Schmatzen, Tippen, leises Atmen, das sind Geräusche, die viele Menschen kaum wahrnehmen. Für manche können sie aber zur echten Belastung werden. Sie lösen dann starke emotionale Reaktionen aus wie Wut, Stress oder Ekel. Misophonie bedeutet wörtlich: "Hass auf Geräusche". Patrick Crauser ist Gründer der Plattform Misophoniehilfe, Coach und selbst Misophoniker.
Die Misophonie begann bei Patrick Crauser mit typischen Essensgeräuschen als Trigger
SWR1: Welche Geräusche bereiten Ihnen Probleme?
Patrick Crauser: Im Grunde sind es bei mir typische Geräusche wie Schmatzgeräusche. Das hat damals bei mir angefangen, als mein Papa rechts von mir am Esstisch gesessen hat und mit den Zähnen aufeinander geklappert hat beim Essen. Das waren für mich die schlimmsten Geräusche damals.
SWR1: Was ist dann passiert?
Crauser: Ich bin extrem wütend und aggressiv geworden. Das war in meiner Jugend teilweise so schlimm, dass ich mit 13, 14 die Tür meines Kinderzimmers eingeschlagen habe. Das ist so eine unbändige Wut, die dann wie ein Dämon Besitz von einem ergreift. Du bist plötzlich eine ganz andere Person. Das ist total krass.
Das ist so eine unbändige Wut, die dann wie ein Dämon Besitz von einem ergreift.
SWR1: Und wie kam das dann raus?
Crauser: Bei mir war das damals so: Mit 30 hatte ich einen Zeitungsartikel zugesandt bekommen, das war irgendeine Online-Zeitschrift. Da stand das erste Mal dann schwarz auf weiß "Misophonie". Ich habe mir das dann durchgelesen und das hat 1 zu 1 auf mich gepasst. So habe ich mich dann im Prinzip selbst diagnostiziert.
Abneigung gegen Alltagsgeräusche: Misophonie ist keine anerkannte Krankheit
SWR1: Kann man damit auch zum Arzt gehen, statt sich selbst die Diagnose zu stellen?
Crauser: Eine offizielle Diagnose ist deswegen schwierig, weil Misophonie noch keine anerkannte Krankheit ist. [...] Man kann versuchen, erstmalig zum Hausarzt zu gehen und die Symptome zu schildern. Ich habe schon vom ein oder anderen Fall gehört, der vom Hausarzt eine offizielle Diagnose bekommen hat.
Aber diesen offiziellen Charakter, wie man das jetzt von einem Krankenschein kennt, auf dem dann ein ICD-Schlüssel draufsteht, gibt es offiziell noch nicht bei Misophonie. Leider.
Entkonditionierung als eine Strategie, um Trigger bei Misophonie abzumildern
SWR1: Was gibt es für Strategien, die im Alltag helfen können, Trigger abzumildern?
Crauser: Was bei unseren Klienten sehr, sehr gut funktioniert hat, ist Entkonditionierung. Das heißt, dass wir die Geräusche unter Entspannung wahrnehmen. Der erste Schritt ist natürlich eine Trockenübung, dass wir uns zum Beispiel auch mal ein Lied mit einem Trigger zusammenschneiden und währenddessen tanzen und lachen. Also irgendein Lied, das dann auch Serotonin, Endorphine, Dopamin auslöst, Glückshormone.
Man muss diszipliniert dranbleiben, jeden Tag fünf oder zehn Minuten entkonditionieren, das Lieblingslied nutzen und [ ... ] einen moderaten Trigger.
Was bei unseren Klienten sehr, sehr gut funktioniert hat, ist Entkonditionierung. Das heißt, dass wir die Geräusche unter Entspannung wahrnehmen.
Alltagsgeräusche, die Patrick Crauser heute triggern: Schleckgeräusche seiner Kater
SWR1: Wie kommen Sie heute mit knapp 40 durchs Leben? Gibt es noch Geräusche, die Sie verrückt machen?
Crauser: Ich bin nicht geheilt von Misophonie. Natürlich gibt es noch das eine oder andere Geräusch, das mich auch triggert. Ich lebe mit meiner Partnerin zusammen mit meinen beiden Katern Big Mac und Yoshi. Und die beiden schaffen es dann auch ab und zu mal, mich zu triggern.
Zum Beispiel, wenn sie sich nach dem Essen fünf Minuten lang schlecken. Das ist dann so ein typisches Geräusch, was mich heute auch noch sehr herausfordert.
Ich bin nicht geheilt von Misophonie. Natürlich gibt es noch das eine oder andere Geräusch, das mich triggert.
SWR1: Ist es auch eine Lösung, einfach aus dem Raum zu gehen? Also kann man dem auch ausweichen?
Crauser: Ich setze mit meiner Partnerin schon einen Schritt vorher an, und zwar, wenn meine Katzen gegessen haben. Fünf oder zehn Minuten später geht dann die große Schleckerei los. Und in der Zeit sitze ich dann oben bei mir im Homeoffice im Büro. Insofern klappt das sehr, sehr gut. Man kann auch durch geschickte organisatorische Maßnahmen das Ganze etwas umschiffen.