Ein Klavier für die Familie
Die Eleganz einer Chopin-Sonate hatte für Catherine Coquery-Vidrovitch in frühen Kindertagen etwas Magisches. Immer dann, wenn ihre Mutter sie auf dem Pleyel-Klavier zum Besten gab.
Ich treffe die heute 90-jährige Französin in einem Vorort von Paris. Wir sitzen an einem Frühlingsabend in ihrem Garten. Als wäre es gestern, erinnert sie sich an unbeschwerte Tage. Ende der 1930er-Jahre, in Paris.
Die Musik war für uns sehr wichtig, erfüllte die ganze Familie. Bereits die Mutter meines Großvaters war Pianistin. Sie war auf die Musikhochschule gegangen.
Kurz nach dem 1. Weltkrieg hatte ihr Großvater ein gebrauchtes Klavier gekauft. Die Familie erfreute sich viele Jahre am besonders klaren Klang, erzählt mir Catherine Coquery-Vidrovitch. Als die Nationalsozialisten Paris einnahmen und besetzten, änderte sich alles schlagartig – von einem Moment auf den anderen. Da war Coquery-Vidrovitch gerade 7 Jahre alt.
„Das Klavier haben wir später wieder bekommen, unseren Opa nicht.“
Die Familie hat jüdische Wurzeln, war aber laut Coquery-Vidrovitch seit zwei Generationen nicht besonders gläubig. 1943 klopfte es an der Tür, große Männer betraten die Wohnung.
Meine ältere Schwester drehte sich zu mir und sagte: unser Großvater wird deportiert. Ich habe es sofort begriffen. Es war schrecklich. Und sie haben auch unser Klavier mitgenommen. Das Klavier haben wir später wieder bekommen, unseren Opa nicht.
Ihr Großvater wird im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Was von ihm bleibt: das Klavier, das die Alliierten nach Kriegsende nach Paris bringen.
1200 Klavier zurück bei den Erben
Die Schriftstellerin Caroline Piketty hat Geschichten wie die der 90-jährigen Pariserin gesammelt, recherchiert, aufgeschrieben.
Sie hat Archive durchforstet, Kontakt zu Familienangehörigen von deportierten Jüdinnen und Juden in Frankreich aufgenommen. In ihrem Buch „Geraubte Harmonien“ arbeitet sie die vielen Einzelschicksale sorgfältig auf. Sie ergeben ein Gesamtbild, das aufrüttelt.
Im April 1945 kommen etliche Klaviere zurück nach Paris und werden in drei Depots gelagert. 8000 Klavier wurden von den Nationalsozialisten geraubt, 1200 Klaviere finden den Weg in die Hauptstadt zurück.
Geschichten jenseits der Reichen
Viele jüdische Familien in Paris beklagen den Tod ihrer Liebsten. Ihnen bleiben nur die Erinnerungen an glücklichere Stunden. Momente, die sie mit ihren Klavieren verbinden. Caroline Piketty skizziert, wie die Nazis die geraubten Instrumente in alle Winkel des Dritten Reiches verteilen. Die Klaviere stehen bis 1945 in Wohnungen von Wehrmachtsoffizieren und der Elite der Hitler-Diktatur.
Piketty blickt in ihrem Buch oft zurück, betrachtet Paris vor der Ankunft der Nazis: „Über Raubkunst wird heutzutage viel geschrieben. Aber im Grunde genommen betrifft dieses Kapitel nur ganz reiche Familien. Ehrlich gesagt interessiert es mich nicht. Ich interessiere mich für die geraubten Klaviere, weil deren Raub alle betrifft. [...]
Und die Nazis haben alles aus den Wohnungen mitgenommen, bis hin zu Steckdosen und Kleidung. Ich bin sicher, dass bis heute noch in vielen deutschen Wohnungen Klaviere stehen, die einst von den Nazis aus Paris geraubt wurden.“
Die Rückkehr der Klaviere – sie gibt den zerrissenen Familien etwas Lebensinhalt zurück. Musik kann keine Wunden heilen, aber Schmerzen lindern. Caroline Piketty vermittelt dieses Leid eindrücklich.
Ein Klavier als Erinnerung
1946 gelingt es der Mutter von Catherine Coquery-Vidrovitch, das Familienklavier in einem Pariser Depot wiederzufinden. Fortan hat es über Jahrzehnte hinweg seinen besonderen Platz.
Für uns ist es ein besonderes Möbelstück. Das Klavier ist das Einzige, was uns von meinem Großvater bleibt. Ich verbinde es immer mit ihm. [...] Dieses Klavier hat eine Geschichte. Und diese Geschichte berührt mich.
Erinnerungen, die präsent bleiben. Catherine Coquery-Vidrovitch, Zeit ihres Lebens Historikerin, warnt davor, zu vergessen, was Geschichte uns lehrt. Damit kommenden Generationen das Leid ihrer Familie erspart bleibt.
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