Aufgeschlossen, „woke“ und bestens aufgeklärt - so wird die Jugend von heute oft wahrgenommen. Aber stimmt das? In einer großen Meta-Studie haben Forschende von der spanischen Universität in Salamanca die Ergebnisse von 33 Studien zur Sexualität von Jugendlichen in Europa zusammengefasst. Sie zeigt, was sich alles in den vergangenen 50 Jahren verändert hat.
Darum haben Jugendliche immer später den ersten Sex
Seit vielen Jahren zeigt sich ein Trend, dass Jugendliche beim ersten Geschlechtsverkehr immer älter sind. In Deutschland ist der Anteil der Jugendlichen, die beim ersten Sex jünger als 17 Jahre sind, seit einigen Jahren rückläufig, so die Ergebnisse einer deutschen Studie, die auch Teil der Meta-Studie war.
Entwicklungspsychologin Karina Weichold von der Universität Jena vermutet, dass das mit dem verändertes Freizeitnutzung der Jugendlichen zusammenhängt: „Das ist angetrieben worden durch die Covid-19 Pandemie und auch die wachsende Digitalisierung als ein ganz großer Megatrend. Jugendliche heute sind in ihrer Freizeit sehr viel zu Hause, sind sehr viel online, haben weniger Gelegenheiten, auch insgesamt zum Ausgehen, andere auch persönlich zu treffen.“
Die zunehmende Isolierung führt auch dazu, dass Jugendliche immer mehr sexuelle Erfahrungen allein erleben, ergänzt die Entwicklungspsychologin: "Masturbation ist ein viel größeres Thema im Jugendalltag geworden, und dafür muss man nicht rausgehen, man kann mit sich alleine sein und erste sexuelle Erfahrungen machen."
Jugendliche warten auf die "richtige" Person
Dass Jugendliche mit den ersten sexuellen Erfahrungen länger warten, ist ein Trend, der auch nach der Corona-Pandemie weiter anhält. Laut Karina Weichold wollen viele die ersten sexuellen Erfahrungen mit der “richtigen” Person machen. Im Kontext von Social Media bestehe außerdem ein hoher Druck, einem perfekten Schönheitsideal zu entsprechen, erklärt Karina Weichold.
Das alles sind Gründe, warum das erste Mal immer weiter nach hinten geschoben wird und sich möglicherweise auch andere Übergänge im Leben verzögern – denn Jugendliche lassen sich heute insgesamt mehr Zeit, so die Beobachtung der Entwicklungspsychologin.
Oralsex immer beliebter
Die europäische Meta-Studie zeigt eine weitere Veränderung in den Sexualpraktiken: Seit den 2000ern wurde Oralsex unter Jugendlichen immer beliebter. Oralsex ist in Bezug auf HIV recht sicher. Aber es gibt andere Risiken, sagt Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit: „Die Zunahme von Oralsex hat sicherlich dazu geführt, dass wir zum Beispiel Herpes Simplex 2, also Erreger dieser Bläschen, die ja eigentlich im Genitalbereich hauptsächlich auftraten, deutlich mehr auch im Mundbereich auftreten.“
Neben Herpes treten auch bakterielle Infektionen wie Gonokokken oder Chlamydien häufiger im Mundbereich auf. Auch die HP-Viren werden mittlerweile dort vermehrt gefunden - besonders die krebserregenden HPV-Typen 16 und 18, sagt Norbert Brockmeyer. Laut ihm ist in Deutschland seit Anfang des 21. Jahrhunderts ein Anstieg von HPV-bedingten Karzinomen im Mund- und Rachenbereich zu verzeichnen – mittlerweile ist die Hälfte aller Mund- und Rachenkarzinome HPV-bedingt. Im Jahr 2000 waren es nur jeder fünfte.
Schutz vor HPV
HPV ist aber nicht nur bei Oralsex ein Risiko Mundbereich. Am bekanntesten ist das Virus wohl im Zusammenhang mit Gebärmutterhalskrebs - hier gilt eine Infektion mit HPV als die häufigste Ursache.
Die seit 2006 zugelassene HPV-Impfung kann das Risiko effektiv mindern. Da HPV auch andere Arten von Krebs begünstigen kann, wird diese Impfung inzwischen allen Menschen zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen, egal welches Geschlecht sie haben und auch nach dem ersten Sex.
Deutsche Jugendliche benutzen seltener Kondome
Sexuell übertragbare Infektionen (STI) nehmen in Europa zu. Das Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat festgestellt, dass Gonorrhö, Chlamydien und Syphilis bei jungen Menschen deutlich zugenommen haben.
Einer der möglichen Gründe, der auch in der Meta-Studie erwähnt wird, ist, dass deutsche Jugendliche immer seltener Kondome benutzen: Laut WHO-Bericht gaben 2022 etwa 60 Prozent der Jungen an, beim letzten Sex ein Kondom verwendet zu haben – 2014 waren es noch 70 Prozent. Bei den Mädchen ist der Trend ebenfalls rückläufig - von 63 Prozent auf 57 Prozent.
Dafür wird die Pille in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern deutlich häufiger genutzt, auch wenn ihre Nutzung auch in Deutschland rückläufig ist. Karina Weichold meint, dass die Nutzung von Verhütungsmitteln sehr stark von Trends abhängt. "Es ist eine veränderte Einstellung, gerade bei jungen Mädchen, die die Benutzung der Pille bevorzugen. Dies hängt damit zusammen, dass das HIV/AIDS in unserer Gesellschaft kein so großes Thema mehr ist wie vielleicht in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts."
Sexualunterricht in der Schule ungenügend
Experten fordern daher mehr Aufklärung und Bildung, vor allem in den Schulen. Die Entwicklungspsychologin Karina Weichold bewertet den Sexualunterricht in Schulen kritisch. Sie sagt, dass dieser, wenn er überhaupt stattfindet, meist nur im Bereich der Wissensvermittlung erfolgt. "Das bedeutet, dass Jugendliche sehr allgemein über die biologischen Abläufe der Sexualität aufgeklärt werden. Die Vermittlung sexueller Kompetenz fehlt in Schulen völlig. Darüber hinaus ist es jedoch ebenso wichtig, ihnen zu vermitteln, wie sie einen positiven Bezug zu ihrem eigenen Körper herstellen können."
Die heutige Aufklärung an Schulen würde Jugendlichen also nicht gerecht werden. Aber auch das Internet bietet für junge Menschen in puncto Aufklärung mehr Gefahren als Chancen, meint Norbert Brockmeyer, der Präsident der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit: „Das Internet hat ein unglaubliches Angebot zu sexuellen Themen, zur Sexualität. Aber die meisten Seiten dort sind nicht gut, man kann sagen, 95 Prozent sind für eine gute Sexualaufklärung sicherlich nicht brauchbar. Außerdem haben die meisten Jugendlichen keine gute Bildung darüber, wie sie mit sozialen Medien umgehen sollen.“
Neben ungefilterter Pornographie können junge Menschen auch Opfer von Mobbing-Attacken auf sexueller Ebene werden - wie beispielsweise Nacktfotos, die im Internet landen. Das ist ein Risiko, mit dem Jugendliche heute viel stärker zu kämpfen haben als früher.
Aufklärung: je früher, desto besser
Laut Norbert Brockmeyer darf die Aufklärung nicht erst mit zehn oder elf Jahren beginnen, sondern muss früher einsetzen und kindgerecht angepasst werden. Die frühe Auseinandersetzung mit dem Thema sexuell übertragbarer Krankheiten, habe dabei positive Effekte für Jugendliche – und das nicht nur im Bezug auf die Gesundheit, sondern auch was das Wohlbefinden beim Sex angeht, sagt Brockmeyer.
„Es gibt sehr schöne Studien aus den USA, die deutlich zeigen, dass Jugendliche bezüglich der HPV-Impfung sehr genau über Sexualität aufgeklärt wurden, schon mit zehn Jahren. Und diese Kinder und Jugendlichen, die entsprechend sehr gut aufgeklärt worden sind, hatten später sexuelle Kontakte, waren im Umgang mit Sexualität wesentlich bewusster und selbstbewusster. Und sie hatten weniger sexuell übertragbare Infektionen“, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit.