler jetzt?
Mehrere Journalisten, die 2011 bei der Schlichtung und der Präsentation des Stresstests vor Ort waren, berichten, dass Stohler damals und auch in den Folgejahren nie ein Interview zu Stuttgart 21 geben wollte. Ausnahme war ein Gespräch, das in der Süddeutschen Zeitung erschien. Andere berichten, dass er in Hintergrundgesprächen schon damals seine Zweifel geäußert hätte.
15 Jahre später äußert er sich nicht direkt gegenüber einem Journalisten, sondern gegenüber einem Filmemacher. Klaus Gietinger erklärte dem SWR, er habe seit Monaten daran gearbeitet, ein Interview mit ihm zu bekommen. Er hat das gesamte Interview dem SWR zur Verfügung gestellt. Darin ist zu erkennen, dass Stohler mit den Fragen nicht überrumpelt wurde, er nimmt sich Zeit, über seine Antworten nachzudenken, bevor er sie gibt.
Es lässt sich also vermuten, dass ihm bewusst ist, welche Tragweite seine Antworten haben. Seine Aussagen richten sich aber auch gegen seinen früheren Arbeitgeber, gegen seine frühere Firma, die er selbst mitgegründet hat. Warum er sich also jetzt äso geäußert hat, darauf gibt es bisher keine Antwort.