Ob im Auto, Bus, Flugzeug oder auf dem Schiff - für viele Menschen ist die Reise der unangenehmste Teil des Urlaubs. Schwindel, Übelkeit, kalter Schweiß und im schlimmsten Fall Erbrechen: Rund jede zweite erwachsene Person erlebt im Laufe ihres Lebens Reiseübelkeit, medizinisch Kinetose genannt. Doch was genau passiert im Körper - und lässt sich das Problem vielleicht sogar mit Musik lindern?
Ein Forschungsteam der Southwest University in China hat jetzt herausgefunden, dass insbesondere fröhliche Musik Reiseübelkeit anscheinend lindern soll. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Human Neuroscience veröffentlicht.
Studie: Fröhliche Musik reduziert Reiseübelkeit um 60 Prozent
Wichtig sei laut Studie vor allem, welche Musik man hört - also wie die Grundstimmung in dieser Musik ist. Denn fröhliche Musik lindere die Reiseübelkeit am stärksten. Diese konnte die Übelkeit um fast 60 Prozent reduzieren, sanfte Musik wirkte auch sehr gut mit knapp 57 Prozent Linderung.
Leidenschaftliche Musik konnte die Übelkeit immerhin noch um knapp 50 Prozent lindern, traurige Musik hingegen gar nicht. Hier stellte sich sogar der gegenteilige Effekt ein: Den Menschen, denen schon übel war, wurde es noch ein kleines bisschen schlechter.
Reiseübelkeit wurde im Fahrsimulator untersucht
Die Forschenden sind davon ausgegangen, dass Menschen, die unter Reiseübelkeit leiden, während einer Reise - egal ob im Auto, Zug, Schiff oder Flugzeug - angespannt sind. Die Theorie: Musik kann zur Linderung von Spannungen eingesetzt werden.
Um zu testen, ob und welche Musikrichtung funktionieren könnte, wurden 30 Personen, die bekannterweise unter Reiseübelkeit litten, in eine speziellen Fahrsimulator gesetzt. Es wurde gewartet, bis ihnen übel wurde und dann wurden ihnen verschiedene Musikrichtungen vorgespielt.
Gegen Reiseübelkeit: Sanfte Musik sorgt für Entspannung
Die Forschenden sagen, es sei möglich, dass sanfte Musik Menschen Spannungen abbaut, die die Reiseübelkeit verschlimmern, während fröhliche Musik Menschen ablenken könnte, indem sie die Belohnungssysteme im Gehirn aktiviert. Traurige Musik könnte dagegen den gegenteiligen Effekt haben, indem sie negative Emotionen verstärkt und das allgemeine Unbehagen erhöht.
Weitere Forschung zum Einfluss von Musik auf Reiseübelkeit nötig
Die Wissenschaftler weisen aber darauf hin, dass für diese erste Studie eine relativ kleine Stichprobe gewählt wurde und weitere Studien nötig sind. Sie planen, die Experimente mit der Untersuchung verschiedener Formen von Reisekrankheit und der Rolle des persönlichen Musikgeschmacks zu ergänzen.
Auch das Hören eines bestimmten Tons soll gegen Reiseübelkeit helfen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Forschende von der japanischen Universität Nagoya bereits durchgeführt haben. Das Hören eines tiefen Brummtones soll dem Gleichgewichtsorgan helfen und so gegen Reiseübelkeit wirken. Der tiefe Ton, so die Studienautoren, könne durch Vibrationen die winzigen Kalksteinchen in unserem Gleichgewichtsorgan im Innenohr stimulieren.
So entsteht Reiseübelkeit im Körper
Die führende Erklärung liefert das Sensorsignal-Konfliktmodell: Unser Gehirn erhält widersprüchliche Informationen von verschiedenen Sinnesorganen.
- Augen melden: "Ich sitze still" (z. B. beim Lesen im Auto).
- Gleichgewichtsorgan im Innenohr registriert jedoch: "Ich bewege mich“ (durch Beschleunigung, Kurven, Wellenbewegungen).
- Propriozeption (Körper- und Muskelsinn) liefert ebenfalls Signale, die nicht zu den visuellen Eindrücken passen.
Diese Diskrepanz löst eine Stressreaktion im Gehirn aus, die über das Brechzentrum im Hirnstamm vegetative Symptome wie Übelkeit, Schwindel und Erbrechen auslöst. Evolutionsbiologen vermuten, dass dieser Mechanismus ursprünglich als Schutzreaktion gegen mögliche Vergiftungen diente - widersprüchliche Sinneseindrücke wurden vom Gehirn als Zeichen einer Vergiftung interpretiert, woraufhin Erbrechen ausgelöst wurde.
Diese Menschen sind am häufigsten von Reiseübelkeit betroffen
Kinder zwischen 2 und 12 Jahren sind besonders anfällig, da ihr Gleichgewichtssystem sehr sensibel reagiert. Frauen scheinen laut Studien ebenfalls häufiger betroffen zu sein, was möglicherweise auch hormonell bedingt ist. Zwillingsstudien zeigen auch eine erbliche Komponente. Ein fehlender Horizontblick (z. B. in Kabinen ohne Fenster) kann die Symptome zusätzlich verstärken.
Was noch gegen Reiseübelkeit hilft
Prof. Dr. Martin Westhofen, HNO-Arzt und Mitautor einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt, betont: "Die Reduktion sensorischer Konflikte ist der Schlüssel. Alles, was das Gleichgewichtssystem stabilisiert oder die Wahrnehmung harmonisiert, kann helfen - ob durch Blickführung, Körperhaltung oder gezielte akustische Reize."
Mediziner empfehlen gegen Reiseübelkeit bzw. Reisekrankheit eine Kombination aus Verhaltenstipps und - falls nötig - Medikamenten:
- Blick auf den Horizont oder in Fahrtrichtung halten.
- Frischluft und regelmäßige Pausen.
- Leichte Mahlzeiten vor Reiseantritt, fett- und alkoholarme Kost.
- Ingwer – in mehreren Studien als mild wirksam gegen Übelkeit bestätigt.
- Habituation: Wiederholte Exposition kann das Gehirn an die Bewegungsreize gewöhnen.
- Medikamente wie Dimenhydrinat oder Scopolamin, die das Brechzentrum dämpfen, allerdings oft mit Nebenwirkungen wie Müdigkeit.