Der Weg zu den Weinbergen von Jakob Tennstedt führt über eine mehr als 100 Jahre alte Straße. Früher sind täglich Winzer über das Kopfsteinpflaster von Traben-Trarbach ins Kautenbachtal gefahren.
Historische Postkarten zeigen, dass die Steillagen am Ungsberg und am Hühnerberg im frühen 20. Jahrhundert voller Reben hingen. Heute sind die meisten Hänge mit Hecken zugewuchert und Jakob Tennstedt ist einer der Wenigen, die hier noch Wein anbauen.
Winzer haben Seitentäler aufgegeben
Der Winzer hat lange gebraucht, um die Steillagen freizuschneiden, Mauern und Terrassen aufzubauen und neue Rebstöcke zu pflanzen. "Jetzt nach zehn Jahren Investitionen und Arbeit, bin ich an einem Punkt, wo ich langsam in Weinberge gehe, die mir gefallen", sagt Tennstedt.
Er sieht sich selbst als Idealisten, arbeitet biologisch und weitestgehend von Hand. Doch viele wollen sich das im Kautenbachtal nicht mehr antun. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Winzer aus vielen kleinen Seitentälern der Mosel zurückgezogen.
Sie arbeiten lieber im Flachland, direkt an der Mosel, wo sie Weinbergsraupen und Vollernter einsetzen können. Für Tennstedt wäre das nichts, sagt er: "An der Mosel ist es mir zu laut. Ich hab mich bewusst für die Isolation entschieden." Und er ist nicht der Einzige, der die abgelegenen Lagen für sich entdeckt hat. Das hat auch mit dem Klimawandel zu tun.
Besonderes Klima verleiht Wein Tiefe und Aroma
Denn während sich die Hitze im Moseltal staut, kühlt es im Kautenbachtal zumindest nachts etwas ab. Die Trauben reifen also etwas langsamer und haben daher mehr Zeit, sich zu entwickeln. "Das kann dem Wein mehr Tiefe und Aroma verleihen", meint Tennstedt.
So ist es auch in anderen Seitentälern. Vor Jahren noch ist der Riesling dort nicht immer reif geworden. Durch den Klimawandel ist es dort aber mittlerweile warm genug für die Rebsorte.
Weinkenner wie die Sommelière Inge Mainzer aus Ernst sagen sogar: In den Seitentälern gelingt der Riesling oft besser als im Moseltal: "Dort ist es noch möglich, Weine zu erzeugen, für die die filigranen Moselrieslinge mit prägnanter Säure und viel Geschmack, niedrig im Alkohol und hoher Mineralität berühmt geworden sind."
Gefahr durch Frost ist hoch in den Seitentälern
Das besondere Klima im Seitental kann aber auch zum Problem werden - so wie 2024. Da waren die Nächte so kalt, dass vielen Winzern die Reben erfroren sind. Tobias Treis hat damals seine gesamte Ernte verloren. Auch er baut seinen Wein in einem Seitental an.
Zusammen mit einem Kollegen aus Südtirol hat er den Sorentberg bei Reil rekultiviert. 25 Jahre lang wollte sich diesem Weinberg im Wald niemand stellen. Denn "es ist ein Berg der Extreme", wie Treis sagt: "Die alten Winzer haben immer gesagt, dass in den besten Jahren der beste Wein im Sorentberg wächst." In schlechten Jahren komme aber auch der schlechteste Wein aus dieser Lage.
Wildschweine fressen die Trauben
Die Herausforderung hat Treis gereizt. Und er hat den Weinberg auch nach weiteren Rückschlägen nicht aufgegeben - etwa als ihm Wildschweine die Trauben weg gefressen haben. Denn auch das kommt in den bewaldeten Nebentälern öfter vor als an der Mosel.
Doch Treis wusste, worauf er sich eingelassen hat und der Wein sei es wert. Er entwickle einen besonderen Geschmack, weil er mitten im Wald, auf rotem Schiefer mit Muschelkalk wachse. "Diese Kombination gibt es nirgendwo sonst in der Region", behauptet Treis.
Allen Widrigkeiten zum Trotz lohne sich der Sorentberg also für ihn. "Ich wünsche den jungen verrückten Winzern da draußen, dass sie an so einer Vision festhalten", sagt Treis. Wer spannenden Wein machen will, müsse Mut haben und beständig bleiben.
Branche in der Krise: Immer mehr Weinberge werden aufgegeben
Doch noch bleiben Treis und Tennstedt recht allein auf weiter Flur. Im Mittelrhein-Tal zieht es Winzer schon länger in die Seitentäler, weil es am Rhein zunehmend zu heiß wird, heißt es beim Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau.
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An der Mosel sei aber noch keine Trendwende erkennbar. Selbst in etablierten Nebenlagen wie dem Ruwertal oder dem Salmtal tue sich derzeit nur wenig. Was auch auch mit der Krise der Branche zu tun habe.
Winzer investieren wenig in der Krise
Das erlebt auch Susanne Wey, die mit ihrem Mann ein Weingut in Rivenich an der Salm betreibt: "In den letzten zehn Jahren kamen verstärkt ortsfremde Winzer nach Rivenich und haben hier Flächen gekauft und gepachtet. Zurzeit ist es allerdings auch hier so, dass die allgemein schwierige wirtschaftliche Lage im Weinbau zur Aufgabe von Weinbergen führt." Weil die Weinpreise im Keller sind, riskieren und investieren die Betriebe weniger.
Angesichts der Klimaveränderungen glaubt Wey trotzdem an die Seitentäler: "Da Weinberge ein Generationenprojekt sind, die für mindestens 25 Jahre gepflanzt werden, ist das Klima auf keinen Fall zu vernachlässigen."
Auch Jakob Tennstedt hofft, dass seine Kinder die Weinberge im Kautenbachtal irgendwann übernehmen werden: "Hier steckt meine Lebensenergie drin. Und dafür mach ich das, für diese Hoffnung und diese Aussicht.“ Und vielleicht werden dann irgendwann wieder Postkarten von den Weinbergen im Kautenbachtal gedruckt.