Medizin

Klitoris: 3D-Modell zeigt erstmals komplexes Nervengeflecht

Unser Wissen über die Klitoris ist noch immer begrenzt. Forschende konnten jetzt erstmals ihr Nervengeflecht kartieren – eine Chance, das Organ bei Operationen besser zu schützen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Nina Kunze

Einem Forschungsteam aus Amsterdam ist es erstmals gelungen, ein 3D-Modell des Nervengeflechts der Klitoris zu erstellen. Für den Penis gibt es diese Informationen schon seit Jahrzehnten. Die Ergebnisse tragen dazu bei, für mehr Gleichberechtigung in der Medizin zu sorgen. 

Klitoris noch untererforscht 

Anatomisch gesehen ist die Klitoris das Gegenstück zum Penis - beide Organe entwickeln sich aus den gleichen embryonalen Anlagen. Trotzdem ist über den Penis deutlich mehr bekannt als über die Klitoris. Der Grund: Medizin und Forschung waren lange männerdominiert. Weibliche Sexualität war tabuisiert. Lange Zeit fehlte die Klitoris in Anatomiebüchern sogar komplett.

“Alle Ärzte und Ärztinnen haben da eine Wissenslücke, weil wir das nicht gelernt haben. Weil es in unseren Anatomiestudien nicht abgebildet war, in unseren Fachbüchern”, erklärt die Berliner Gynäkologin und Professorin Mandy Mangler. Sie klärt in Büchern, einem Podcast und auf Social Media regelmäßig über die Klitoris und weitere gynäkologische Themen auf.

Erste Kartierung der Klitoris-Nerven

Hinzu kommen Schwierigkeiten, die Klitoris überhaupt zu untersuchen, da sie feine Strukturen hat und nur schwer zugänglich ist. Ihre dreidimensionale Form ist seit Ende der 90er Jahre bekannt. Doch wie genau die Nerven in und um die Klitoris verlaufen, war bislang unklar. 

Ein Forschungsteam des University Medical Centers in Amsterdam konnte das jetzt ändern. Mithilfe eines hochauflösenden Röntgenmikroskops haben die Forschenden den gesamten Beckenraum gescannt. Anhand der Daten konnten sie ein 3D-Modell des Nervengeflechts der Klitoris erstellen. Bei den Präparaten handelte es sich um die Körperspenden zweier Frauen, verstorben im Alter von 59 und 69 Jahren. Die Ergebnisse veröffentlichte das Forschungsteam in einer Studie auf einem Preprint-Server, eine Prüfung durch unabhängige Fachleute muss noch erfolgen.

Dieses 3D-Modell kartiert die Nerven der Klitoris mit Schwellkörpern (grün und rosa), Venengeflecht (blau) und dem Hauptnerv (gelb).
Dieses 3D-Modell zeigt die Klitoris mit Schwellkörpern (grün und rosa), Venengeflecht (blau) und dem Hauptnerv (gelb).

Nervengeflecht der Klitoris größer als gedacht

Das 3D-Modell zeigt: Das Nervengeflecht der Klitoris erstreckt sich weiter als gedacht. Die Nerven der Klitoris liegen nicht nur an der Vulva, sondern reichen zum Teil bis in den Vulvahügel, die Vulvalippen und die Klitorisvorhaut hinein. “Das bedeutet zum Beispiel, man muss beim Operieren noch vorsichtiger sein”, erklärt Gynäkologin Mandy Mangler. 

Die neuen Erkenntnisse helfen dabei, chirurgische Eingriffe im Genitalbereich in Zukunft sicherer durchführen zu können. Dazu gehören auch Operationen zur Geschlechtsangleichung oder rekonstruktive Eingriffe nach einer Verstümmelung weiblicher Genitalien, wie sie in manchen Kulturkreisen praktiziert wird. 

Auch für Operationen an der Gebärmutter, den Eierstöcken oder dem Darm, seien die neuen Erkenntnisse relevant, so Mangler. Solche Eingriffe könnten unter Umständen die Funktion der Klitoris einschränken.

Bessere Versorgung für Mütter

Die neuen Erkenntnisse bilden auch die Ausgangsbasis für weitere Untersuchungen - zum Beispiel, wie sich eine Geburt auf die Klitoris und ihre Nerven auswirkt. Denn nicht selten erfahren Frauen nach der Geburt sexuelle Funktionsstörungen. Noch würden Verletzungen der Klitoris bei der Geburt überhaupt nicht dokumentiert, so Mandy Mangler: "Es hat niemand bisher untersucht, ob bei einer Geburt die Klitoris und deren Nerven zum Beispiel verletzt oder verändert werden und welche Bedeutung das dann für die Frauen hat."

Frau bei der Geburt im Krankenhaus. Dabie kann die Klitoris verletzt werden. Noch wird das medizinisch nicht dokumentiert.
Bei der Geburt kann die Klitoris verletzt werden. Noch wird das medizinisch nicht dokumentiert.

Gesunde Klitoris, gesündere Frauen

Die Klitoris ist dabei nicht nur für ein erfülltes Sexualleben relevant. Laut Mandy Mangler gibt es klare gesundheitsfördernde Aspekte, wenn man Sex mit Orgasmen hat. "Zum Beispiel sinkt der Blutdruck, die Schlafintensität steigt, die mentale Gesundheit wird stabilisiert." Die neuen Forschungsergebnisse sind eine Chance, die Klitoris in Zukunft besser zu verstehen und zu schützen - ein wichtiger Schritt für mehr Gleichberechtigung in der Medizin.

Die Klitoris

Die Klitoris der Frau - auch Kitzler genannt - ist das Lustorgan des weiblichen Körpers. Bei Berührung schickt der Körper Signale an das Sexualzentrum im Hirn der Frau.

Planet Schule: Du bist kein Werwolf - Über Leben in der Pubertät WDR Fernsehen

Nicht nur Frauensache Vulva und Brüste: Was wir wissen sollten - Gynäkologin im Gespräch

Vulva und Brüste – darüber wissen viele von uns zu wenig. Wissen ist aber wichtig, nicht nur für bessere Gesundheit von Frauen. Ein Gespräch mit der Gynäkologin Prof. Mandy Mangler.

Impuls SWR Kultur