Wie widerstandsfähig ist die Region Ulm im Krisenfall? Darüber haben in Neu-Ulm am Donnerstagabend Vertreter von Militär, Medizin, Energie und Verwaltung gesprochen. Während sie sich in den letzten Jahren vor allem auf Naturkatastrophen vorbereitet haben, rückt jetzt das Thema Krieg in den Vordergrund.
Krieg als realistischer Krisenfall
Mit einem lauten Knall stürzt ein meterhoher Turm aus Holzklötzen zu Boden. Das soll an diesem Abend verdeutlichen, wie schnell ein System zusammenbrechen kann. Auf der Bühne dahinter sitzen vier regionale Schlüsselfiguren. Wie gut die Region im Ernstfall gerüstet ist, sollen sie für ihre Bereiche beantworten.
- Medizin im Krisenfall: Ein Langstreckenlauf
- Militär: Warnsignale früh erkennen
- Infrastruktur: Neue Schadensursachen
- Verwaltung: Zusammenarbeit bündeln
Medizin im Krisenfall: Ein Langstreckenlauf
Dr. Udo Kaisers, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Ulm, sieht die Krankenhäuser gut vorbereitet auf den Ernstfall. Besonders der sogenannte "MANV" - also Massenanfall von Verletzten - wurde am Universitätsklinikum immer wieder geübt.
In diesem Szenario gehe es darum, in kurzer Zeit so viele Verletzte wie möglich zu behandeln, um danach wieder dem Alltagsgeschäft nachgehen zu können. Das Zugunglück in Riedlingen hat gezeigt, dass die Region auf solche Lagen vorbereitet ist, so Kaisers.
Im Falle eines Krieges kämen aber Alltagsgeschäft und MANV zusammen, teils über mehrere Jahre, wie der Krieg in der Ukraine zeigt. "Das ist ein Langstreckenlauf, und ich glaube, da können wir noch erheblich zulegen als Gesamtsystem." Längerfristig könnte diese Belastung zu einem erheblichen Problem werden.
Das ist ein Langstreckenlauf, und ich glaube, da können wir noch erheblich zulegen als Gesamtsystem.
In einer solchen Situation müsse gewährleistet sein, dass die Beschäftigten im Gesundheitssystem gut arbeiten können. Das erfordere auch die Unterstützung der Zivilgesellschaft, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung für Eltern im Gesundheitssektor, sagt Kaisers.
Als eine der Ersten vor Ort in Riedlingen Notärztin beim Zugunglück: "Terrorübung an der Uniklinik Ulm half enorm"
Alice Eiserbeck von der Uniklinik Ulm war am Sonntagabend beim Zugunglück in Riedlingen als erste Notärztin vor Ort. Sie behielt auch dank eines gezielten Trainings den Überblick.
Militär: Warnsignale früh erkennen
"In meinen Augen ist die Region Ulm, aber das würde ich auf Deutschland ausdehnen, gut aufgestellt," sagt Generalleutnant Kai Rohrschneider, JSEC Commander in Ulm. Die Vorstellung, dass eine militärische Krise abrupt über Deutschland hereinbreche, setze vorheriges Versagen voraus, sagt Rohrschneider. Ein Krieg breche nicht über Nacht aus.
Es gebe Warnsignale, auf die man achte und Vorbereitungen für den Ernstfall. Wenn es zu einem Krieg käme, setzt Rohrscheider auch auf den Zusammenhalt und die Unterstützung der Zivilgesellschaft. "So wie man die Streitkräfte vernachlässigt hat, haben wir den Bereich Zivilverteidigung völlig ignoriert."
Ein solcher Krieg würde alles verändern. Alles.
Der Übergang zu einer Kriegswirtschaft sei eine enorme Umstellung. "Ein solcher Krieg würde alles verändern. Alles." Auch Unternehmen und ihre Lieferketten würden dabei in der Versorgung eine Rolle spielen, so Rohrschneider. "Ein Krieg wird am Ende dadurch entschieden, wer in der Lage ist, ihn länger zu Versorgen."
Infrastruktur: Neue Schadensursachen
Klaus Eder, Geschäftsführer der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU), ist im Ernstfall für Energie- und Wasserversorgung zuständig. "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen zu jeder Tages- und Nachtzeit, was zu tun ist." Viel mehr gehe es darum, die Schadensursachen zu vermeiden.
Schäden durch Naturkatastrophen seien das eine, doch jetzt gebe es auch die Gefahr von Aggressoren oder Sabotage. Zudem müsse man sich auch vermehrt vor Cyberangriffen schützen.
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen zu jeder Tages- und Nachtzeit, was zu tun ist.
Klaus Eder spricht von einem resilienten Energiesystem, mit deutschlandweit über 800 Versorgern, die sich im Ernstfall gegenseitig unterstützen können. Bei den SWU käme man im Notfall zunächst in einem Krisenraum zusammen, um sich zu beraten. Priorität sei, wie in allen anderen Bereichen, sich zuerst ein Bild von der Lage zu machen.
Verwaltung: Zusammenarbeit bündeln
Auch das Landratsamt Neu-Ulm hat einen Krisenraum im Keller, in dem die Führungsgruppe Katastrophenschutz zusammenkommen kann. Landrätin Eva Treu (CSU) findet zwar, dass die Region gut aufgestellt ist, im Verteidigungsfall sei aber noch Luft nach oben. "Das war ganz lange nicht mehr in unseren Köpfen."
Im Kriegsfall spielt die Zusammenarbeit von Blaulichtorganisationen und auch die zivile Verteidigung für das Landratsamt eine große Rolle, so Treu. "Ich glaube, die Strukturen sind da, aber man muss miteinander kommunizieren und üben."
Das war ganz lange nicht mehr in unseren Köpfen.
Mit den Notdiensten werde monatlich geübt, erklärt Treu. Außerdem arbeite man an der Einrichtung so genannter Notfall-Leuchttürme. Mobile Anlaufstellen, die in Katastrophensituationen zum Beispiel Strom liefern, Notrufe absetzen oder Verpflegung zur Verfügung stellen.
Resilienz in der Krise
Zum Ende der Diskussion hat jeder Gesprächsteilnehmer die Chance, einen Appell zu formulieren.
Klaus Eder beginnt: "Seien sie vorbereitet, aber nicht panisch."
Dr. Udo Kaisers ist optimistisch: "Nur Mut. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch eine zukünftige Krise gut bewältigen können."
Kai Rohrschneider betont das, was - wie er sagt - die Bundeswehr am besten kann: "Üben. Um mit Ungewissheit klar zu kommen ist Üben das beste. Üben macht selbstbewusst."
Für Landrätin Eva Treu kommt es vor allem auf eines an: "Miteinander ins Gespräch kommen. Wer hat welche Stärken, wer hat welche Fähigkeiten und wie kann man sich untereinander helfen."