Dokumentation „No Mercy“

Regisseurin Isa Willinger: „Eine Frau stellt für uns keine Autorität dar“

Frauen drehen härtere Filme, davon geht die Doku „No Mercy“ aus. Die Regisseurin spricht über Machtstrukturen im Film – und welche Szenen man bei männlichen Filmemachern nie sieht.

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Die Regisseurin Isa Willinger über ihre Kino-Doku „No Mercy“

Frauen drehen seit mehr als 100 Jahren Filme – doch die Filmgeschichtsschreibung ist bis heute überwiegend männlich geprägt. Erst drei Frauen haben bislang den Regie-Oscar gewonnen, große Budgets und Blockbuster bleiben meist in Männerhand.

In ihrer Dokumentation No Mercy porträtiert Isa Willinger ausschließlich Regisseurinnen – darunter Céline Sciamma, Alice Diop, Valie Export und Virginie Despentes. Im Gespräch erläutert sie, warum sie den Film an einer provokanten These aufhängt – und was sie unter dem „Female Gaze“ versteht.

SWR Kultur: Frau Willinger, Sie stellen in Ihrem Film eine These der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova in den Mittelpunkt: Frauen würden härtere Filme drehen. Kann man das so verallgemeinern?

Isa Willinger: Das Schöne an diesem Ausspruch ist neben der Provokation einfach die Offenheit dieses Begriffs „Härte“, weil ja nicht so ganz klar ist, was damit gemeint ist. Ein harter Film – was ist das denn genau? Das kann ja ganz vieles sein, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Und weil das eben erstens überraschend und zweitens irgendwie auch charmant war als Idee, diese Frage in den Raum zu stellen und zu anderen Regisseurinnen hinzutragen, habe ich mich entschlossen, den Film daran aufzuhängen.

Isa Willinger
Isa Willinger

In der Filmgeschichte ist oft vom „Male Gaze“ die Rede, also vom männlichen Blick auf die Frau. In den letzten Jahren spricht man auch vom „Female Gaze“. Was macht diesen weiblichen Blick aus?

Das ist tatsächlich sehr schwer zu definieren. Als ich mit den Regisseurinnen im Film darüber gesprochen habe, habe ich ganz unterschiedliche Antworten bekommen. Ich glaube, man kann es ein bisschen dahingehend verallgemeinern, dass weibliche Erfahrung zentriert wird in diesen Female-Gaze-Filmen, also wirklich in den Mittelpunkt gestellt wird.

Das kann ganz verschiedene Handschriften beinhalten und in ganz unterschiedlichen Genres stattfinden. Aber diese weibliche Erfahrung wirklich ernsthaft ins Zentrum zu stellen, das ist, glaube ich, das, was es letzten Endes ausmacht.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Ich glaube, man macht es am besten an Beispielen fest, weil es sich so schwer verallgemeinern lässt. Ich hatte vor kurzem den Film Hamnetvon Chloé Zhao gesehen, und da fand ich die Besetzung der weiblichen Hauptfigur total spannend. Jessie Buckley sieht als Agnes eben nicht so glatt aus wie ein Fotomodell oder eine Barbie, wie wir das ganz oft aus Mainstream-Filmen kennen.

Sie hat kleine Fältchen um die Augen, so eine Wildheit, Wärme und Dynamik in sich, auch eine emotionale Stärke. Sie ist sozusagen durch und durch Subjekt und nicht Objekt – schon allein in der Besetzung – und nicht geglättet. Sie muss nicht vor allem schön sein, sondern darf ganz viel anderes sein.

Dokumentation "No Mercy": Die Regisseurin Virgine Despentes
Gesprächspartnerin in der Dokumentation "No Mercy": Die Regisseurin Virgine Despentes

Sie sprechen in Ihrem Film auch Machtstrukturen in der Branche an. Warum ist es heute noch so schwer für Frauen, die gleichen Budgets und Mitspracherechte zu bekommen?

Im Dokumentarfilmbereich ist das noch einmal ein bisschen anders, da gelten andere Regeln. Aber was ich generell beobachte, ist, dass in unserer Kultur Autorität immer noch sehr stark mit einem männlichen Künstler assoziiert wird. Eine Frau stellt in unserem kollektiven – bewussten oder unbewussten – Wahrnehmen oft nicht in gleichem Maße Autorität dar.

Das hat man, finde ich, auch bei der Berlinale-Diskussion gesehen, als Tricia Tuttle als Leiterin wegen eines politischen Eklats unter Druck geraten ist, für den sie eigentlich gar nichts konnte. Ich glaube, Frauen tauscht man schneller aus, weil sie in der Wahrnehmung vieler Menschen nicht diese Autorität und diese starke künstlerische Geste verkörpern.

Was natürlich nicht stimmt, wir haben großartige Künstlerinnen und Regisseurinnen. Aber kulturell wird noch immer etwas anderes auf Frauen projiziert als auf Männer.

Sie haben gesagt, die Arbeit an „No Mercy“ sei für Sie wie eine zweite Filmhochschule gewesen. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich habe wahnsinnig viele Filme entdeckt und Regisseurinnen, die ich vorher noch nicht kannte. Und ich habe viele Details gesehen, wie die Lebenswirklichkeit von Mädchen und Frauen erzählt wird – Details, die ich im männlich geprägten Mainstream-Kino so nicht wahrgenommen habe.

Ein ganz lustiges Leitmotiv, das mir aufgefallen ist – wahrscheinlich komplett ohne Bewusstsein –, ist die urinierende Frau. In ganz vielen Filmen von Regisseurinnen gibt es eine Szene, in der sich die weibliche Hauptfigur irgendwo hinsetzt, auf der Straße oder im Wald, und pinkelt.

Das habe ich in Filmen von Männern so gut wie nie gesehen. Das ist nur ein kleines Detail, aber es zeigt, wie selbstverständlich bestimmte körperliche Erfahrungen erzählt werden können.

„No Mercy“ ist ab dem 5. März im Kino zu sehen

Frauen im Fokus: Regisseurinnen in „No Mercy“

In „No Mercy“ rückt Isa Willinger die Arbeit von sieben herausragenden Regisseurinnen ins Zentrum. Jede von ihnen hat ihre eigene Handschrift – vom Female Gaze über radikale Subjektivität bis zu experimenteller Körperkunst. Entdecken Sie hier die Frauen hinter den Filmen.

Porträt Céline Sciamma
Céline Sciamma Französische Regisseurin und Drehbuchautorin, bekannt für „Portrait of a Lady on Fire“ (2019) und „Tomboy“ (2011). Ihre Arbeiten behandeln Jugend, Identität und weibliche Perspektiven. Bild in Detailansicht öffnen
Porträt von Alice Diop
Alice Diop Französische Dokumentar- und Spielfilmerin. Filme wie „Nous“ (2021) und „Saint Omer“ (2022) thematisieren soziale Ungleichheiten, Migration und Rassismus. Bild in Detailansicht öffnen
Porträt Catherine Breillat
Catherine Breillat Französische Regisseurin, Drehbuchautorin und Essayistin. Bekannt für provokante Filme wie „Romance“ (1999) und „Fat Girl“ (2001), die Sexualität, Macht und weibliche Erfahrung aus eigener Perspektive zeigen. Bild in Detailansicht öffnen
Porträt Virginie Despentes
Virginie Despentes Französische Autorin und Filmemacherin. Werke wie „King Kong Theorie“ (2006) und die „Vernon Subutex“-Romane (2015–2017) verbinden Punk-Attitüde, feministische Perspektiven und gesellschaftskritische Themen. Bild in Detailansicht öffnen
Porträt Valie Export
Valie Export Österreichische Performance-Künstlerin und Filmemacherin. Pionierin der feministischen Avantgarde und Body-Art, bekannt für „Touch Cinema“ (1968) und „Syntagma“ (1978). Bild in Detailansicht öffnen
Porträt Nina Menkes
Nina Menkes US-amerikanische Regisseurin und Produzentin. Bekannt für experimentelle Spielfilme wie „The Bloody Child“ (1996) und kritische Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen im Kino. Bild in Detailansicht öffnen
Porträt Joey Soloway
Joey Soloway US-amerikanische Autorin und Regisseurin, Schöpferin der Serie „Transparent“ (2014–2019). Fokus auf Gender, Identität und Diversität in Film und Fernsehen. Bild in Detailansicht öffnen
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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Kerstin Bachtler
Interview mit
Isa Willinger
Onlinefassung
Helen Roth
Helen Roth