Für einige Menschen mit Depressionen sind herkömmliche Behandlungen wie Medikamente und Psychotherapie nicht ausreichend. Bei mehr als 30 Prozent der Betroffenen wirken die verfügbaren Medikamente nicht zufriedenstellend. Bis zu 80 Prozent erleben innerhalb eines Jahres einen Rückfall.
Psilocybin, ein natürlicher Wirkstoff aus den sogenannten "magic mushrooms“ oder "Zauberpilzen“, wird seit einigen Jahren als mögliche neue Behandlung bei Depressionen erforscht. Eine neue Studie aus Deutschland hat die Chancen und Grenzen dieses Ansatzes untersucht. Die Testreihen wurden am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und der Berliner Charité durchgeführt.
"Magic mushrooms" bei Depressionen - So wurde Psilocybin getestet
Die Studie, die im renommierten Fachjournal JAMA Psychiatry veröffentlicht wurde, begleitete 144 Menschen mit chronischer Depression. Im Schnitt hatten die Patientinnen und Patienten schon fünf Antidepressiva ohne Erfolg eingenommen.
Die Teilnehmenden wurden in drei Gruppen aufgeteilt, um die Wirksamkeit verschiedener Dosen Psilocybins zu untersuchen:
- 25 Milligramm Psilocybin: Die sogenannte „volle Dosis“, die in vielen Studien verwendet wird.
- 5 Milligramm Psilocybin: Eine niedrigere Dosis, die weniger intensive Effekte auslöst.
- Nikotinamid: Ein Placebo, das leichte körperliche Reaktionen hervorruft, um die Wirkung der Substanz glaubhaft vorzutäuschen.
Die Behandlung umfasste zwei Sitzungen, die im Abstand von sechs Wochen stattfanden. Jede Sitzung wurde von erfahrenen Therapeutinnen und Therapeuten begleitet, da Psilocybin starke Wahrnehmungs- und Gefühlsveränderungen hervorrufen kann. Eine intensive Vorbereitung und Nachsorge war ebenfalls Teil des Behandlungsprotokolls.
Häufige Verbesserung durch Psilocybin – doch Durchbruch bei Depressionen bleibt aus
Psilocybin mit begleitender Psychotherapie zeigte nach sechs Wochen eine gewisse Wirkung, aber keinen durchschlagenden Erfolg. Das angestrebte Studienziel - eine Halbierung der Depressionssymptome - wurde nicht erreicht.
Studienleiter Professor Gerhard Gründer erklärt: "Als wir die Studie geplant haben, da gab es die Ergebnisse von kleinen offenen Studien, und die waren superpositiv. [...] Wenn man dann in größere Patientenzahlen geht, dann werden die Effekte kleiner."
Trotzdem zeigte die Studie, dass Psilocybin bei einigen Teilnehmenden spürbare Verbesserungen bewirken kann. Die Dosis von 25 Milligramm führte zu einer messbaren und im Durchschnitt klinisch relevanten Linderung der Symptome. Auffällig war jedoch, dass eine zweite volle Dosis keinen zusätzlichen Nutzen brachte.
Die individuellen Unterschiede in der Wirkung waren beträchtlich - von kaum spürbar bis zu außerordentlich positiv bei einzelnen Patientinnen und Patienten. Gründer berichtet von einem Fall, bei dem eine Patientin nach der Therapie sagte: "Ich habe gerade meiner Psychiaterin gesagt, die ich seit 20 Jahren kenne: `Ich komme nicht mehr, ich bin geheilt.´"
Nebenwirkungen und Risiken der Psilocybin-Behandlung bei Depressionen
Die Studie macht auch deutlich, dass eine Behandlung gut überwacht werden muss. Denn Psilocybin ist kein ungefährlicher Wirkstoff. Besonders bei der höheren Dosis von 25 Milligramm traten Nebenwirkungen auf, die von vorübergehenden Beschwerden bis hin zu ernsthaften Komplikationen reichten.
Häufige Nebenwirkungen während der Behandlung:
- Psychische Belastung: Viele Teilnehmende berichteten von intensiven emotionalen Reaktionen während der Sitzungen. Diese konnten beängstigend und belastend sein.
- Körperliche Beschwerden: Häufig traten Kopfschmerzen, Übelkeit und Bluthochdruck auf. Diese Symptome waren unangenehm, verschwanden aber meist nach kurzer Zeit.
Ernsthafte Nebenwirkungen der Psilocybin-Therapie:
- Suizidgedanken: An den Tagen der Behandlung berichteten einige Teilnehmende vermehrt von Suizidgedanken. Dies zeigt, wie wichtig eine engmaschige therapeutische Begleitung ist.
- Panikattacken: Eine Patientin erlitt nach der Einnahme Panikattacken, die eine stationäre Behandlung erforderlich machten.
- Ein Patient musste wegen einer akuten Blutdruckkrise in die Notaufnahme.s
Fachleute warnen daher eindringlich vor einem unkontrollierten Einsatz von Psilocybin. Dr. Johannes Jungwirth, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (Schweiz) betont: "Solche sehr seltene Verläufe zeigen, dass Psilocybin nur in einem therapeutischen Rahmen eingesetzt werden sollte."
Auch Prof. Dr. Gregor Hasler, Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Fribourg (Schweiz) hebt hervor, "wie wichtig bei psychedelischen Therapien eine sorgfältige Patientenauswahl, eine gründliche Vorbereitung und Begleitung während der Behandlung sowie eine angemessene Nachsorge sind."
Perspektiven für die Zukunft der Psilocybin-Therapie bei Depressionen
Unabhängige Fachleute loben die sorgfältige Methodik und Genauigkeit der Studie. Sie sehen Psilocybin weiterhin als vielversprechenden Ansatz, der jedoch noch intensiver erforscht werden muss. Zukünftige Studien sollen klären, für welche Patientengruppen die Therapie besonders geeignet ist und wie groß der Nutzen tatsächlich ist.
Gerhard Gründer rechnet in den USA schon in ein bis zwei Jahren mit einer Zulassung des Wirkstoffs, in Europa werde es sehr viel länger dauern. Die Nachfrage aber ist schon jetzt gewaltig.