Methode in der Orthopädie

Stoßwellen gegen Schmerzen – was bringt die Therapie wirklich?

Fersensporn, Tennisarm, Hüftprobleme: Die Stoßwellentherapie soll bei vielen Problemen helfen. Wie die Methode funktioniert – und wann die Krankenkasse zahlt.

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Von Autor/in Heike Scherbel

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Extreme Schmerzen in der Schulter, im Arm, im Fuß oder der Hüfte können zur enormen Belastung werden für Betroffene. Hintergrund der Beschwerden sind oft Überlastungen oder Fehlhaltungen, manchmal heilen sie deshalb mit der Zeit sogar von selbst wieder ab. In der Regel werden die Problemstellen ansonsten mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie behandelt. Doch nicht immer hilft die Behandlung – in einigen Fällen bleiben die Beschwerden.

Orthopäden raten gerade bei Kalkschulter, Tennisarm oder Fußschmerzen inzwischen häufig zur sogenannten Stoßwellentherapie. Auch bei anhaltenden Rückenschmerzen oder Verspannungen wird die Methode mitunter empfohlen. Und selbst bei Herzerkrankungen werden Stoßwellen inzwischen eingesetzt. Nur in wenigen Fällen allerdings wird eine Stoßwellentherapie von den Krankenkassen bezahlt – und die Studienlage ist uneindeutig.

Was sind Stoßwellen – und wie wirkt die Stoßwellentherapie?

Stoßwellen sind kurze, zielgerichtete und sehr energiereiche Schallwellen, die sich durch Wasser und Weichteilgewebe bewegen können. Sie durchdringen Haut, Fett und Muskelgewebe, ohne zu verletzen. Die Energie wird erst freigesetzt, wenn die Wellen auf feste Gewebebestandteile stoßen. Ursprünglich wurde die Stoßwellentherapie zur Zertrümmerung von Nierensteinen entwickelt und bereits seit den 80er Jahren als Methode in diesem Bereich etabliert, zunehmend aber auch für den Einsatz in der Orthopädie erforscht.

Die Stoßwellen werden in einem speziellen Gerät – einer Schallsonde - erzeugt und über einen Schallkopf auf die zu behandelnde Stelle übertragen. Treffen sie auf Verkalkungen, können sie diese zertrümmern. Für die Patientinnen und Patienten sind die Stoßwellen als ein kurzes Stechen wahrzunehmen, wie kleine Nadelstiche.

Bei welchen Beschwerden wird die Stoßwellentherapie angewendet?

Dr. Ivo Breitenbacher ist Facharzt für Orthopädie in Böblingen – und wendet die Stoßwellentherapie seit vielen Jahren an. Die Methode sei sehr sicher und nebenwirkungsarm, sagt er – und der Heilungsvorgang könne durch sie enorm verkürzt werden.

„Die Stoßwellentherapie ist meiner Meinung nach ein echter Game-Changer. Der Körper wird in die Lage versetzt, sich selbst zu heilen."

Mit dieser Meinung ist der Sportmediziner und Stoßwellentherapeut nicht der einzige – die Stoßwellentherapie wird in der Orthopädie inzwischen bei vielfältigen Beschwerden eingesetzt. Vor allem bei

  • Tennisarm
  • Kalkschulter
  • Fersensporn
  • Fußgelenksbeschwerden
  • Achillessehne
  • Hüftbeschwerden
  • Kniescheibenüberlastung
  • und zur Knochenheilung

Durch die Stoßwellen sollen nicht nur Verkalkungen gelöst, sondern auch regenerative Prozesse in Gang gesetzt werden – und dadurch Heilung und Reparatur bestimmter Problemstellen. Angeregt werden könnten zum Beispiel knochenbildende Faktoren, erklärt Orthopäde Dr. Breitenbacher. Auch darauf, dass die Methode die Knorpelregeneration fördere, gebe es bereits Hinweise. 

Mehreren Studien zufolge soll die Stoßwellentherapie – teilweise auch in Form von radialen, flächiger eingesetzten Wellen - aber auch Entzündungen reduzieren, indem sie die Durchblutung verbessert, die Zellregeneration anregt und entzündungshemmende Substanzen freisetzt.

Bei welchen Beschwerden zahlt die Krankenkasse für eine Stoßwellentherapie?

Es gibt zahlreiche Studien zur Stoßwellentherapie, doch die Ergebnisse sind uneinheitlich. Der sogenannte IGeL-Monitor, ein Gesundheitsportal, das individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) nach wissenschaftlichen Standards bewertet, schreibt, dass Studien etwa zur Wirksamkeit bei der Kalkschulter oder dem Tennisarm „nicht durchgehend von hoher Qualität“ oder die Ergebnisse „uneinheitlich“ seien. Zudem seien zumindest vorübergehende Nebenwirkungen des Verfahrens belegt.

Gesetzliche Krankenkassen übernehmen deshalb häufig nicht die Kosten einer Stoßwellentherapie. Seit 2019 nur bei Fersenschmerzen - und nur unter bestimmten Voraussetzungen. Bei anderen Diagnosen muss die Anwendung in der Regel privat bezahlt werden. Je nach Zeitaufwand und Anzahl der Sitzungen kann das mehrere Hundert Euro kosten.

Verschiedene Fachverbände sprechen sich aber dafür aus, dass die Stoßwellentherapie breitere Anerkennung als Kassenleistung finden soll.

"Eigentlich ist das Ergebnis und die Wirkung der Stoßwelle dermaßen gut und nachhaltig, dass wir eigentlich dafür plädieren, dass die Stoßwellentherapie nicht erst im späteren Verlauf zum Einsatz kommt, sondern in vielen Fällen auch als erste Behandlungsmaßnahme eingesetzt werden sollte."

Bei der Wahl des Therapeuten müsse man aber auf Erfahrung, eine fundierte Ausbildung und eine gute Geräteausstattung achten, rät Dr. Breitenbacher - denn nur so sei die Therapie wirklich wirksam.

Mit Stoßwellen gegen Herzprobleme

Stoßwellen werden nicht nur in der Orthopädie genutzt, seit einigen Jahren kommen sie auch in der Kardiologie zum Einsatz. Die Methode soll etwa bei verengten Herzkranzgefäßen helfen.

An einer koronaren Herzkrankheit leiden in Deutschland etwa 6 Millionen Menschen. Dabei verengen Kalkablagerungen die Arterien, die das Herz mit Blut versorgen. Das Ziel einer Therapie: Die Durchblutung wieder herzustellen. Zum Beispiel über eine klassische Bypass-OP.  Oder durch die innovative koronare Lithotripsie - also über Stoßwellen. Dabei wird ein kleiner Ballon eingeführt, in dem zwei Elektroden sind, über die dann elektrische Entladungen stattfinden. So entstehen die Stoßwellen.

„Das ist wirklich eine wahnsinnig tolle Technik“, sagt Professor Dr. Dominik Rath, Kardiologe am Universitätsklinikum Tübingen. Unter Kardiologen sorgt aktuell noch eine weitere Anwendung von Stoßwellen für Aufsehen: So konnten Forscher zeigen, dass bei Herzmuskelschwäche inaktive Herzmuskelzellen wiederbelebt werden können - durch Stoßwellen.

"Wenn ich mir diese Studie anschaue, so ist sehr vielversprechend, dass die Patienten mit der Stoßwellentherapie eine wesentlich bessere Erholung der Herzfunktion zeigten als die Kontrollgruppe. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass wenige Patienten in diese Studie eingeschlossen wurden."

Die Kosten für eine koronare Lithotripsie werden in der Regel von den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Ob die neue Methode mehr Nutzen bringt als herkömmliche Eingriffe, wird derzeit untersucht.

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