Welche Geschichte fehlt bislang auf der Opernbühne? Das war die Frage, mit der die Oper Stuttgart auf die Komponistin Sara Glojnarić zukam. Ihr war schnell klar: Es soll um die Stadtgesellschaft gehen.
In Stuttgart hat rund die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen sind Kinder ehemaliger Gastarbeitern aus Italien, der Türkei und dem damaligen Jugoslawien. Ihre Geschichten wollte sie erzählen, sagt Glojnarić.
Vier Jahre Arbeit bis zur Partitur
Jetzt – nach vier Jahren Arbeit – liegt die frisch gedruckte Partitur vor. Es ging um viel mehr als Komponieren, denn das Material für die Oper kommt aus der Stadtbevölkerung selbst.
Die Komponistin hat dafür 27 Interviews geführt. Teilweise mit Mitarbeiterinnen der Oper, die Kinder von Gastarbeitern aus Südosteuropa sind, aber auch mit Leuten, die mit der Oper bislang nichts zu tun hatten.
Sicher spielte es auch eine Rolle, dass Sara Glojnarić selbst aus Kroatien kommt. Sie führte die Interviews mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien auf Bosnisch, Kroatisch, und Serbisch geführt, mit Menschen aus Italien und der Türkei auf Deutsch.
Ein Libretto aus Interviews
Die Interviewten wurden aufgefordert, Musik mitzubringen, die sie mit ihrem Zuhause verbinden. So ist die Komponistin mit Hilfe von Musik in die Familiengeschichten der Stuttgarter eingetaucht.
Die transkribierten Gespräche waren das Rohmaterial für das Libretto der Oper. Das hat die bosnische Theaterautorin Tanja Šljivar geschrieben, die zwischen Wien und Belgrad lebt.
Eine Busreise verbindet die Geschichten
Tanja Šljivar hat Geschichten von echten Personen aus den Interviews ausgewählt und sie in einer fiktiven Busreise entlang der Europastraße 5, der ehemaligen Hauptroute der Gastarbeiter zwischen Süddeutschland, dem Balkan und der Türkei, miteinander verbunden.
Die Reise beginnt an einer erdachten Stuttgarter Haltestelle: „Station Paradiso“. In der Oper fährt der Bus nicht streng geografisch entlang der Route; es geht zunächst nach Kroatien. Das Ziel ist dann Neapel.
Es ist wie eine Art Serie, in jeder Episode, an jeder Station, geht es um die Geschichte eines Passagiers im Bus. Und die anderen Reisenden erleben diese Geschichte mit.
Eine Mixtape-Oper
Die Musik dazu lehnt sich jeweils an die Musik an, die die Interviewten auf Schallplatten, Kassetten und CDs mitgebracht haben: Popsongs, Rock und Balladen der 1970er- bis 90er-Jahre.
Daraus ergibt sich ein ziemlich gutes Mixtape. Die Komponistin hat diese Mixtape-Musik mit zeitgenössischer klassischer Musik verwoben. Sie arbeitet mit charakteristischen Sounds und Instrumenten der Popsongs, im Orchestergraben sitzen deshalb gleich drei Synthesizer.
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