Multiresistente Keime: MRSA, MRGN, 3MRGN und 4MRGN

MRSA & Co.: wenn Antibiotika nicht mehr helfen

Eine Infektion mit multiresistenten Erregern oder Krankenhauskeimen kann tödlich sein. Wo lauern solche Keime? Wer ist besonders gefährdet? Was kann man dagegen tun? 

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Von Autor/in Markus Böhle, Eva Gnädig

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Jährlich sterben weltweit über eine Million Menschen an Infektionen mit multiresistenten Bakterien. Und die Zahlen steigen - vor allem bei älteren Menschen. Die WHO nennt das Problem gar bereits "stille Pandemie”. Das Problem: Solche Erreger sind schwer zu bekämpfen, weil sie auf mehrere Antibiotikagruppen nicht mehr ansprechen.

Was sind multiresistente Keime?

Resistente Keime sind Keime, die durch genetische Veränderungen gegen bestimmte Antibiotika resistent, also unempfindlich, geworden sind.

Multiresistente Keime oder Erreger, kurz: MRE, werden Bakterien genannt, die gegen gleich mehrere Antibiotika bzw. ganze Antibiotikagruppen unempfindlich geworden sind.

Gelangen solche Keime in den Körper insbesondere von immungeschwächten Menschen, können sie schwere Infektionen auslösen, die lebensbedrohlich werden können.

Da multiresistente Keime häufig in Kliniken vorkommen, spricht man umgangssprachlich auch von Krankenhauskeimen.

Beispiele für multiresistente Keime

Zu den multiresistenten Keimen gehören so genannte MRSA und MRGN:

  • MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Ein eigentlich gewöhnlicher Hautkeim mit veränderter Zellwand, an die sich viele Antibiotika nicht binden können. MRSA kommen in der Nasen- und Rachenschleimhaut und auf der Haut vor und halten sich auf Oberflächen. Sie können z.B. über die Hände übertragen werden. Sie können in Krankenhäusern ein großes Problem sein, mit gezielten Hygienemaßnahmen aber zurückgedrängt werden.
  • MRGN: Multiresistente gramnegative Stäbchen. MRGN befinden sich in unserem Darm und im Abwasser. Im Darm helfen sie uns bei der Verdauung. Doch wenn sie von außen in den Harntrakt gelangen oder in die Blutbahn, z.B. über offene Wunden, wird es gefährlich. MRGN bilden Enzyme, die insbesondere eine wichtige Antibiotika-Gruppe, die „Carbapeneme“, unwirksam machen. Sie kommen in Kliniken vor. Und sie sind schwer zu bekämpfen, denn sie siedeln nicht nur auf antibiotikabehandelten Mitpatienten, sondern in den Badezimmern der Kliniken. Anders als die multiresistenten MRSA-Bakterien halten sich MRGN-Bakterien lange Zeit in Abflüssen. Sie lieben eine feuchte Umgebung.
  • 3MRGN und 4MRGN: Sind Bakterien gegen gleich mehrere Antibiotikagruppen resistent, spricht man auch von 3MRGN und 4MRGN: bei 3MRGN-Bakterien handelt es sich um eine Resistenz des Bakteriums gegen 3 definierte Antibiotikagruppen, bei 4MRGN gegenüber 4 (also fast alle) Antibiotikagruppen.

Wo lauern multiresistente Keime? Wie werden sie übertragen? 

Krankenhäuser sind ideale Orte, an denen sich Krankheitserreger verbreiten können.  

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland pro Jahr ungefähr 50.000 bis 150.000 bakterielle Infektionen, die sich Patientinnen und Patienten im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung einfangen. Menschen haben offene Wunden und geschwächte Immunsysteme, das ist optimal für die Bakterien. Medizinisches Pflegepersonal transportiert sie dann auch noch unfreiwillig von Bett zu Bett. Sie siedeln auf antibiotikabehandelten Patienten, auf Tieren, die Antibiotika erhalten, aber auch in den Badezimmern der Kliniken. Und sie können auch auf Wiesen und in Flüssen vorkommen. 

Die Übertragung erfolgt also auf verschiedene Weise: 

  • über Haut und Hände. 
  • Über Oberflächen. 
  • Über medizinische Geräte.  
  • Durch Tröpfchenübertragung. 
  • Über Spritzwasser aus den Abflüssen von Waschbecken und Duschen in Kliniken.

Geraten resistente Keime bei Risikogruppen in den Körper, droht eine komplizierte Infektion. Die dann mit Antibiotika behandelt werden muss.

Warum nehmen multiresistente Keime zu?

Der Einsatz von Antibiotika in Medizin und Nahrungsmittelindustrie fördert die Entstehung von immer mehr multiresistenten Keimen.

Welche Rolle spielen Hygiene-Waschmittel? 

Die Wäsche zuhause deshalb mit einer zusätzlichen Portion Hygiene in Form von Hygienespülern zu behandeln, ist in der Regel allerdings laut Experten keine gute Idee. Im schlimmsten Fall können die Mittel für Mensch und Umwelt sogar schädlich sein: Sie können Allergien auslösen und das Risiko der Bildung von resistenten Keimen erhöhen.  

Um Keime zu töten, reicht meist ein Vollwaschmittel sowie eine Wasch-Temperatur von mindestens 60 Grad aus.  

Wer ist besonders gefährdet? 

Eine Besiedlung ist für gesunde Menschen in der Regel harmlos, sie kann allerdings Monate bis Jahre andauern. 

Gefährdet sind schwer kranke und immunschwache Menschen.  

Gerade bei medizinischen Eingriffen oder offenen Wunden besteht ein erhöhtes Risiko.

Wie kann man sich schützen? 

Um solche Infektionen zu verhindern, braucht es Hygienemaßnahmen in den Kliniken.  

Und die beginnen am besten bereits vor jeder stationären Aufnahme, zum Beispiel mittels eines Screenings, etwa mit Hilfe eines Fragebogens, wie an der Uniklinik Heidelberg. Bei Verdacht auf eine Besiedlung werden Abstriche gemacht, die Proben dann ins Labor geschickt.  

Ist ein Patient Träger von MRSA oder 4MRGN-Keimen, muss er isoliert werden. Das Personal betritt das Zimmer mit Schutzkleidung.  

Dennoch bestehe immer ein gewisses Restrisiko im Krankenhausumfeld, meint Dr. Christian Brandt. Er leitet die Sektion Krankenhaushygiene an der Uniklinik Heidelberg. Er empfiehlt den Menschen deshalb, sich die Hände zu desinfizieren, wenn sie zurück kehren in ihre Zimmer sowie bevor sie Speisen zu sich nehmen oder sich schlafen legen.  

Auch das Personal müsse auf Händehygiene achten und dazu regelmäßig geschult werden.  

Auch sogenannte Antibiotic-Stewardship-Teams sorgen dafür, dass Antibiotika verantwortungsvoll und möglichst gezielt eingesetzt werden. Denn ein sorgloser Antibiotikagebrauch würde die Verbreitung resistenter Keime weiter fördern. 

Die Herausforderung: Menschen mit multiresistenten Keimen kann man isolieren, Badezimmer aber nicht. Sobald der Wasserhahn läuft, spritzt auch Wasser aus dem Abfluss nach oben. 

Problembereich Krankenhaus-Bad 

Damit das nicht mehr passiert und keine MRGN-Keime aus dem Abfluss entweichen können, wird der Waschbeckenabfluss bei neuen Krankenhaustoiletten nicht mehr direkt unter dem Wasserhahn installiert. Außerdem gebe es bei den neuen Waschbecken keine Möglichkeit mehr, seine Wasch-Utensilien, wie etwa Zahnbürste, abzustellen, sagt Prof. Martin Exner von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene: "So wird verhindert, dass man sich die Keime beim Zähneputzen in den Mund treibt.” 

Hochgefährlich, aber nicht unbesiegbar Multiresistente Keime: Waschbecken und Duschen sind das Problem

Bestimmte multiresistente Keime (MRGN) sind auf dem Vormarsch. Doch es gibt Strategien, wie sie bekämpft werden können.

Schon 2020 hat die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention eine Empfehlung für Kliniken herausgegeben:

Was hilft gegen multiresistente Keime?

Trotz aller Maßnahmen: Infektionen mit resistenten Erregern lassen sich nie ganz verhindern. Umso wichtiger ist deshalb die Forschung an neuen Reserve-Antibiotika. Solche Reserve-Antibiotika  können Leben retten.  

Damit das so bleibt, versuchen Mediziner wie Christian Brandt von der Uniklinik Heidelberg, den Gebrauch von neuen Antibiotika restriktiv halten. Damit man das neue Antibiotikum so lange wie möglich behalten könne, “denn leider sind Bakterien in der Resistenzentwicklung schneller als die Industrie in der Neuentwicklung von Substanzen”, so Brandt. 

Hinzu kommt: Für Pharmaunternehmen ist es wenig attraktiv, neue Antibiotika zu entwickeln. Denn gerade, weil das ärztliche Personal in Kliniken versucht, Reserve-Antibiotika wenig einzusetzen, springt wenig bis kein Gewinn für die Entwickler heraus. 

Das Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) hat deshalb zusammen mit Partnern aus Industrie und Forschung, die gemeinnützige Gesellschaft INCATE gegründet. INCATE will die Entwicklung neuer Antibiotika in Europa fördern – mit wissenschaftlicher Expertise und finanziell.

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