Wirtschaftspsychologe Ingo Hamm

Wie wir die Freude an der Arbeit wiederfinden

In einer Arbeitswelt, die immer effizienter, digitaler und schneller wird, sind viele Menschen trotz hoher Produktivität unzufrieden. Sie tun viel, bewirken aber wenig. Warum das so ist, wie wir die Freude an der Arbeit wiederfinden können und welche Rolle Führungskräfte dabei spielen, weiß Wirtschaftspsychologe Ingo Hamm.

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Er hat das Buch "Lust auf Leistung: Wie wir Arbeit (wieder) lieben lernen" geschrieben.

Selbstwirksamkeitskrise: Warum Effizienz auf der Arbeit nicht glücklich macht

SWR1: Sie sagen, weniger arbeiten macht uns nicht zufriedener. Aber kommt es nicht auf die Art des Jobs an?

Ingo Hamm: Ja, absolut. [...] Ich als Psychologe untersuche die persönliche, individuelle Sicht, die Motivation, die wir häufig, aber vielleicht immer weniger mit Arbeit empfinden, aber allgemein mit Tätigkeiten.

In jedem Menschen steckt ein natürlicher Antrieb, etwas im Leben zu bewirken, zu tun. Das fängt bei kleinen Kindern an, die einen Turm mit Bauklötzchen bauen und sich dann freuen, wenn er wieder zusammenfällt. In uns ist ein Programm, mehr aus uns und der Welt zu machen, etwas zu bewirken, zu wirken. Das ist, wenn es gut läuft im Leben, etwas, was ich in die Arbeit überführen kann.

Wir tun viel, aber bewirken wenig!

Nun haben wir in unserer hochkomplexen Gesellschaft und Ökonomie sehr viele Jobs, bei denen dieses unmittelbare Erleben, das Tun, einfach zu kurz kommt. Wir sind hocheffizient, wir sind digital. Wir tun viel, aber bewirken wenig – und das führt uns in eine gewisse Wirksamkeitskrise, die wir dann leider auch mit Arbeit verbinden.

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Unzufriedenheit an der Arbeit: Wann es Zeit wird, etwas zu ändern

SWR1: Was ist, wenn ich auf der Arbeit mit meinem Job, dem Chef, den Kollegen oder Kolleginnen unzufrieden bin?

Hamm: Ich würde hier zwei Zustände unterscheiden. Wenn ich morgens aufwache und aufstehe, muss ich mich aus dem Bett quälen? Dann ist es wichtig, zu hinterfragen: Kommt das einmalig vor? Oder ist es vielleicht eine kleine Phase, wo ich merke, es läuft mit der neuen Chefin, dem neuen Chef nicht so rund, oder ich habe da einen komischen Kollegen?

Wenn ich aber das Gefühl habe, es geht nicht generell um das, was ich tue, sondern um die Rahmenbedingungen, dann versuche ich, Mut zu machen, die Situation selbst in die Hand zu nehmen und die Rahmenbedingungen zu ändern.

Das klingt natürlich einfacher, als es in der Realität häufig ist. Das kann einen Jobwechsel bedeuten, [...] man kann aber auch innerhalb von Unternehmen solche problematischen Settings verlassen und in ein Team wechseln, wo ich die eigenen Kompetenzen besser herüberbringen kann.

Was anderes ist es natürlich, wenn ich jeden Morgen [...] mit schweißfeuchten Händen und einem unguten Gefühl aufwache, weil ich Angst habe, zur Arbeit zu gehen, und ich dann wirklich merke: Die Tätigkeit an sich ist es nicht, die ist grundverkehrt. [...] Dann muss ich etwas unternehmen und mich fragen: Ist die Tätigkeit, der Beruf, die Berufung, die richtige? Passt sie zu meinen Kompetenzen, Talenten, Neigungen?

Unerfüllte Arbeit – Was tun?

SWR1: Manche Menschen finden im Laufe ihres Lebens ihr Glück im Traumjob, aber das ist oft die Ausnahme. Wie kann man mit einem Job umgehen, der nicht erfüllend ist?

Hamm: Dabei kommt es auf zwei Sachen an. Das eine ist: Hat man eine Tätigkeit, die einem wirklich innerlich liegt? [...] Einen Jobwechsel nach zig Jahren oder Jahrzehnten muss man sich leider auch erstmal leisten können. Wir hören oft, dass Managerinnen oder Manager sagen: Ich schmeiße jetzt meinen Job hin und mache etwas komplett anderes. [...] Doch sein Leben, ökonomisch gesehen, noch mal so radikal umzukrempeln, kann sich nicht jeder leisten. Aber ich kann diese Settings verändern, in denen ich operiere. [...]

Dafür brauche ich aber meistens eine professionelle Berufsberatung, bei der Arbeitsagentur oder durch seriöse Beratende, die mit einer Diagnostik helfen können. Was kann ich gut, was sind meine Interessen? Beratende, mir einen Spiegel vorhalten, unbequeme Wahrheiten mit mir durchgehen, damit ich dann zu dieser besseren Passung finde.

Es gibt noch einen zweiten Aspekt, der wichtig ist. Ich vertrete die These, dass man auch glücklich werden kann jenseits der Arbeit. [...] Manche Arbeitgeber verlangen, dass das komplette Team jeden Tag hereinkommt und zu 120 Prozent motiviert ist. Ich glaube, es wäre schon viel getan, wenn die Leute zu 90 und 100 Prozent einfach ihren Job machen, aber die wahre Erfüllung außerhalb der Arbeit finden. [...] Als Arbeitgeber sollte ich versuchen zu erkennen, wie die Menschen ticken, die bei mir arbeiten und deren Interessen fördern, solange es mit der Unternehmung passt.

Führungskompetenz: Wie gute Führung Arbeit verändern kann

SWR1: Einerseits habe ich es als Arbeitnehmerin selbst in der Hand, etwas an den Rahmenbedingungen zu verändern oder mir die entsprechende Beratung zu suchen. Doch welche Rolle spielen Chefinnen und Chefs dabei, eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen?

Hamm: Eine wichtige Führungsaufgabe ist, sich mit den Menschen zu beschäftigen. Häufig wird das verwechselt mit Management. Führungskräfte haben von sich oft das Selbstverständnis, zu gucken, dass der Laden läuft und am Ende des Tages die To-do-Liste abgearbeitet ist. Aber das ist Management, diese Prozesse und die Ressourcen dazu zu steuern.

Echte Führung heißt, sich mit dem Team und mit den Individuen auseinanderzusetzen.

Leider werden dann auch die Menschen als Ressourcen betrachtet, die funktionieren oder nicht und die am Ende ein Ergebnis abliefern. Aber echte Führung heißt, sich mit dem Team und mit den Individuen auseinanderzusetzen. Als Führungskraft auch informell jeden Tag den Wunsch zu verspüren, zu wissen, was die Mitarbeitenden bewegt. [...] Was sind auch die Probleme der Menschen am Arbeitsplatz und auch jenseits des Arbeitsplatzes?

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Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Claudia Deeg
Claudia Deeg
Christian Balser
Interview mit
Ingo Hamm, Wirtschaftspsychologe
Onlinefassung
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