Einem Forschungsteam aus Amsterdam ist es erstmals gelungen, ein 3D-Modell des Nervengeflechts der Klitoris zu erstellen. Für den Penis gibt es diese Informationen schon seit Jahrzehnten. Die Ergebnisse tragen dazu bei, für mehr Gleichberechtigung in der Medizin zu sorgen.
Klitoris noch untererforscht
Anatomisch gesehen ist die Klitoris das Gegenstück zum Penis - beide Organe entwickeln sich aus den gleichen embryonalen Anlagen. Trotzdem ist über den Penis deutlich mehr bekannt als über die Klitoris. Der Grund: Medizin und Forschung waren lange männerdominiert. Weibliche Sexualität war tabuisiert. Lange Zeit fehlte die Klitoris in Anatomiebüchern sogar komplett.
“Alle Ärzte und Ärztinnen haben da eine Wissenslücke, weil wir das nicht gelernt haben. Weil es in unseren Anatomiestudien nicht abgebildet war, in unseren Fachbüchern”, erklärt die Berliner Gynäkologin und Professorin Mandy Mangler. Sie klärt in Büchern, einem Podcast und auf Social Media regelmäßig über die Klitoris und weitere gynäkologische Themen auf.
Erste Kartierung der Klitoris-Nerven
Hinzu kommen Schwierigkeiten, die Klitoris überhaupt zu untersuchen, da sie feine Strukturen hat und nur schwer zugänglich ist. Ihre dreidimensionale Form ist seit Ende der 90er Jahre bekannt. Doch wie genau die Nerven in und um die Klitoris verlaufen, war bislang unklar.
Ein Forschungsteam des University Medical Centers in Amsterdam konnte das jetzt ändern. Mithilfe eines hochauflösenden Röntgenmikroskops haben die Forschenden den gesamten Beckenraum gescannt. Anhand der Daten konnten sie ein 3D-Modell des Nervengeflechts der Klitoris erstellen. Bei den Präparaten handelte es sich um die Körperspenden zweier Frauen, verstorben im Alter von 59 und 69 Jahren. Die Ergebnisse veröffentlichte das Forschungsteam in einer Studie auf einem Preprint-Server, eine Prüfung durch unabhängige Fachleute muss noch erfolgen.
Nervengeflecht der Klitoris größer als gedacht
Das 3D-Modell zeigt: Das Nervengeflecht der Klitoris erstreckt sich weiter als gedacht. Die Nerven der Klitoris liegen nicht nur an der Vulva, sondern reichen zum Teil bis in den Vulvahügel, die Vulvalippen und die Klitorisvorhaut hinein. “Das bedeutet zum Beispiel, man muss beim Operieren noch vorsichtiger sein”, erklärt Gynäkologin Mandy Mangler.
Die neuen Erkenntnisse helfen dabei, chirurgische Eingriffe im Genitalbereich in Zukunft sicherer durchführen zu können. Dazu gehören auch Operationen zur Geschlechtsangleichung oder rekonstruktive Eingriffe nach einer Verstümmelung weiblicher Genitalien, wie sie in manchen Kulturkreisen praktiziert wird.
Auch für Operationen an der Gebärmutter, den Eierstöcken oder dem Darm, seien die neuen Erkenntnisse relevant, so Mangler. Solche Eingriffe könnten unter Umständen die Funktion der Klitoris einschränken.
Bessere Versorgung für Mütter
Die neuen Erkenntnisse bilden auch die Ausgangsbasis für weitere Untersuchungen - zum Beispiel, wie sich eine Geburt auf die Klitoris und ihre Nerven auswirkt. Denn nicht selten erfahren Frauen nach der Geburt sexuelle Funktionsstörungen. Noch würden Verletzungen der Klitoris bei der Geburt überhaupt nicht dokumentiert, so Mandy Mangler: "Es hat niemand bisher untersucht, ob bei einer Geburt die Klitoris und deren Nerven zum Beispiel verletzt oder verändert werden und welche Bedeutung das dann für die Frauen hat."
Gesunde Klitoris, gesündere Frauen
Die Klitoris ist dabei nicht nur für ein erfülltes Sexualleben relevant. Laut Mandy Mangler gibt es klare gesundheitsfördernde Aspekte, wenn man Sex mit Orgasmen hat. "Zum Beispiel sinkt der Blutdruck, die Schlafintensität steigt, die mentale Gesundheit wird stabilisiert." Die neuen Forschungsergebnisse sind eine Chance, die Klitoris in Zukunft besser zu verstehen und zu schützen - ein wichtiger Schritt für mehr Gleichberechtigung in der Medizin.