Social Prescribing

Gegen Einsamkeit: Gibt es bald soziale Kontakte auf Rezept?

Einsamkeit kann krank machen. In Deutschland läuft nun eine Studie an: Ärztinnen und Ärzte sollen soziale Aktivitäten verschreiben können. Das steckt hinter „Social Prescribing“.

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Stand

Was in Großbritannien schon länger etabliert ist, soll nun auch in Deutschland getestet werden: Ärzte verschreiben soziale Aktivitäten, einen Besuch bei einer Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe. Seit Januar 2025 läuft das Pilotprojekt "Social Prescribing EU".

So wollen Forschende herausfinden, ob manche körperliche Beschwerden auch soziale Ursachen haben können. Insgesamt 22 europäische Einrichtungen sind beteiligt - darunter auch die Charité in Berlin. Projektleiter Professor Wolfram Hermann beantwortet dem SWR die wichtigsten Fragen:

Außerdem: Wir stellen vor: das Mitmach-Projekt "Exit Einsamkeit" des SWR.

Wer kann an dem Projekt teilnehmen? Wer ist von Einsamkeit bedroht?

Jochen Steiner, SWR: An dem Projekt nehmen Menschen teil, die "besonders gefährdet" sind. Was heißt das genau? Wer macht dort mit?

Professor Wolfram Hermann, Projektleiter "Social Prescribing EU": In dem europäischen Projekt geht es um Menschen in vulnerablen Lebenssituationen. Wir haben drei Gruppen:

  • Geflüchtete und Erstgenerationsmigranten,
  • homosexuelle, bisexuelle, asexuelle und trans Personen,
  • ältere, alleinlebenede Menschen über 65 Jahre.

Alle drei Gruppen nennt man deshalb vulnerabel, weil sie ein erhöhtes Risiko für soziale Probleme haben - insbesondere für Einsamkeit. Darüber hinaus wissen wir auch, dass alle drei Gruppen erhöhte Hürden haben, um vorhandene Angebote vor Ort in Anspruch zu nehmen.

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Gibt es schon erste Ergebnisse zur Studie in Deutschland?

Wolfram Hermann: Die europäische Studie 2025 haben wir angefangen. Da sind wir in der Phase, in der wir das Social Prescribing mit Leuten aus den drei vulnerablen Gruppen anpassen. Die randomisiert kontrollierte Studie, also eine Studie mit Kontrollgruppe, findet ab Frühjahr 2026 statt.

Wir haben parallel auch gerade eine Machbarkeitsstudie in Deutschland abgeschlossen. Daran haben 234 Menschen teilgenommen. Hier ging es erstmal um die Umsetzbarkeit. Auswerten müssen wir es noch genauer.

Aber wir haben prinzipiell gesehen, dass wir die richtigen Leute erreichen und dass das Studiensetting in der Hausarztpraxis klappt. Dort werden Menschen mit sozialen Problemen weiter verwiesen und in die Studie rekrutiert.

Wo löst man das "Rezept für Soziale Kontakte" ein?

Wolfram Hermann: Wenn bisher jemand kommt mit Problemen auf der Arbeit, zum Beispiel Mobbing oder mit Einsamkeit, dann habe ich als Hausarzt wenig Möglichkeiten, etwas zu machen. Ich kann natürlich Leute krank schreiben, das hilft aber natürlich bei dem Problem nicht.

Das Social Prescribing gibt mir jetzt die Möglichkeit, an Linkworker weiterzuverweisen. Diese Linkworker, das ist der Kern des Social Prescribing, sprechen dann in der Hausarztpraxis mit den Patienten. Sie überlegen, was die passenden Angebote vor Ort sind. Das kann ebenso eine Beratungsstelle sein wie ein Café für alleinerziehende Mütter - es ist eine große Bandbreite.

Trainierte Linkworker erarbeiten mit den Patienten auf Rezept Möglichkeiten für soziale Kontakte, so das Modell.
Trainierte Linkworker erarbeiten mit den Patienten auf Rezept Möglichkeiten für soziale Kontakte, so das Modell.

SWR: Diese Linkworker gibt es aber großflächig noch nicht. Die müssten dann noch eingestellt werden?

Wolfram Hermann: Das ist ein neues Berufsbild in Deutschland. Wir haben aktuell in unserer Studie zwei aktive Linkworkerinnen. Im Juni haben wir aber auch noch eine Gruppe von zwölf zukünftigen Linkworkerinnen aus ganz Deutschland hier bei uns am Institut dafür weitergebildet.

Wie reagieren Ärzte auf die Möglichkeit des Social Prescribing?

Wolfram Hermann: Das Feedback von den Hausärztinnen, die weiterverwiesen haben, ist sehr positiv. Sie haben das als als sehr hilfreich wahrgenommen, diese Option für Patientinnen und Patienten zu haben.

Zwei junge Frauen mit Babys tauschen sich lächelnd in einem Café aus. In Zukunft könnten Ärzte ein Rezept für individuelle Maßnahmen gegen Einsamkeit verschreiben, wie zum Beispiel für ein Treffen für alleinerziehende Mütter.
In Zukunft könnten Ärzte ein Rezept für individuelle Maßnahmen gegen Einsamkeit verschreiben, wie zum Beispiel für ein Treffen für alleinerziehende Mütter im Café.

Wie gut funktioniert Social Prescribing bereits in Großbritannien?

Wolfram Hermann: In Großbritannien ist Social Prescribing vor ungefähr zehn Jahren entstanden. Es startete mit einzelnen Pilotprojekten und ist jetzt flächendeckend ausgerollt, weil man sehr gute Erfahrungen damit gemacht hat.

Es wurden auch viele Studien gemacht. (...) Wobei man da sieht, dass viele dieser Studien keine Kontrollgruppe hatten. Bei den Studien ohne Kontrollgruppe hat man immer sehr gute Effekte gesehen. Bei Studien mit Kontrollgruppe, die dann einfach methodisch besser sind, sind die Effekte kleiner. Das ist auch ein Grund, dass wir jetzt Studien mit einer Kontrollgruppe machen.

Aber Social Prescribing ist aus dem Alltag in Großbritannien inzwischen nicht mehr wegzudenken. Das gibt es auch in vielen Ländern der Welt. In den Niederlanden wird jetzt aktuell auch Social Prescribing flächendeckend ausgerollt. Es gibt Projekte in Kanada, in Singapur und in Australien.

Wie realistisch ist es, das Rezept auf soziale Kontakte flächendeckend in Deutschland einzuführen?

Wolfram Hermann: Vorausgesetzt, wir weisen den Effekt einerseits nach. Und wir weisen auch nach, dass es sich finanziell lohnt - dass das, was es langfristig bringt, sich im Vergleich zu dem auszahlt, was man für die Linkworker zahlen muss - darauf weisen die internationalen Ergebnisse hin. Dann wäre das ein sehr gutes Argument, Social Prescribing auch in Deutschland einzuführen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Interview mit
Prof. Dr. Wolfram Hermann, wissenschaftlicher Koordinator des Projekts „Social-Prescribing-EU“
Das Interview führte
Jochen Steiner
Onlinefassung
Lilly Zerbst
Portraitbild der Reporterin Lilly Zerbst.