Mehr Gehalt, bessere Aufstiegschancen: Das erhoffen sich immer weniger Berufstätige von Fortbildungen. Vor fünf Jahren planten 57 Prozent der Befragten bei einer Studie der Bertelsmann Stiftung eine Weiterqualifzierung. Aktuell sind es nur noch 50,7 Prozent. Diesen Rückgang finden die Studienautoren alarmierend.
Teilweise liege das Desinteresse aber nicht an mangelndem Interesse, sondern auch an dem verwirrend vielfältigen Angebot, Kosten und Zeitmangel durch Arbeitsverdichtung. Weiterhin bedenklich sei, dass Berufstätige mit niedrigeren Abschlüssen selten Weiterbildungen nutzen. Eine Lösung für dieses Problem sind auch Mentoren in den Betrieben, die individuell Mitarbeiter unterstützen, meinen die Studienautoren.
Tipp: Beratungen und Portale nutzen
- Direkt bei der eigenen Firma nachfragen, welche Angebote es gibt.
- Oder die kostenlosen Beratungen von Industrie- und Handelskammern nutzen. Diese Beratungen sind meist telefonisch möglich.
- Die Bundesagentur für Arbeit hat ein Weiterbildungs-Portal.
- Und wenn so eine Maßnahme, die ich machen möchte, Geld kostet, kann es auch finanzielle Unterstützung geben. Auch da liefert das Portal der Bundesagentur viele Infos.
Abschlussbezogene Weiterbildung nutzen
Nach Angaben von Martin Noack, Weiterbildungsexperte der Bertelsmann Stiftung, gibt es grundsätzlich eine gute Basis im Bereich "abschlussbezogene Weiterbildung". Dort sei die Finanzierung von öffentlicher Seite besser geworden. Durch das Qualifizierungschancengesetz bekomme der Arbeitgeber die Kosten für die Qualifizierung und auch einen Teil der Lohnkosten ersetzt. Konkret bedeutet das für die Mitarbeiter: Sie können zur Qualifizierung gehen, bleiben aber bei ihrem Arbeitgeber angestellt, der vom Staat Geld für ihr Gehalt bekommt.
Laut Noack sei dies jetzt gerade besonders sinnvoll. Da in manchen Wirtschaftsbereichen die Auftragslage nicht so hoch ist. In diesen Fällen wäre es nun eine gute Investition von Arbeitgebern, ihre Mitarbeitenden zu qualifizieren. Bevor die Auftragslage wieder so dicht ist, dass man keine Zeit mehr hat, Leute freizustellen.
Zusatzqualifizierung oft auch teuer
Bei einer Zusatzqualifizierung sehen die Befragten in der Bertelsmann-Umfrage große Hürden in den Kosten und dem Zeitaufwand. Besonders häufig wurde auch kritisiert, dass Weiterbildung in Unternehmen oft als persönliche Angelegenheit und nicht als Teil der Arbeit gesehen werde. Die Studie fordert, das Informationsangebot besser zu bündeln und Maßnahmen finanziell zu unterstützen, etwa durch einen bundesweiten Berufsbildungscheck, der Kosten sozial gestaffelt decken könnte.
Bildung Weiterbildung neben dem Beruf – Was können Hochschulen bieten?
Lebenslanges Lernen wird für Berufstätige immer wichtiger. Auch staatliche Hochschulen entwickeln immer neue Angebote. Ein bekanntes Beispiel ist der Master of Business Administration (MBA), der berufsbegleitend erworben werden kann.
Weiterbildungsaktivisten bleiben unter sich
Die Weiterbildungsaktiven sind in der Regel Menschen, die schon auf einen sehr guten Bildungsweg zurückblicken mit hohen schulischen Abschlüssen, hohen beruflichen Abschlüssen. (...) Wir haben also quasi einen Matthäus-Effekt in der Bildung. Wer Bildung hat, dem wird mehr Bildung gegeben.
Forderung: Bildungsurlaub/Bildungszeit fördern
Bildungsurlaub könne sich nicht jeder leisten, meinen die Studienautoren. In 14 von 16 Bundesländern (bis auf Bayern und Sachsen) gibt es fünf Arbeitstage bei Gehaltsfortzahlung frei. Die Kosten für die im jeweiligen Bundesland anerkannte Weiterbildung trägt der Berufstätige in der Regel selbst. Die Bertelsmann-Stiftung plädiert für einen Berufsbildungscheck, der es zumindest Menschen mit geringem Einkommen ermöglicht, diese Kosten wenigstens teilweise ersetzt zu bekommen.
In NRW wurden in der Vergangenheit bis zu 50 Prozent der Kosten für Bildungsurlaub übernommen. Momentan gibt es dieses Angebot aber nicht mehr. Die Bertelsmann Stiftung meint: Das Angebot sollte es bundesweit geben. Dabei sollten die Kosten bis zu 100 Prozent gefördert werden können, wenn in diesem Weiterbildungsurlaub tatsächlich auch berufliche Kompetenzen entwickelt werden.
Unternehmenskultur verhindert Anfragen
Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben 2022 nur ein bis zwei Prozent der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auch tatsächlich den ihnen zustehenden Bildungsurlaub genommen. Eine Schätzung des arbeitgebernahen Ifo Instituts ging 2023 von durchschnittlich 3,5 Prozent der Beschäftigten aus.
In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz darf der Arbeitgeber die Bewilligung von Bildungsurlaub/Bildungszeit aus betrieblichen Gründen verweigern. In der Regel beantragen Beschäftigte in kleineren oder mittelständischen Firmen keinen Bildungsurlaub, weil es dort nicht zur "Unternehmenskultur" gehört. Mit dem Hinweis: "Das macht bei uns keiner" - ist das Thema schnell vom Tisch.
Schiedsstelle in Baden-Württemberg
In Rheinland-Pfalz gibt es schon seit 1993 den Rechtsanspruch auf Bildungsurlaub. Vor mehr als zehn Jahren ist das Bildungszeitgesetz Baden-Württemberg (BzG BW) in Kraft getreten, 2021 wurde es geändert. Dabei wurde eine Schiedsstelle geschaffen, die bei Uneinigkeit bezüglich der Bildungszeitfähigkeit einer beantragten Bildungsmaßnahme sowohl von Arbeitnehmer- als auch von Arbeitgeberseite angerufen werden kann.
Außerdem kam es zu einer konkreteren Regelung für kleine Betriebe: Es wird zwischen Voll- und Teilzeitbeschäftigten unterschieden. Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten müssen außerdem nur noch auf ausdrücklichen Wunsch die Ablehnung der Bildungszeit schriftlich begründen.