Ein Instrument, das verbindet, überrascht und begeistert

Das Akkordeon – Facetten eines vielseitigen Instruments

Vom Volksfest bis zur Neuen Musik: Das Akkordeon zeigt seine beeindruckende Vielseitigkeit in Jazz, Klassik und Experimenten. Eine Reise durch Klang und Kultur.

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Von Autor/in Janine Putzek

Mehr als ein Volksmusik-Klischee

Das Akkordeon hat ein Imageproblem. Viele denken dabei an Jahrmärkte, bayerische Volksmusik oder alte Seemannslieder. Dabei ist das „Instrument des Jahres 2026“ ein wahres Multitalent:

Von Tango in Argentinien über Musette-Walzer in Frankreich bis hin zu zeitgenössischer Musik, das Akkordeon hat längst bewiesen, dass es mehr kann als volkstümliche Klänge.

In den rund 55 Jahren, die ich jetzt Akkordeon spiele, höre ich immer wieder: Das haben wir nicht gewusst, dass man so Musik auf dem Akkordeon machen kann.

Es erzeugt nicht nur heimelige oder nostalgische Stimmungen, sondern auch überschäumende Lebensfreude, Intimität und sogar experimentelle Klänge. Vielleicht ist es an der Zeit, das Akkordeon mit neuen Augen – und Ohren – zu betrachten.

Von der Erfindung zur Ikone

Die Geschichte des Akkordeons beginnt 1829 in Wien, als Cyrill Demian das erste Patent anmeldete. Es kam als reines Begleitinstrument auf die Welt, mit begrenztem Tonumfang. Ursprünglich ließen sich darauf ausschließlich Akkorde mit entsprechenden Basstönen spielen.

Später kamen Klaviaturen und chromatische Tonleitern hinzu, die das Instrument zu einem vollwertigen Melodie- und Soloinstrument machten. Aus dem Akkordeon wurde eine riesige Familie ganz verschiedener Handharmonika-Instrumente.

Akkordeons in vielen Farben gruppieren sich auf, unter und um einen Tisch herum
Knöpfl, Quetschkommode, Schifferklavier, Ziehharmonika – das Akkordeon hat zahllose Namen und wird weltweit gespielt: In Volksmusik, Tango und Musette, in Klassik und zeitgenössischer Musik, Pop, Rock und Jazz. Bild in Detailansicht öffnen
Zwei Hände arbeiten mit viel Feingefühl an den Stimmzungen eines Akkordeons
Beim Akkordeonbau ist auch heute noch vieles Handarbeit, wie etwa das Justieren der Stimmzungen. Man unterschiedet sowohl zwischen Piano- und Knopfakkordeons als auch zwischen diatonischen (sieben Töne) und chromatischen (zwölf Töne) Stimmungen. Bild in Detailansicht öffnen
Musiker das Spielen der Sheng.
Die Sheng, eine traditionelle chinesische Mundorgel, bei der Metallzungen mit Luft in Schwingung versetzt werden, gilt als Vorläuferin des Akkordeons. Europäische Instrumentenbauer haben das Prinzip ab dem 18. Jahrhundert für die Mundharmonika, das Harmonium und schließlich das Akkordeon übernommen. Bild in Detailansicht öffnen
Das Spitzenmodell Gola hat vergoldete Teile und die Tasten für einzelne Töne individuell angeordnet.
Der Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian hat am 23. Mai 1829 ein Patent auf sein „Handbalginstrument“ erhalten. Weltmarktführer Hohner produziert noch heute seine hochwertigen Akkordeons zu großen Teilen in Handarbeit in Trossingen, Landkreis Tuttlingen. Bild in Detailansicht öffnen
Salvatore La Ferrera spielt auf seinem Akkordeon. Für den Weltmeister aus Ulm ist Musik das Wichtigste in Leben.
Das Piano-Akkordeon mit Klaviertasten auf der rechten Seite ist das meistgespielte Modell. Gespielt wird es auch von Salvatore La Ferrera aus Ulm. Er ist 2025 in Frankreich von der "Confédération Mondiale de l'Accordéon" zum Akkordeon-Weltmeister in der Kategorie Jazz gekürt worden. Bild in Detailansicht öffnen
Der französische Akkordeonist Richard Galliano (2018)
Einer der renommiertesten Virtuosen, der französische Jazz-Akkordeonist und Komponist Richard Galliano, spielt auf dem Knopfakkordeon. Richard Galliano 03.03.2018., Zagreb - French harmonic Richard Galliano held a concert in concert hall Vatroslav Lisinski TomislavxMiletic PIXSELL Bild in Detailansicht öffnen
Eva Zöllner
„Es ist wie eine erweiterte Lunge“, sagt Eva Zöllner über das Akkordeon. Dadurch werde das Instrument sehr menschlich. Schon über 300 Werke hat die Westerwälderin auf dem Instrument uraufgeführt und ist damit eine der wichtigsten Interpretinnen der zeitgenössischen Musik. Bild in Detailansicht öffnen
Victor Pribylov mit Kopfakkordeon
Das Knopfakkordeon ist besonders in der osteuropäischen Volksmusik und im französischen Chanson verbreitet und hat keine Tasten wie das Klavier. Victor Pribylov tritt mit seinem Bayan, einer osteuropäischen Variante des Knopfakkordeons, in der Mainzer Fußgängerzonen und in Konzertsälen auf. Bild in Detailansicht öffnen
Die irische Akkordeonistin Sharon Shannon 2018 in Oberhausen
Das "Diatonischen Akkordeon" wird in der Folkmusik gespielt, wie hier von der irischen Akkordeonistin Sharon Shannon. Das Ziehen und Drücken des Balgs erzeugt – wie auch bei der Mundharmonika – unterschiedliche Töne. Bild in Detailansicht öffnen
Musiker mit Cajun-Akkordeon,  Melodeon auf einem Festivals in Lafayette, Louisiana.
Auch das Cajun-Akkordeon aus dem Süden Louisanas ist ein einfaches diatonisches Knopfakkordeon, das Melodiespiel mit Begleitung ermöglicht. Bild in Detailansicht öffnen
Astor Piazzolla  (1921 - 1992 ) Bandoneon-Spieler und Begründer des Tango Nuevo.
Das Bandoneon ist das Herzstück des argentischen Tangos. Astor Piazzolla (1921 - 1992 ) gilt als der bedeutendster Bandoneon-Spieler und Begründer des Tango Nuevo, einer Weiterentwicklung des traditionellen Tango Argentino. Bild in Detailansicht öffnen
„The Pogues“ 2025 bei einem Konzert in Newcastle, UK.
Die englisch-irische Band „The Pogues“ war in den 1980er Jahren der populärste Vertreter des britischen „Celtic Punk“. Prägend für den Stil der Band war auch das Akkordeon, das von Pianist James Fearnley gespielt wurde. Bild in Detailansicht öffnen
Concertina, ca. 1862, London.
Die Concertina hat einen kleinen, sechseckigen Körper und ist besonders in der Seemannsmusik und im englischen Folk beliebt. Im Bild ist eine Concertina aus London vom Endes des 19. Jahrhunderts zu sehen. Bild in Detailansicht öffnen
Zwei junge Musiker 2024 beim Steirischen Harmonika Festival.
Die Steirische Harmonika ist ein diatonisches Akkordeon, das typisch für die Musik der Alpen ist. Zwei junge Musiker beim Steirischen Harmonika Festival 2024. Bild in Detailansicht öffnen
Das Push’n Pull Akkordeon-Orchester
Auch im Orchester spielt das Akkordeon ein Rolle: In Deutschland gibt es geschätzt 2.000 Akkordeonorchester und -vereine. Viele davon sind im Deutschen Harmonika-Verband organisiert. Bild in Detailansicht öffnen
Shanty-Chor "De Tampentrekker" beim Neujahrsempfang 2025 in Hamburg.
Der Hamburger Shanty-Chor "De Tampentrekker". Mit seinen Auftritten in der NDR-Talksendung "Inas Nacht" dürfte er dem "Schifferklavier" zu mehr Poularität verholfen haben. Bild in Detailansicht öffnen

Bei so vielen unterschiedlichen Bauarten und Systemen des Akkordeons oder der Handharmonika-Instrumente insgesamt ist es gar nicht leicht den Überblick zu bekommen.

Alle diese Instrumente haben gemeinsame Vorteile: Sie lassen sich leicht überallhin mitnehmen, ihr Klang ist praktisch auf der ganzen Welt bekannt und es lässt sich darauf Musik aus ganz verschiedenen Genres spielen: von Bach bis Tango, von Chanson bis zeitgenössisch.

Klangexperimente: Das Akkordeon in der Neuen Musik

Das Akkordeon hat längst seinen Platz in der Neuen Musik gefunden: Geräusche, Polyphonie und Mikrotonalität, kürzeste Impulse, irrwitzige Kaskaden und unendliche Klänge, all das ist inzwischen denkbar, wenn ein Akkordeon spielt. 

Ein Beispiel ist das Werk „Anatomic Safari“ von Nørgård, das das Akkordeon als lebendigen Klangkörper inszeniert. Oder Rebecca Saunders‘ „Flesh“, in dem der Interpret auch als Rezitator auftritt, denn der Mund bleibt beim Akkordeon-Spielen schließlich frei.

Radu Ratoi I Per Nørgård - Anatomic Safari

Auch aktuelle Werke wie Dániel Péter Bíros Komposition mit Live-Elektronik beim Festival Ultraschall 2026 beweisen, dass das Akkordeon als Klangforscher-Instrument längst etabliert ist. „Es ist ein Instrument mit mehreren Identitäten; mal klingt es wie Orgel, mal wie Oboe“, erklärt Bíro.

Der Interpret bleibe dabei der Entdecker der klanglichen Möglichkeiten, denn Interpreten waren und sind die wichtigen Motoren all dieser Werke und Experimente. Bei dem noch gar nicht so alten Instrument ist vermutlich noch lange nicht alles Mögliche entdeckt und zu Klang geworden.

Swingende Klänge: Das Akkordeon im Jazz

Das Akkordeon hat einen ungewöhnlichen Weg in den Jazz gefunden. Ursprünglich stark mit Volksmusik verbunden, reiste es im 19. Jahrhundert mit französischen Auswanderern nach New Orleans, wo es Teil der lokalen Musiktradition wurde.

In Europa entwickelte sich parallel eine eigene Jazz-Tradition mit dem Akkordeon. Einer der Pioniere auf dem Instrument ist Richard Galliano. Er nutzt das Atemgeräusch, dass das Akkordeon mit seinem sogenannten Balg erzeugt, das Klappern der Klappen oder er spielt wunderbar swingende poetische Melodien.

In der mediterranen Musiktradition ist das Akkordeon mittendrin, in Frankreich führt es der 45-jährige Virtuose Vincent Peirani ganz gegenwärtig weiter. Er beschreibt es als „lebendiges Wesen“, das atmet und swingt.

Technisch brachte das Akkordeon jedoch Herausforderungen mit sich. Die auf Dreiklänge ausgelegten Akkord-Knöpfe mussten an die komplexen Harmonien des Jazz angepasst werden. Musiker und Instrumentenbauer experimentierten mit neuen Designs, um das Instrument flexibler zu machen.

Ein Blick ins Akkordeonorchester

In Deutschland gibt es geschätzt 2.000 Akkordeon-Orchester und -vereine, viele davon sind im deutschen Harmonika-Verband organisiert. In Ditzingen, beim Handharmonika-Club, wird das Akkordeon zur gelebten Gemeinschaft.

Zum Repertoire des Akkordeonorchesters gehören neben der nach wie vor beliebten volkstümlichen Musik, dem Schlager, Pop, Jazz und Filmmusik auch klassische Musik wie Griegs Peer Gynt Suite oder der Danse Macabre von Saint-Saëns.

Ein Ballettabend 4 Satz Galopp - Akkordeonquintett HHC 1932 Ditzingen

„Die Freude am Spiel steht im Vordergrund“, erklärt Vereinsvorsitzender Andreas Kocher. Das Akkordeon-Orchester biete Platz für alle Spielniveaus. Vom filigranen Solospiel in der ersten Stimme bis zur Begleitung in der vierten Stimme.

Wobei das Akkordeonspiel doch so einiges abverlangt, findet Dirigent Vitali Neifert: „Man arbeitet quasi blind, die linke Hand fühlt die Knöpfe, der Balg steuert die Dynamik.“ Doch die Leidenschaft der Spieler bleibt ungebrochen. Wie ein Orchesterspieler sagt: „Wer einmal damit anfängt, bleibt ein Leben lang dabei.“

Die Heimat des Akkordeons

Trossingen gilt als Mekka des Akkordeons. Hier gründete Matthias Hohner 1857 die weltbekannte Firma Hohner, die das Instrument weltweit populär machte. Die Stadt beherbergt auch das Deutsche Harmonikamuseum und ist ein Zentrum für die Ausbildung junger Akkordeonisten.

Die Verbindung von Tradition und Innovation macht Trossingen einzigartig. Während das Harmonikamuseum die Geschichte des Instruments bewahrt, wird an der Hochschule für Musik die Zukunft gestaltet. Hier entstehen neue Spieltechniken und Kompositionen, die das Akkordeon weiterentwickeln.

Das Akkordeon ist ein Instrument, das Klischees sprengt. Es ist nicht nur ein Teil der Volksmusik, sondern auch ein wichtiger Akteur in Jazz, Klassik und Neuer Musik. Seine Vielseitigkeit und sein einzigartiger Klang machen es zu einem wahren Alleskönner.

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