Kommentar

Debatte um Sozialstaat und Lifestyle-Teilzeit: „Weniger schwarze Rohrstock-Pädagogik“

Der Wirtschaftsflügel der Union debattiert über den aufgeblähten deutschen Sozialstaat und „Lifestyle-Teilzeit“. Sozialwissenschaftler Stefan Sell fordert weniger „schwarze Pädagogik mit dem Rohrstock“.

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Stand

Von Autor/in Stefan Sell

Union fordert „mutige Reformen“ statt „Lifestyle-Teilzeit“

Hand aufs Herz: Wer hat noch den Überblick behalten, was nicht alles in den vergangenen Wochen an kleinteiligen Vorschlägen in den öffentlichen Raum geworfen wurde, um endlich „mutige Reformen“ zur Rettung des moribunden Standorts Deutschland auf den Weg zu bringen?

Wir machen zu oft krank und lassen uns dann auch noch bequem telefonisch arbeitsunfähig schreiben, um nicht den mühsamen Weg in die Arztpraxis auf uns nehmen zu müssen. Wir arbeiten einfach zu wenig und frönen der „Lifestyle-Teilzeit“.

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Wir rennen zu oft zum Zahnarzt und lassen uns die Gebisse teuer auf Rechnung der Beitragszahler-Gemeinschaft runderneuern. Das solle man doch zukünftig selbst zahlen. Und überhaupt müssen wir demnächst nicht nur bis 67, sondern weit darüber hinaus arbeiten, weil wir doch alle älter werden.

Dann können wir dem Erwerbsleben was davon abgeben, statt unsere ganze restliche Laufzeit auf Kreuzfahrtschiffen sinnlos zu verplempern.

Ein allgemeines „Wir“ gibt es nicht

Ist Ihnen aufgefallen, dass da immer gerne von „wir“ gesprochen wird? Das soll suggerieren, dass „wir“ alle „in einem Boot“ sitzen. Tun wir aber nicht.

Nehmen wir die gerne kolportierte Aussage, dass wir alle ein paar Jahre länger leben werden. Im Durchschnitt vier Jahre. Unangenehm nur, dass es Menschen gibt, die weit unter und andere, die weit über dem Durchschnitt liegen. So beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den unteren und den oberen 20 Prozent gemessen am Einkommen bei Männern bis zu zehn Jahre.

Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz am Flughafen BER in Berlin (Februar 2026)
Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz betonte wiederholt die Ansicht, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet. Im Sinne des Wirtschaftswachstum will die Union diesen Umstand ändern.

So viele Stunden Erwerbsarbeit wie 2025 gab es in Deutschland noch nie

Und wenn dann auch noch dieser mitlaufende Vorwurf im Raum steht, dass die hohe Teilzeitquote zeigen würde, dass die Leute sich lieber einen Lenz machen, statt in die Hände zu spucken und das Bruttoinlandsprodukt zu steigern, dann wird es vollends grotesk.

Denn gleichzeitig wurden im vergangenen Jahr noch nie so viele Stunden erwerbsgearbeitet – weil immer mehr Menschen, vor allem Frauen und darunter viele Mütter mit Kindern heute einer Teilzeitarbeit nachgehen. Anders als früher, als die Teilzeitquote etwa Anfang der 1990er-Jahre halb so hoch war wie heute und als viele vollständig aus dem Erwerbsarbeitsleben rausgehen mussten.

Und das neben der sonstigen unbezahlten Arbeit, die sie mit und für ihre Kinder, pflegebedürftige Angehörige, für das Ehrenamt vor Ort leisten. Eine ungemein wichtige Arbeit, die es übrigens anderen überhaupt erst ermöglicht, 40 oder mehr Stunden in der Woche arbeiten gehen zu können.

Prof. Dr. Stefan Sell (Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften)
Prof. Dr. Stefan Sell ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz.

Mehr Anreize, weniger schwarze Pädagogik

Mit Blick auf die vielen Millionen Baby Boomer, die bald in Rente gehen, müssten wir sogar mehr Teilzeit arbeiten, damit der eine oder andere noch etwas länger arbeitet – was viele aber bei den heutigen Bedingungen gar nicht in Vollzeit schaffen können oder wollen.

Ein Rat an die politisch Verantwortlichen und die Wirtschaftsfunktionäre: Wie wäre es mit positiven Anreizen und mit Wertschätzung, wenn man was von den Menschen will?

Beispiel Aktivrente – da schlägt sich etwas länger arbeiten für die vielen Fachkräfte ganz handfest im Portemonnaie nieder. Mehr davon brauchen wir und weniger schwarze Pädagogik mit dem Rohrstock.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Stefan Sell
Onlinefassung
Dominic Konrad