In der Pfingstweide in Ludwigshafen führen die Straßennamen nach Oslo, Kopenhagen und Athen. Am "Londoner Ring" hat die BASF auch Wohnungen – noch. Dort wohnt Gerda Kügler seit 2008 im vierten Stock. Ihre Wohnung ist eine der 4.400 Wohnungen, die die BASF verkaufen wird.
Kügler ist 72 Jahre alt. Jeden Morgen steht sie um 03:30 Uhr auf: "Ich habe jahrelang meinen Mann gepflegt, ich kriege das nicht raus", erklärt sie. Ihr Mann sei ihre Jugendliebe gewesen, er ist 2007 gestorben. Vermisst sie ihn? "Immer." In der Nacht macht sie Sport, liest Zeitung, später unterhält sie sich mit Nachbarn, geht für jene einkaufen, die es selbst nicht mehr können.
Gemeinschaft in der Pfingstweide in Ludwigshafen ist wichtig für Mieter
Hier, in der Pfingstweide, eine typische 60-er und 70-er Jahre Siedlung mit vielen Hochhäusern, fühlt Kügler sich wohl. Sie mag die Gemeinschaft: Die 72-Jährige wohnt im Mehrgenerationenhaus "Noah". Hier frühstücken sie alle zwei Wochen zusammen und treffen sich zu Kaffee und Kuchen.
Dass die BASF die Wohnungen in der Pfingstweide verkaufen wird, hat Gerda Kügler per Brief erfahren und durch die Medien. Was denkt sie darüber? "Abwarten und Tee trinken", sagt Kügler. Wenn sie noch einmal umziehen muss, dann sei es halt so. Aber vermutlich kann sie bleiben – denn sie ist über 70. Das sieht die Sozialcharta der BASF vor, die vom Chemieunternehmen aufgestellt wurde. Und an die sich die zukünftigen Besitzer der Immobilien halten müssen, wenn sie die Wohnungen kaufen.
Sozialcharta angekündigt Das sagen Mieter aus Ludwigshafen zum Verkauf tausender BASF-Wohnungen
Die BASF will 4.400 Wohnungen verkaufen und hat für die Mieter eine Sozialcharta angekündigt. Wir haben Mieter aus Ludwigshafen zu den Plänen befragt.
BASF will Wohnungen sozial verträglich verkaufen
Insgesamt verkauft die BASF ihre 4.400 Wohnungen bis Ende Februar 2027. Dabei werden 1.100 Wohnungen von "BASF Wohnen + Bauen" einzeln als Eigentumswohnungen verkauft. Zu diesem Bestand gehört auch die Wohnung, in der Gerda Kügler wohnt. Das Hochhaus gehört nur zu Teilen der BASF. Denn darin gibt es bereits Eigentumswohnungen und andere private Vermieter.
Bei den 1.100 Wohnungen greift die Sozialcharta, mit der die BASF auch schon in vergangenen Jahren Wohnungen verkauft hat, so ein BASF-Sprecher. Diese sieht vor, dass der zukünftige Vermieter in den nächsten zehn Jahren keine Eigenbedarfskündigung vornehmen darf. Und: Mieterinnen und Mieter über 70 haben ein lebenslanges Mietrecht.
Mieterin: "BASF investiert in China, aber nicht in Ludwigshafen"
Deshalb hat Gerda Kügler keine Angst, sagt sie. Ihre Wohnung kann sie der BASF selbst nicht abkaufen: "Dafür habe ich kein Geld, und einen Kredit würde ich in meinem Alter auch nicht bekommen." Kinder hat sie nicht.
Dass die BASF Wohnungen verkauft, kann sie aus wirtschaftlicher Sicht verstehen. Aber: "Ich finde es schade, dass die BASF in China investiert, aber nicht in Ludwigshafen", sagt Kügler. Doch dagegen könne man nichts machen.
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GAG interessiert an 3.300 Wohnungen in Ludwigshafen, Frankenthal und dem Rhein-Pfalz-Kreis
Weitere Wohnungen hat die BASF in Frankenthal, im Rhein-Pfalz-Kreis und in verschiedenen anderen Stadtteilen von Ludwigshafen. Das sind insgesamt 3.300 Wohnungen. Die werden Privatpersonen nicht zum Verkauf angeboten. Sondern nur im Bündel: Interessenten müssen ganze Wohnkomplexe bzw. Häuser kaufen. Doch auch dann solle die Sozialcharta greifen, so ein BASF-Sprecher.
Die Chancen für die GAG sind nicht so groß, weil es zig internationale Interessenten gibt.
Die Stadt Ludwigshafen hat Interesse daran, dass ihre Wohnungsbaugesellschaft GAG als Käufer für diese Wohnungen einspringt – das bestätigt Oberbürgermeister Klaus Blettner (CDU). Auch der Landrat des Rhein-Pfalz-Kreises, Volker Knörr (CDU) sagt, dass es sein Wunsch sei, dass die GAG alle Wohnungen kaufe – auch die im Rhein-Pfalz-Kreis und in Frankenthal.
Zu einem späteren Zeitpunkt könne die GAG dann die Wohnungen, die in Frankenthal liegen, auch an die Stadt Frankenthal weiter verkaufen. Die Wohnungen, die im Rhein-Pfalz-Kreis liegen, sollten dann von der GAG an den Rhein-Pfalz-Kreis weiterverkauft werden. "Dann wäre jeder für seinen Beritt auch selbst zuständig", so der Landrat.
OB Blettner: Wohnungen sollen nicht in die falschen Hände geraten
Ob die GAG sich gegen andere Bewerber durchsetzen kann, ist unklar. Der Prozess läuft noch, meint Klaus Blettner im SWR-Interview. Aktuell habe die GAG ohnehin schon einen Bestand von über 13.000 Wohnungen, da wäre es machbar, sich um weitere 3.300 Wohnungen zu kümmern, so der OB.
Weiter sagt Blettner: "Mein wichtigstes Ziel ist jetzt nicht unbedingt, dass wir diese Wohnungen erwerben. Wichtig ist, dass es nicht in die falschen Hände gerät, an ein rein Renditen maximierendes Unternehmen." Landrat Knörr sagt dazu: "Die Chancen für die GAG, die Wohnungen auch wirklich zu erwerben sind nicht so groß, weil es zig internationale Interessenten gibt."
Laut einem BASF Sprecher sei aber kein Interessent bislang aus dem Rennen – auch die GAG nicht.
Könnte es mit neuen Eigentümern doch eine Mieterhöhung geben?
In der Pfingstweide ist Joachim Müller der Vorsitzende des Vereins "Pfingstweide Miteinander". Das ist ein Verein, der nachbarschaftliche Treffen organisiert. Müller sagt, dass sich einige BASF-Mieterinnen und Mieter bei ihm gemeldet hätten: "Die Sorge der Menschen ist, dass die Miete erhöht werden könnte und die gute Unterstützung der 'BASF Bauen + Wohnen' wegfällt. Eine neue Miete könnte höher sein als der Mietspiegel in Ludwigshafen."
Mieterin aus Ludwigshafen Friesenheim: mit BASF immer zufrieden gewesen
Ich glaube nicht, dass wir hier raus müssen.
In Ludwigshafen-Friesenheim hat die BASF Wohnungen in den Hohenzollernhöfen. Die Wohnungen wurden zwischen 2010 und 2017 renoviert und sind in bester Lage. Denise Schneider ist 26 Jahre alt und wohnt hier gemeinsam mit ihrem Partner. Mit der BASF als Vermieterin seien sie hier zufrieden: "Wann immer etwas passiert, kommt jemand vorbei und kümmert sich", sagt Schneider.
Über die Verkaufspläne der BASF wurde auch sie per Brief informiert. "Wir sind da entspannt. Ich glaube nicht, dass wir hier raus müssen", so Schneider. Denn auch ihnen wurde versichert, dass ihr Vertrag für die nächsten zehn Jahre so bestehen bleibe.
Für 67 Quadratmeter zahlt Schneider mit ihrem Partner rund 1.200 Euro warm. In den Nebenkosten sei alles abgedeckt: "Sogar der Müll wird raus gebracht. Die Gartenpflege ist dabei, die Hauspflege." Denise Schneider wünscht sich, dass der nächste Vermieter so ist, wie die BASF. Und wenn nicht, überlegt sie mit ihrem Partner ohnehin, in ein Eigenheim zu investieren.
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Weitere Wohnungen in Ludwigshafen hat die BASF in der Gartenstadt. Bei einem Ortsbesuch im Ligustergang ist unter der Woche um die Mittagszeit nicht viel los. Wer an der Gegensprechanlage hört, dass der SWR vor der Tür steht, antwortet lieber nicht. Nur ein Mann im mittleren Alter hält kurz an, bevor er in seine Wohnung geht. Er möchte aber nicht namentlich zitiert werden.
Dass die BASF ihre Wohnungen hier verkaufen will, habe er aus den Medien gehört. Die BASF habe einen Brief geschickt, doch den habe er lange nicht mehr. Ihm sei das egal; von der BASF sei er sowieso enttäuscht. Seit Jahren schon investiere das Chemieunternehmen woanders. Mehr möchte er dazu nicht sagen.