Rückblick ins Jahr 2022: der russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist in vollem Gange. Für den SWR1 Podcast "Neuanfang!" treffen wir uns damals mit Tetiana. Sie war vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet und hatte in Baden-Württemberg Schutz gesucht. In Metzingen hat sie ihn gefunden. Hört man noch einmal, was Tetiana uns damals erzählte, wird deutlich, wie es den Geflüchteten ging und mit welchen Hoffnungen sie in die Zukunft blickten.
Ich hoffe darauf, dass man sich in der Welt wieder sicher fühlt. Nach diesem Krieg kann man sich nirgendwo mehr völlig sicher fühlen.
Dass wir Mitte Dezember 2025 noch einmal mit ihr sprechen würden, dass die russischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung unerbittlich und ohne absehbares Ende weitergehen würden, können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Wie lange wird der Krieg gegen die Ukraine noch dauern?
In Deutschland treffe ich Geflüchtete, die sagen "wir sind beschützt, unsere Kinder sind beschützt". Aber wir machen uns immer Gedanken, wie es unseren Verwandten geht, die im okkupierten Gebiet leben.
Nach ihrer Flucht war Tetiana immer wieder zu kurzen Besuchen in ihrer Heimat, immer mit gemischten Gefühlen. Auch im Februar 2023, rund um den ersten Jahrestag des Kriegs gegen die Ukraine. Sie erzählt, dass es ihr gut geht, weil sie viele Freunde und Verwandten getroffen hat. Und dass ihre Heimatstadt ihr viel Energie gegeben habe, der Ort ihrer Stärke sei.
Die Menschen glauben, dass der Sieg bald kommt. Der Preis ist sehr hoch: Die Ukraine hat den höchsten Preis bezahlt in diesem Krieg. Aber wir haben keine andere Wahl.
Tetiana: Hoffen und Bangen liegen nahe beieinander
Und dann erzählt Tetiana von den Hoffnungen der Menschen in der Ukraine. Jetzt schon, 2023, würden sie vom Wiederaufbau sprechen und konkrete Projekte planen.
Die Zeit ist sehr schwierig, aber wir gucken in die Zukunft – mit Hoffnung.
Hilfe aus Baden-Württemberg: Karolina aus Weil der Stadt
Als der Krieg gegen die Ukraine anfing, flüchteten viele Menschen ins Ausland. Die Menschen, die in der Ukraine bleiben, bekamen (und bekommen auch heute noch) viel Unterstützung – auch aus Baden-Württemberg. Karolina Nourddine aus Weil der Stadt im Kreis Böblingen zum Beispiel hat ihr Leben umgekrempelt. Seit Kriegsbeginn sammelt sie pausenlos Spenden und lässt die Sachen an die ukrainische Grenze bringen.
Wenn ich könnte, würde ich mein Auto packen. Ich würde da am liebsten hinfahren. Aber ich habe zwei Kinder und bin vernünftig.
Spenden: Hilfe für Menschen in der Ukraine
Karolina schickt die Pakete aus Weil der Stadt mit dem Bus oder mit einer Spedition ins Kriegsgebiet. Unterstützung bekommt sie durch einen Freund in Polen.
Den habe ich vor einem Jahr kennengelernt. Er hat einen Hilfeaufruf im polnischen Fernsehen gemacht und ich habe ihn angeschrieben. (…) Seitdem habe ich jeden Tag mit ihm Kontakt. Er ist einfach ein Engel in der Ukraine. Er guckt immer, wo er helfen kann.
Auch wenn sich die Menschen in der Ukraine inzwischen an den Krieg gewöhnt hätten, hofften alle, dass das alles bald ein Ende hat.
Hilfe kommt auch aus Reutlingen: Markus Brandstetter hat vor mehr als fünf Jahren die Hilfsorganisation "Drei Musketiere Reutlingen" aufgebaut.
Mit einem fast 20-köpfigen Team hilft er Menschen weltweit. Seit Kriegsbeginn sind die Reutlinger in der Ukraine aktiv und bringen Hilfsgüter vor Ort.
"Ein Jahr Krieg in der Ukraine": So half (und hilft) die SWR Herzenssache
Ein Jahr Krieg in der Ukraine
Am 24. Februar 2022 veränderte sich das Leben für die Menschen in der Ukraine grundlegend. Viele Familien verlassen seitdem ihre Heimat auf der Suche nach Schutz und Sicherheit.
Zeitsprung ins Jahr 2025: Wann gibt es Frieden in der Ukraine?
Wie lange der Krieg noch dauert, weiß niemand – weder damals, 2022, noch Mitte Dezember 2025, als wir Tetiana erneut treffen. Es sind die Tage, in denen europäische Staats- und Regierungschefs gemeinsam mit Abgesandten aus den USA und dem ukrainischen Präsidenten in Berlin nach einer Friedenslösung suchen.
Russland sitzt nicht mit am Tisch; die von Bundeskanzler Merz geforderte Waffenruhe über Weihnachten hat der Kreml abgelehnt. Währenddessen wächst die Sehnsucht nach Frieden – auch bei Tetiana.
Der Wunsch nach Frieden prägt heute die Gedanken aller Ukrainerinnen und Ukrainer, sowohl im Land als auch im Ausland. [...] Dieser Krieg erschöpft nicht nur die Ukraine, er wirkt sich auf ganz Europa aus. Emotional, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Meine Hoffnung ist, dass diese Zeit der Angst, der Trauer und der Unsicherheit zu Ende geht.
Tetiana engagiert sich in der neuen Heimat Metzingen
Tetiana hat in der Ukraine Kinderpsychologie und Lehramt studiert. Deshalb hat sie sich in Metzingen sofort in der Betreuung geflüchteter Kinder engagiert und arbeitet an einer Schule als Lehrerin einer Vorbereitungsklasse. Parallel leitet sie am Wochenende einen Sprach- und Integrationskurs für Frauen.
Bildung ist zentral für Tetiana. Deshalb hat sie auch "Campus" in Metzingen mitaufgebaut, unterstützt von der Stadt und einem Privatmann. Dort gibt es Sprachkurse, Bücher und Konversationsmöglichkeiten; man trifft sich zum Lernen und zum kreativen Werken.
Ich fühle mich gut, wenn ich abends weiß: Der Tag war sinnvoll, nicht nur für mich, sondern auch für meine Tochter, für meine Schülerinnen und Schüler, für unsere ukrainische Community. Für mich ist es wichtig, dass Ukrainerinnen und Ukrainer hier in Deutschland schrittweise ihren Platz in der Gesellschaft finden.
Studien belegen, dass viele Flüchtlinge aus der Ukraine inzwischen Arbeit in Deutschland gefunden haben. Die Zahl der Beschäftigten hat sich nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) innerhalb von zwei Jahren verdreifacht. Fast drei Viertel der arbeitenden Ukrainerinnen und Ukrainer haben versicherungspflichtige Stellen, zahlen also in die deutschen Sozial- und Steuerkassen ein.
Diese Information deutlicher an die Öffentlichkeit zu bringen, ist Tetiana sehr wichtig. Das zeige, sagt sie, dass etwas voran gehe. Und fügt hinzu, dass sie ihr Bestes tue, um auch etwas beizutragen. In kleinen Schritten – das sei ihre Stärke. Wie etwa in der Schule, in der sie den Kindern ihre Kraft gebe und diese ihr Kraft und Energie zurück gäben.
Deutschland ist so schön und die Leute hier sind so freundlich und nett. Aber ehrlich gesagt lebe ich gleichzeitig in einer anderen Realität. Manchmal wache ich auf und schaue mich erst einmal um. War das ein Nacht-Traum oder ist das jetzt mein echtes Leben? Und dann greife ich zu meinem Handy, um meine Eltern anzurufen und zu fragen: Haben sie Strom, haben sie Wärme und Wasser? Hoffnung und Verzweiflung liegen sehr nah beieinander.