Immer noch entscheidet oft die soziale Herkunft darüber, ob jemand Karriere macht oder nicht. Professorin Inge Schüßler aus Mainz kennt das nur zu gut. Sie ist ein Arbeiterkind und hatte in der Schule kaum Unterstützung. Wie sie es trotz aller Widerstände bis zur Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg geschafft hat, hat sie auf SWR1 erzählt.
Abi als Arbeiterkind? Die Grundschullehrerin riet ab
SWR1: Dein Vater war einfacher Arbeiter. Wie mutig war es, im Alter von zehn Jahren zu sagen: Ich will Abitur machen?
Inge Schüßler: Das war sehr mutig. Ich weiß auch gar nicht, woher ich diese Kraft genommen habe. Meine Eltern bekamen von der Grundschullehrerin gesagt: Das wird nichts. Sie können doch dem Kind nicht helfen. Keiner in der Verwandtschaft hatte einen akademischen Abschluss.
Selbst organisierter Schulwechsel als Schlüssel zu Abi und Karriere
SWR1: Und wenn es tatsächlich mal einen Hänger auf dem Gymnasium gab, was hat dich dann wieder rausgezogen?
Schüßler: Zum Teil waren es Lehrer, die selbst eine ähnliche Biografie hatten, also vom Land kamen. Ich weiß noch, dass ich einen sehr tollen Mathelehrer hatte. Damals war ich noch gut in Mathe.
Später bekam ich einen anderen Lehrer und stürzte dann wirklich ab. Es war klar: Wenn ich sitzen bleibe, schaffe ich das Abi nicht. Und da habe ich dann die Schule gewechselt.
SWR1: Selbst organisiert, also waren die Eltern auch raus, oder?
Schüßler: Früher war es ja so, dass man seinen Schulbezirk hatte und da musste man hingehen. Heute kann man ja die Schule frei wählen. Ich musste einen guten Grund finden, dass ich an die Schule wechseln konnte, die 45 Kilometer weit entfernt war.
Also gab ich an, ich würde gern einen Kunst-Leistungskurs machen. Das wurde bei uns an der Schule nicht angeboten. [...] Damit hatte ich die Chance, an diese weiterführende Schule zu gehen, und mein Abi zu machen.
SWR1: Waren die Eltern dann später wenigstens stolz?
Schüßler: Meine Mutter hatte irgendwann die Einsicht und sagte: "Ja, da haben wir doch bei dir gelernt: Bildung kann dir keiner nehmen, aber ein Haus kann abbrennen." Sie hat gedacht, dass das ein Kapital ist, das man sozusagen ewig hat. Aber sie hat auch ein Stück weit recht gehabt.
Eine Karriere als Arbeiterkind: Heute ermutigt Inge Schüßler andere in einem Verein dazu
SWR1: Heute hilfst du selber bildungsfernen Kindern mit einer Patenschaft. Du unterstützt ein Mädchen. Auf welche Art und Weise?
Schüßler: Ich bin im Verein Startblock Rhein Main e.V. tätig. Das ist ein Verein, der sich um Kinder aus sozial schwachen, bildungsfernen Elternhäusern kümmert, indem wir Bildungspaten vermitteln.
Das sind Grundschulkinder, viele Migrationskinder, die da Schwierigkeiten haben. Die vermitteln wir an einen Bildungspaten, den wir auch wirklich gewählt aussuchen.
Da geht es eigentlich nicht darum, mit denen viel zu lernen. [...] Es geht darum, sie sozusagen in die Welt einer anderen Kultur mitzunehmen, mit ihnen ins Museum zu gehen oder ins Schwimmbad. [...]
Also ein ganz toller Job und ein tolles Ehrenamt. Ich ermutige jeden, der vielleicht jetzt in Rente ist und sagt: "Mir ist langweilig", bei uns einzusteigen.