Die Wut liegt tief
Sie sind wütend. In Hamburg demonstrierten vergangene Woche Tausende gegen sexualisierte Gewalt. In den sozialen Medien posten und kommentieren überwiegend Frauen Statements, in denen sie erklären, dass sie den Hass und die Gewalt von Männern nicht mehr dulden und nicht mehr aushalten wollen.
Grund für den Aufschrei waren die Vorwürfe, die die Schauspielerin Collien Fernandes gegenüber ihrem Ex-Mann Christian Ulmen erhebt.
Bei den Vorwürfen geht es um digitale Gewalt, um das vermeintliche Erstellen von Fake-Profilen und pornografischen Deepfakes, aber auch um körperliche Übergriffe. Ulmens Anwalt spricht von einer in großen Teilen „unzulässigen Verdachtsberichterstattung". Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Dennoch: Die öffentliche Debatte um Deepfakes und KI ist überfällig. Es geht um Gesetzeslücken und Strafrahmen. Das ist richtig und wichtig. Die Wut gilt etwas Größerem. Sie wurzelt in der Frage darüber, wem Frauenkörper in einer patriarchalen Gesellschaft gehören.
Wer darf über das Leben einer Frau bestimmen?
Diesen Kern versuchen diese fünf Bücher, auf ihre ganz eigene Art, zu durchdringen.
„Mit Männern leben"
Ein Fall, der die Welt erschütterte: Der Vergewaltigungsprozess gegen Dominique Pelicot, er wurde im Dezember 2024 in Avignon zu 20 Jahren Haft verurteilt, 50 Mitangeklagte erhielten ebenfalls Gefängnisstrafen.
Im Zentrum: Gisèle Pelicot, die von ihrem Ex-Mann betäubt und vergewaltigt wurde, der sie anderen Männern im Netz ohne ihr Wissen zur Vergewaltigung anbot.
Die Philosophin Manon Garcia begleitete den aufsehenerregenden Prozess, sie reiste in den Gerichtssaal. In „Mit Männern leben" verbindet sie ihre Beobachtungen mit eigenen Erfahrungen und mit dem Denken Hannah Arendts: Wie Arendt nach dem Eichmann-Prozess die „Banalität des Bösen" beschrieb, konstatiert Garcia die „Banalität des Männlichen": die erschreckende Normalität der Täter.
Eine Welt ohne Koordinaten
Eine Welt ohne Männer: Die Ich-Erzählerin in diesem tagebuchartig verfassten Roman kennt keine Männer. Das Mädchen und 39 weitere Frauen leben in einem Bunker unter der Erde.
Bis eines Tages ein Alarm ertönt und sie sich in einer dystopischen, menschenleeren Welt zurechtfinden müssen.
Der Roman der belgischen Autorin mit jüdischen Wurzeln Jacqueline Harpman „Ich, die ich Männer nie kannte“ erschien 1995 erstmals auf Französisch. Beachtung fand das knapp 200 Seiten starke Buch erst jüngst, als es auf TikTok populär wurde. Nun ist es in deutscher Übersetzung erschienen.
Harpmans Gedankenexperiment – ohne Männer leben – beschäftigt sich neben existenziellen Fragen und beklemmenden Parallelen zu den schrecklichen Zuständen in den Konzentrationslagern der NS-Zeit auch mit der Frage danach, wie eine dystopische Welt aussehen würde, in der die Empathie gegenüber Frauen verloren ginge.
Das älteste Verbrechen der Welt
Dänemark, zwischen 1596 und 1621: In Aalborg stehen Frauen, die friedlich in einer Gemeinschaft lebten, vor Gericht. Ihnen wird der Prozess gemacht, der Vorwurf: Sie seien Hexen.
Olga Ravn, eine der wichtigsten Stimmen der dänischen Gegenwartsliteratur, hat für ihren Roman „Wachskind“ historische Gerichtsdokumente, Zaubersprüche und Handbücher ausgewertet und daraus etwas zutiefst Gegenwärtiges destilliert:
Die Anklage gegen eine Frau hat nie wirklich etwas mit Schuld zu tun. Sie dreht sich um Kontrolle, um Angst vor weiblichem Eigensinn, um das Bedürfnis, eine Frau auf eine Funktion zu reduzieren.
Der Horror dieses Romans liegt nicht in der Fiktion oder dem Übernatürlichen, sondern im Wiedererkennungseffekt.
Ein sicherer Ort, an dem man ihn nicht erwartet
Von Dänemark im 16. Jahrhundert in die Gegenwart: Mit dem Satz „Du hast deinen Ehemann getötet", beginnt die kroatische Autorin Marina Vujčić ihren Roman „Sicheres Haus“.
Lada Lončar sitzt im Frauengefängnis. Vujčić’ Roman ist kein Krimi, denn dass Lada ihren Mann tötete, steht außer Frage. „Sicheres Haus“ ist eine Geschichte von häuslicher Gewalt und Kontrolle, von Macht und Abhängigkeit.
Erst zwischen Mörderinnen und Verbrecherinnen findet Lada zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben etwas, das sie zu Hause nie hatte: das Gefühl, sicher zu sein.
Im eigenen Leben bleiben
Helene Bukowski schreibt in ihren Romanen gerne über Frauen, die sich in schwierigen Umständen zurechtfinden müssen. In ihrem Debüt „Milchzähne“, einer Dystopie, oder In „Die Kriegerin“, das von Soldatinnen in der Bundeswehr erzählt.
In ihrem dritten Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“, der nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse war, rekonstruiert sie die Geschichte der Pianistin Christina. 1985 nahm sie sich das Leben, nachdem sie an einer Spezialschule für Musik in Berlin ausgebildet worden war und in Moskau studierte.
Es ist ein Roman über Fremdbestimmung: Der politische Druck in der DDR, der auf Christina einwirkt, die Erwartungen der Eltern, der Drill an der Schule. Wer steht dem Mädchen, der jungen Frau zur Seite? Die Erzählkonstruktion, die Bukowski für ihren Roman wählt, liest sich als posthume, literarische Solidarität.