Carsten Otte spekuliert über die nominierten Bücher

„Ich liege meistens falsch“ – Prognose für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026

Kurz vor der Bekanntgabe der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse erklärt Carsten Otte die Besonderheiten des Preises und nennt seine persönlichen Favoriten: Bücher von Yevgeniy Breyger, Yade Yasemin Önder, Dana von Suffrin, Norbert Gstrein und Anja Kampmann.

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Stand

Leipzig versus Deutscher Buchpreis

Der Preis der Leipziger Buchmesse versteht sich als literarisches Labor, in dem eine Fachjury aus Kritikerinnen und Kritikern überraschende Entdeckungen ermöglicht – bis hinein in die Lyrik.

Der Deutsche Buchpreis dagegen setzt auf eine gemischte Jury mit Bloggerinnen und Buchhändlerinnen und ist für den Buchverkauf deutlich wichtiger als für riskante literarische Experimente.

Ein klarer Favorit

Literaturkritiker Carsten Otte wünscht sich, dass Norbert Gstreins Roman „Im ersten Licht“ es auf die Shortlist schafft. Ein Buch, über das jetzt schon viel gesprochen wird. Es geht um einen Mann mit einem kaputten Bein, der am Rande der Weltkriege „durch das Jahrhundert hinkt“ – für Carsten Otte ein Muss auf der Liste.

„Ich liege meistens falsch“ – und tippe doch

Beeindruckt zeigt sich Carsten Otte auch von Yade Yasemin Önders „Anti Müller“. Eine Schriftstellerin arbeitet gerade an ihrem zweiten Roman und will unbedingt schwanger werden. Die Autorin ist formal stark, findet für die Obsession ihrer Protagonistin eine rasante, radikale Sprache.

Autorin Yade Yasemin Önder
„Anti Müller“ heißt der neue, zweite Roman von Autorin Yade Yasemin Önder, benannt nach dem Anti-Müller-Hormon. Das ist ein zuverlässiger Marker für die Eizellenreserve. Henning Kaiser Bild in Detailansicht öffnen
Autor Yevgeniy Breyger
Ein literarischer Roadtrip in Versen: Im roten Audi A6 fährt ein Österreicher nach Deutschland, um Kanzler zu werden. Yevgeniy Breygers „hallo niemand“. dts Nachrichtenagentur Bild in Detailansicht öffnen
Autorin Dana von Suffrin
Toxibaby und Herzchen lieben sich. Trotzdem sind sie auch ganz schön fies zueinander. Autorin Dana von Suffrin untersucht in ihrem Roman „Toxibaby" die Dynamiken einer Beziehung, in der ein Liebespaar sich zwischen Abhängigkeit und rauschhafter Liebe bewegt. Panama Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Autorin Anja Kampmann
Anfang der 1930er Jahre in Hamburg: Hedda ist Seiltänzerin in einem Varieté-Theater auf der Reeperbahn. Ihre Geschichte erzählt Anja Kampmann in „Die Wut ist ein heller Stern“. opale.photo Bild in Detailansicht öffnen

Zwei formal spannende Favoriten

Auch das neue Buch von Yevgeniy Breyger „hallo niemand“ gehört auf die Leipziger Liste, findet Carsten Otte. Darin geht es im Audi durch Deutschland und Österreich und dieser Roadtrip in Versen ist gleichzeitig lustig und ernst, aber auch formal überzeugend.

Dana von Suffrins „Toxibaby“ hat ebenfalls einen Platz verdient. Es ist für Carsten Otte das unterhaltsamste Buch, obwohl es darin um das schon oft behandelte Thema „toxische Beziehungen“ geht.

Ein Roman aus dem Herbst gehört ins Rampenlicht

Beim Deutschen Buchpreis wurde Anja Kampmanns „Die Wut ist ein heller Stern“ nicht gewürdigt. Das kann in Leipzig nachgeholt werden, so Carsten Otte.

Es geht um eine Tänzerin auf der Reeperbahn und den Aufstieg der Nazis. Sprachlich ein Seiltanz, „Wer dieses Buch nicht nominiert, der muss gute Argumente haben“, findet Carsten Otte.

Platz 1 (111 Punkte) Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern

Hedda ist Seiltänzerin im Alkazar auf der Reeperbahn. Als die Nazis die Macht im Staate übernehmen, verändert sich der Kiez gravierend. Kampmann verbindet die Not ihrer Figuren eng mit den politischen Verhältnissen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Gespräch führte
Theresa Hübner
Gespräch mit
Carsten Otte
SWR Kultur Literaturkritiker Carsten Otte